Zofia Kulik

Zitate abgelichteter Alltagsobjekte und Motive der Kunstgeschichte, Bewegungsbilder und menschliche Gesten katalogisiert und formiert Zofia Kulik gleichermaßen zu einem persönlichen Bildfundus wie zu einem neugeordneten und ordnenden Weltbild.

Zofia Kulik wird 1947 Wroclaw (Breslau) geboren. Von 1965 bis 1971 studiert sie an der Akademie der Schönen Künste (Akademia Sztuk Piêknych) in Warschau Bildhauerei bei Oskar Hansen und Jerzy Jarnuszkiewicz, bei dem sie anschließend promoviert. Dort lernt sie Przemyslaw Kwiek kennen, mit dem sie von 1971 bis 1987 unter dem Namen KwieKulik zusammen arbeitet.

In den Projekten und Aktionen von KwieKulik steht die Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen im Polen der 1970er und 80er Jahre im Vordergrund. In pionierhaften Performances wie Body, Performance bzw. Activity on the Head (Lublin 1978) zeigt sich die kritisch-subversive Haltung beispielsweise durch die Vermittlung einengender Körpererfahrungen. Vor allem die Köpfe der beteiligten Künstler, die als Symbole für die Freiheit des Denkens und Individualität verstanden, durch Requisiten wie Eimer verhüllt werden, finden besondere Behandlung (The Banana and the Pomegranate (Hand Grenade), Warschau 1986). Immer wieder sind es einzelne Requisiten und Zeichen, Textparolen, Fahnen, Insignien der Macht, die in den experimentellen Performances als Metaphern der Repression die Grenzen individuellen Handelns vor Augen führen und einen unmissverständlichen Bezug zur politischen Gegenwart herstellen. Kuliks später aufgebautes Archiv der Performances (PDDiU, Workshop für Aktion, Dokumentation und Verbreitung) macht diese Bezugspunkte erkennbar.

Seit 1987 arbeitet Zofia Kulik alleine und entwickelt, wenn auch an frühere (selbst-) inszenatorische Momente der Aktionen anknüpfend, eine neue Bildsprache: Mit der Collagetechnik der Positiv-Montage, die nun zu ihrem hauptsächlich verwendeten Bildmedium wird, eröffnet sich ihr ein nahezu unbegrenztes Spektrum an kombinierbaren, arrangierbaren, kommentierbaren – eigenen und gefundenen – Fotos und Bildfragmenten: Zitate abgelichteter Alltagsobjekte und Motive der Kunstgeschichte, Bewegungsbilder und menschliche Gesten katalogisiert und formiert Kulik gleichermaßen zu einem persönlichen Bildfundus wie zu einem neugeordneten und ordnenden Weltbild. Das fotografische Montageverfahren ist in besonderer Weise mit den fragmentierenden und ornamentalen Bildstrategien der Moderne wie deren agitatorischem Impetus zwischen Dada und Konstruktivismus verbunden, behält aber auch in Kuliks Gegenwart Aktualität. Inhaltliche Anspielungen zeigen sich in den Fotokollagen immer wieder durch den Einsatz der profanen und christlichen Ikonografie – einem Zeichenkanon, den die Künstlerin in ihren Arbeiten in neue Zusammenhänge setzt. Die Arbeit Black Square and Mandorla (1989), in der die Künstlerin sich – wegweisend bis zu ihren aktuellen Arbeiten – im Kontext christlicher Würdemotivik präsentiert, zeigt derartige Anleihen. Aber auch die Zeichen politischer Macht, u.a. der sozialistischen Ära, finden Eingang in Kuliks ornamentale, oft seriell angelegte Fototableaus (ldioms of the Soc-ages, 1989). Sie zeugen ebenso von ihrem Interesse an einer Hinterfragung konventionalisierter Zeichen wie sie deren bildstrukturierendes Potenzial ausloten.

