Wladislaw Hasior

Opfer, und archaische Rituale gebannt durch das Zitieren religiöser Zeremonien erstellt die mysterienreiche Kunstwelt von Hasior. Exotische Fundstücke aller Art, neu interpretierte Alltagsgegenstände und immer wieder üppige Textilien, kitschiger Talmi sowie ausrangiertes Kinderspielzeug sind Hasiors Grundmaterialien aus denen ritualisierte Objekte von individualistischer, exotischer Phantasie entstehen.

Wladyslaw Hasior wird am 14. Mai 1928 in Nowy Sacz (Neu Sandez) in der polnischen Tatra, in der Region des Podhale, als Sohn von Góralen geboren. Er erlebt als Kind und Jugendlicher die NS-Besatzung Polens. Der II. Weltkrieg ist für ihn ein traumatisierendes Erlebnis. Er studiert an der Hochschule für Bildende Künste in Zakopane, an der er 1952 bei Antoni Kenar das Studium abschließt. Hasior nimmt ein weiteres Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Warschau auf, das er 1958 bei Marian Wnuk beendet. 1959 reist er nach Paris, arbeitet im Atelier von Ossip Zadkine und begegnet der aktuellen Pariser Avantgardeszene, den späten Surrealisten, der Gruppe der Nouveau Réalistes und der sich aus dem Dadaismus heraus entwickelnden frühen Fluxusansätzen und Kunstaktionen. Im gleichen Jahr kehrt Hasior wieder nach Zakopane zurück und nimmt dort seine langjährige Lehrtätigkeit an der staatlichen Antoni Kenar-Schule für künstlerische Techniken auf.

In dieser Zeit baut Hasior bereits aus allen möglichen Fundstücken, zivilisatorischen Relikten und menschlichen Gliedmaßen von Kinderpuppen oder Schaufensterfiguren seine Objekte und Installationen, die von vornherein reich geschmückt und farbenprächtig immer auch auf die Tradition der Volkskunst der Góralen Bezug nehmen. In dieser Zeit ist er auch auf regionalen Ausstellungen des Podhale, das als die polnische Toskana gilt und seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder Künstler anzieht, vertreten und organisiert selbst jährlich stattfindende Graphik- und Skulpturausstellungen und andere kulturelle Ereignisse. Innerhalb Polens nehmen die Góralen als Ethnie einen spezifischen Platz ein. Sie profilieren sich durch ihre besondere Holzarchitektur, dem so genannten Zakopane-Stil, der 1893 durch den Architekten Stanislaw Witkiewicz um Jugendstilelemente bereichert und auf die Höhe der Zeit gebracht wird. Stickereien, Applikationen und mit Broderien verzierte Tracht, eine traditionsreiche Musik, Sagen und Volksbräuche zeichnet die Kultur der Góralen, deren Dialekt Polnisch und Slowakisch mischt, überdies aus – ein reicher Fundus, der die poetischen Assemblagen von Wladyslaw Hasior erkennbar prägt. Hasiors Kunst, besonders seine Aktionen mit Feuer, seine Assemblagen, die immer wieder Teile menschlicher Körper zeigen, seine Flaggen, die wie die moderne Version góralisch-katholischer Volksfrömmigkeit wirken, seine monumentalen, abstrakten oder figuralen Skulpturen und seine Objekte alludieren seine góralischen Wurzeln.

In den 1960er und 70er Jahren bereist Hasior ganz Europa und Südamerika. Seine Reisestationen sind von Ausstellungen und Werkverkäufen begleitet. Als bekennender Gebirgsmensch arbeitet Hasior in seinen am Fluxus orientierten Aktionen mit den Elementen Luft, Licht/Feuer, Erde und Wasser bzw. Witterung. Seine Skulpturen für den öffentlichen Raum kalkulieren bewusst mit der Materialkorrosion durch die Witterungsumstände der Jahreszeiten. Wladyslaw Hasior war nie Mitglied der kommunistischen Partei Polens. Wieder spielt seine Lebenslandschaft der Tatra eine Rolle – sie galt als regimefremd. Das führt zu einem Großauftrag an Hasior von Seiten der Kommunisten. Es entsteht 1966 die monumentale Skulptur der Eisernen Organe. Diese abstrakte, über drei Formetagen geführte Eisenkonstruktion wird auf einem Begrrücken der Tatra nahe des Ortes Czorsztyn errichtet und stellt weithin sichtbar das Bekenntnis der Kommunisten zur regionalen, zeitgenössischen Kunst dar. Hasior nimmt nie Stellung zu diesem Auftrag und dem politischen Regime in Polen, seine Kunst ist nicht ideologiekritisch, er stellt sich nicht in Distanz zu den Kommunisten, was seiner internationalen Reputation und Rezeption durchaus im Wege steht.

