Willam Kentridge

Die multimedial realisierten narrativen Bildfindungen, in denen Kentridge oft Bezug auf literarische Charaktere nimmt, widmen sich wie auch seine Theaterarbeit gesellschaftspolitischen Themenfeldern. Sie folgen tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen, Problemfeldern von Postkolonialismus, Migration und Rassismus, der Apartheids- und Post-Apartheidsära im Südafrika der letzten Jahrzehnte.

William Kentridge wird 1955 in Johannesburg / Südafrika geboren. Nach dem Studium der Politik, African Studies und freier Kunst an der University of the Witwatersrand ist er 1976 — 78 Student der Johannesburg Art Foundation und unterrichtet dort nach seinem Abschluss. In den 1980er Jahren setzt er seine Studien an der École International du Théâtre Jacques Lecoq in Paris fort, arbeitet als Zeichner, Trickfilmer und Theaterregisseur. Seit 1992 entwickelt Kentridge gemeinsam mit der »Handspring Puppet Company« Multimedia-Projekte, die ebenso auf literarische Vorlagen, traditionelle Formen des Sprech-, Tanz- und Puppentheaters wie auf Animationen von Zeichnungen und Filme aufbauen (»Woyzeck on the Highveld«, 1992).

Kentridges Ausgangspunkte sind Zeichnung und Drucktechniken. Ende der 1980er Jahre erschließt er die zunächst in Zeichnungen verfolgte Technik des Ausradierens für seine auf Kohlezeichnungen basierenden Animationsfilme, durch die er international bekannt wird (Johannesburg, 2nd Greatest City after Paris,1989). Die multimedial realisierten narrativen Bildfindungen, in denen Kentridge oft Bezug auf literarische Charaktere nimmt, widmen sich wie auch seine Theaterarbeit gesellschaftspolitischen Themenfeldern. Sie folgen tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen, Problemfeldern von Postkolonialismus, Migration und Rassismus, der Apartheids- und Post-Apartheidsära im Südafrika der letzten Jahrzehnte.
Statt einer Vielzahl von Zeichnungen verwendet Kentridge für seine Animationsfilme einige wenige, stetig veränderte Kohlezeichnungen. Das bewegte Bild folgt der prozessualen Entstehung der veränderbaren Zeichnung und damit seiner eigenen Entstehung. Dabei bleiben durch die von Kentridge so bezeichnete »Unvollkommenheit der Ausradierens« gleichermaßen Spuren der Veränderung, Verbesserung wie Vergangenheit bestehen. Sie werden zu einem essentiellen Bestandteil der Bildfolge und ihrer Entstehungsumstände: »Die Zeichnung ist in der Lage, den Verlauf zu konservieren, in dem sie die Spur sichtbar macht. Es geht also im eigentlichen Sinne darum, das Vergehen von Zeit sichtbar zu machen. Darüber hinaus geht es in einem metaphorischen Sinn um erinnerte oder historische Zeit. … Die letztlich rätselhafte Materialität der Spur steht in Verbindung mit dem Vergehen der Zeit; sie erst macht die Fragilität unserer Erinnerung sichtbar.« (Kentridge 2004).

Auch eigenständige, beispielsweise in Bronze gefasste Skulpturen finden sich im installativen Zusammenhang und werden als bildhafte Einzelelemente und Objekte fotografisch oder filmisch vermittelt (Shadow Procession, 1999; (Element for) Procession, 2000). Die Methode nachträglicher und großteils prozessual vermittelter Veränderung, Konzentrierung, Kommentierung von Bildern wendet Kentridge nicht nur in Zeichnung und Film an. Auch fotografisches oder fotografisch inszeniertes Ausgangsmaterial kann durch historisch anmutende Spuren und im Schattenbild verdichtet werden (Zeno II, 2002, 7-teilige Serie von Fotogravüren). Im Zusammenhang der Documenta 2002 zeigt Kentridge mit der Filminstallation Zeno Writing eine weitere Bearbeitung zu Italo Svevos literarischer Figur des Zeno Cosini. Der Textvorlage folgt Kentridge mit der Zeichnung, der bildliche »Text«, der sich prozessual konstituiert und seine Spuren hinterlässt, entsteht vor den Augen der Betrachtenden.

Kentridge reflektiert die mediale Vermittlung des Bildes, der Erinnerung, ihre Entstehungsumstände, Bedeutungs- und Wirkpotenziale auch im Ausstellungskontext: 2005 macht er in Berlin das Massaker, das die deutschen »Schutztruppen« unter der Führung von Lothar v. Trotha 1904 an Hereros begehen, zum Thema seines Werks Black Box / Chambre Noire. Erneut konzentriert sich der Künstler auf unterschiedliche medial vermittelte Erinnerungs- und Vermittlungsformen: das Bild, Bühne und Kamera. Kentridge erfasst die Entwicklungen, die dem historischen Ereignis vorausgehen, deren weiteren Verlauf und auch die retrospektive Betrachtung mittels einer theatralischen, der »Trauerarbeit« gewidmeten Installation. Neben verschiedenen Bildmedien vereint sie auch akustische bzw. musikalische Elemente zu einem ebenso raumgreifenden wie multimedialen Archiv: animierte Filme, plastische Objekte, Zeichnungen, in Vitrinen ausgestellte übermalte Textdokumente und ein mechanisches Miniaturtheater – die Installation nimmt auf die gesamte Bedeutungsweite zwischen »Black Box« und »Chambre noire« Bezug.

Ausstellungen der Arbeiten von William Kentridge werden in Johannesburg (1997), im Museum of Contemporary Art San Diego und in der Neuen Galerie Graz am Landesmuseum Joanneum (1998), im Museum of Modern Art, New York und Museu d’Arte Contemporani de Barcelona (1999) gezeigt. Auf der Documenta ist er 1997 und 2002 präsent. In den letzten Jahren werden ihm Ausstellungen im P.S.1 Contemporary Art Center, New York (2000), im Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington (2001) und in der Deutschen Guggenheim Berlin (2005) gewidmet.

William Kentridge lebt und arbeitet in Johannesburg.

Literaturauswahl

William Kentridge. What will come (has already come): Ausst.-Kat. Städel-Museum, Frankfurt/M. 2007

William Kentridge, Black Box/Chambre Noire: Ausst.-Kat. Deutsche Guggenheim Berlin u.a., hg. v. M.-C. Villasenor, Ostfildern-Ruit 2006

William Kentridge: Ausst.-Kat. New Museum of Contemporary Art, New York 2001. William Kentridge: Ausst.-Kat. Palais des Beaux Art, Bruxelles; Kunstverein München u.a., Brüssel 1998

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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