Mit den fotografischen »Teppichen«, die Kulik seit Ende der 1980er Jahre als ornamental-geordnete symmetrische Bildstrukturen anlegt, folgt sie einer Tradition geometrischer Sinnbilder von (territorialen) Ordnungsmodellen, Weltmodellen (The Human Motif, 1989; All the missiles are on one missile, 1993). Die detailreichen Figuren- und Formen-Konstellationen, die stets auch die inhaltliche, meist auf Gewalt, Krieg oder Religion bezogene Verweiskraft der Einzelelemente beschwören, lassen erneut kunsthistorische Anleihen erkennen, ja beziehen ihr Wirkpotenzial zum Teil aus erprobten ornamentalen Strukturen, Zeichenkonstellationen und erprobten Figur-Grund-Beziehungen (Teppichornament, Mandala etc.) in neuem Arrangement. Über die Verwendung konkreter historischer Zeichen- und Zeichenkontexte hinaus, rücken die großen ornamentalen Entwürfe Kuliks bisweilen in ihrer Gesamtwirkung auch in die Nähe von Gestaltungs-, Beleuchtungsprinzipien, Farb- und Ornamentstrukturen der Art Déco, der modernen Chronofotografie und des Films (March, 1990; All Things Converge in Time and Space, 1992).

Nach den zuvor handmontierten, zum Teil mehrfach belichteten Fotocollagen nutzt Kulik inzwischen die digitalen Möglichkeiten der Bildgewinnung und Komposition. Die neueren Arbeiten bleiben der in Schwarz-Weiß entwickelten Dunkelfarbigkeit und dem Kontrastreichtum früherer Handmontagen verbunden. Mit Muster-Rapporten konzentrieren sie sich nun bisweilen ganz auf ornamentale Strukturen, die das Bild im All-Over bestimmen (Deseñ (wings)-Serie, 2008). In jüngeren Arbeiten setzt Kulik – so beispielsweise in ihren Holbein-Adaptionen (Made in GDR, USSR, Czeschoslovakia and Poland, 2006) – auch das Medium der Farbfotografie (Cibachrome) und -montage ein.

Ihre oft seriellen Fotoarbeiten formiert Kulik im Ausstellungskontext auch in installativen, assemblagehaften Zusammenhängen, in die auch Objekte, Textiles und andere Materialien integriert werden. Seit ihrer ersten Ausstellung in Warschau 1989 stoßen Kuliks Arbeiten Mitte der 1990er Jahre zunehmend auf internationales Interesse. 1994 werden sie im Museum Bochum ausgestellt. 2004 wird ihrer Arbeit From Siberia to Cyberia erneut dort und in der Zacheta National Gallery in Warschau eine Schau gewidmet. 2005 ist Kulik auf der Biennale in Venedig, 2007 mit mehreren Arbeiten auf der Documenta XII vertreten. Hier zeigt sie auch das Bild The Splendour of Myself V (2007) – eine konsequente Weiterentwicklung früherer Autoporträts als säkularisierte Madonna und Schutzpatronin – hier zur weltlichen Herrscherin in der Porträttradition der englischen Königin Elisabeth I. mutiert, deren Spitzenkragen mit einer miniaturisierten Folge männlicher Akte ornamentale Traditionen auf den Kopf stellt.

Zofia Kulik lebt und arbeitet in Lomianki-Dabrowa nahe Warschau.

Literaturauswahl

Tiefes Licht. Schwarz in der Zeitgenössischen Fotografie. Zofia Kulik u.a.: Ausst.-Kat. Kunsthalle Wilhelmshaven, Bielefeld 2006

Zofia Kulik. From Siberia to Cyberia und andere Werke: Ausst.-Kat. Museum Bochum, hg. v. H. G. Golinski, S. Hiekisch-Picard, Bochum 2005

Voices of Freedom. Polish Women Artists and the Avant-Garde: Ausst.-Kat. National Museum of Women in the Arts, Washington D.C. 1991

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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