Anfang der 70er Jahre lebt Hasior in Breslau, wo er an der Akademie unterrichtet und für das dortige polnische Theater Bühnenentwürfe fertigt, ab da festigt sich sein später sich steigerndes Interesse an Architektur. Wohl von Igor Strawinskys Feuervogel inspiriert entsteht 1975 seine Feuervögel Skulptur, die er regelrecht durch Entflammen initiiert. Formal ähnelt sie durch aus Brunnenentwürfen des Künstlerpaares Niki de Saint Phalle und Jean Tanguely, aber auch balletteuse Bewegungsformen, musikalische Rhythmik ist in der langen Wellenform die die Augen-Vogelwesen tragen zu sehen. Heute steht sie im Kasprowicz Park in Szczecin, stark korrodiert, da sie jährlich zum Todestag von Wladyslaw Hasior entzündet wird. Eine weitere Skulptur des öffentlichen Raumes – ein hasiorsches Lichtfanal – die Gaben der Sonne entstehen 1972 für Sodertalje in Schweden. Auch diese Skulptur wird jährlich an einem Augusttag durch Feuer illuminiert. Hasiors Fahnen, Flaggen oder Banner entstehen in Kontinuität seit 1965.

Im Jahr 1973 inszeniert Hasior mit Hilfe örtlicher, freiwilliger Feuerwehrleute eine Fahnen-Prozession um den Ort Lacko. Weisen die Fahnen mit Titeln wieOpferbanner (1974) oder Hoffnungsbanner (1988) und ihre prozessuale Zurschaustellung bereits auf einen tiefreligiösen Kern in Hasiors Schaffen, so bestätigt sich dieser Ansatz in seinem Zyklus der Hauskapellen, der in den Jahren 1972 bis 1992 entsteht. 1991 nimmt Hasior mit seiner Aktion der ökologische Alarm erstmals zum aktuellen Baumsterben der Tatra Stellung. Wieder, wie bei einem notorischen Pyromanen, spielt Feuer die zentrale Rolle. Einen abgestorbenen Obstbaum behängt Hasior mit Holzgliedern alter Schaufensterpuppen, beides entzündet er und Baum und menschliche Gliedmaßen sterben zeitgleich den Feuertod. Opfer, und archaische Rituale gebannt durch das Zitieren religiöser Zeremonien erstellt die mysterienreiche Kunstwelt von Hasior. Exotische Fundstücke aller Art, neu interpretierte Alltagsgegenstände und immer wieder üppige Textilien, kitschiger Talmi sowie ausrangiertes Kinderspielzeug sind Hasiors Grundmaterialien aus denen ritualisierte Objekte von individualistischer, exotischer Phantasie entstehen.

Einen tiefen Einblick in die Denk- und Bildwelt gewährt die Hasior-Galerie als Teil des Tatra-Museums in Zakopane. Die Holzarchitektur der 1935 gebauten Räume über der ehemaligen Terrasse des Warszawianka Sanatoriums kann Hasior ab 1983 als Ausstellungs-, Atelier- und Wohnort nutzen. 1985 wird die Galerie offiziell eröffnet und Hasior lebt von da an in seinem Museum als Künstler vor Publikum. Dicht an dicht hängen seine Banner von der Decke, Skulpturen, Objekte und Bilder füllen nach dem horror-vacui-Prinzip die kleinen, winklig engen Räume. Exzentrisch, exhibitionistisch bis skurril in Szene gesetzt, präsentiert sich Hasior als Künstler, der nach eigener Aussage einzig die Provokation des Betrachters zum Ziel hat. Mit Jahrmarktcharakter baut Hasior seine individuell-mythische Rauminsel, die in der Volkstümlichkeit der Gebirgswelt der Tatra wurzelt.

Wladyslaw Hasior stirbt am 14. Juli 1999 in Krakau. Jährlich ehrt ihn in Zakopane das Entzünden seines Feuervögel.

Literaturauswahl

Micinska, A.: Wladyslaw Hasior, Warszawa 1983

Wladyslaw Hasior. Skulpturen, Flaggen, Objekte: Ausst.-Kat. Künstlerhaus Wien, Wien 1978

Wladyslaw Hasior: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bochum, hg. v. H. Kirchner, Bochum 1971

www.zakopane-life.com/poland/wladyslaw-hasior-gallery

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat