Wilhelm Lehmbruck

Er experimentiert mit unterschiedlichen Techniken plastischer Gestaltung, so u.a. dem Steingussverfahren, das er auch für seine zweite vielbeachtete weibliche Figur, die Kniende (1911) nutzt. Mit dieser im anbetenden Gestus versunkenen Figur gelingt Lehmbruck der Durchbruch zu einer Formensprache, die von der zeitgleichen national geprägten Kunstkritik als »gotisch« bzw. »expressionistisch« beschrieben und dem klassischen »romanischen« Figurenideal entgegengestellt wird.

Wilhelm Lehmbruck wird 1881 in Duisburg geboren. Von 1895 bis 1901 absolviert er die renommierte Düsseldorfer Kunstgewerbeschule und schreibt sich anschließend an der dortigen Kunstakademie in der Bildhauerklasse ein, an der er 1906 seine Ausbildung beendet. 1907 unternimmt Lehmbruck eine Parisreise und stellt erstmals im Salon der Societé Nationale des Beaux-Arts aus.

Lehmbrucks erste Skulpturen folgen zunächst dem klassischen figuralen Formen- und Themenspektrum. Neben ersten Genre-Skulpturen mit sozialer Ausrichtung (Schusterjunge 1901; Bettlerpaar 1903; Mutter und Kind, 1907) wendet er sich den gängigen Salon-Motiven zu (Badende 1902 — 05), widmet sich aber auch Porträtbüsten (Porträtkopf Manfred Osthaus, 1909) und Grabmalsgestaltungen (Sitzender Bergmann mit Grubenlampe, 1905 — 07). An sein Vorbild Auguste Rodin angelehnt, entstehen großformatige Aktfiguren, so Der Mensch (1910) während sich gleichzeitig das Interesse am statuarisch-beruhigten und introvertierten weiblichen Akt in der Großen Stehenden (1910) manifestiert. Letztere Entwicklung verdankt sich wohl Einflüssen Aristide Maillols und dessen auf Empathie angelegten weiblichen Figuren: Beide Figuren gestaltet Lehmbruck während seines von 1910 — 14 dauernden Parisaufenthalts. Die weibliche Figur verschafft Lehmbruck auch einen Auftrag der Stadt Duisburg, die sich 1912 eine Ausführung der Großen Stehenden in Marmor wünscht. Der Künstler experimentiert in Paris mit unterschiedlichen Techniken plastischer Gestaltung, so u.a. dem Steingussverfahren, das er auch für seine zweite vielbeachtete weibliche Figur, die Kniende (1911) nutzt. Mit dieser im anbetenden Gestus versunkenen Figur mit ihren gelängten Gliedern und atektonischer linearer Stilisierung gelingt Lehmbruck der Durchbruch zu einer Formensprache, die von der zeitgleichen national geprägten Kunstkritik als »gotisch« bzw. »expressionistisch« beschrieben und dem klassischen »romanischen« Figurenideal entgegengestellt wird.

In den Folgejahren wird Lehmbruck insbesondere die männliche Aktfigur zum Ausdrucksträger, wie dies die pathetische Figur des ausgezehrten Emporsteigenden Jünglings (1913) zeigt, während die Große Sinnende (1913) in Gestik und Körperlichkeit eine für Lehmbruck eher ungewöhnliche puppenartige, modische Stilisierung und Glätte erkennen lässt. Lehmbruck experimentiert beim weiblichen Akt mit der Reduktion des Formenvokabulars, indem er den Torso bzw. stärkere kubische Vereinfachungen erprobt (Geneigter Frauentorso, 1913; Schreitende 1913/14). Mit besonderer Eindringlichkeit zeigt sich schließlich Lehmbrucks Gespür für die psychologische Dimensionierung der Monumentalplastik in den beiden Werken Gestürzter (1915) und Sitzender Jüngling (1916/17), in denen körperliches Leid und Trauer als überhöhte Erfahrungen des Kriegsgeschehens Ausdruck finden. Lehmbruck flieht nach zweijähriger Verpflichtung im Sanitätsdienst 1916 nach Zürich und kehrt nach dem Krieg wieder nach Berlin zurück, wird dort schließlich Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

Auch in seinen letzten Lebensjahren, behält Lehmbruck jenen expressiven Figurenstil bei, der sich nun vor allem in Büsten äußert (Kopf eines Denkers 1918;Betende 1918; Liebende Köpfe 1918), aber auch im Torso zu ungewöhnlichen gestisch artikulierten Oberflächenbehandlungen und Formlösungen findet (Weiblicher Torso, 1918).

Lehmbrucks Arbeiten werden bereits früh international ausgestellt, neben Paris zählen Berlin, Köln und München zu den wichtigsten Ausstellungsorten, 1913 sind seine Arbeiten in der Armory-Show in New York zu sehen.

Neben dem plastischen Werk hinterlässt Lehmbruck bei seinem Tod 1919 ein umfangreiches Konvolut an Graphiken sowie einen großen Bestand an Gemälden. Mit dem Ankauf der Großen Stehenden Lehmbrucks durch den Duisburger Museumsverein zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird der Grundstein für das nachfolgende Wilhelm-Lehmbruck Museum mit einem Sammlungsschwerpunkt der Arbeiten Lehmbrucks gelegt, das heute unter der Bezeichnung Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum – Zentrum Internationaler Skulptur der modernen bis aktuellen Bildhauerei gewidmet ist. Arbeiten Lehmbrucks sind überdies ihn zahlreichen Ausstellungen vertreten, so u.a. 1987/88 auf einer Wanderausstellung in Gotha, Leipzig und Berlin und jüngst 2000 in der Gerhard Marcks-Stiftung Bremen und 2007 im Frankfurter Städelmuseum.

Literaturauswahl:

Wilhelm Lehmbruck, Büsten. Die Rückkehr einer 1937 beschlagnahmten Skulptur ins Städel-Museum: Ausst.-Kat. Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Frankfurt/M. 2007

Brockhaus, Chr.: Wilhelm Lehmbruck, 1881 — 1919. Das plastische und malerische Werk, Köln 2005

Schubert, D. (Hg.): Wilhelm Lehmbruck. Catalogue raisonné der Skulpturen, 1898 — 1919, Worms 2001

Wilhelm Lehmbruck: Ausst.-Kat. Gerhard Marcks-Stiftung, Bremen 2000

Schubert, D.: Die Kunst Wilhelm Lehmbrucks, Worms, Dresden 1990

Wilhelm Lehmbruck (1881 — 1919). Plastik, Malerei, Graphik aus den Sammlungen des Wilhelm-Lehmbruck-Museums der Stadt Duisburg: Ausst.-Kat. Museum der Natur Gotha, u.a., hg. v. P. Betthausen u. Chr. Brockhaus, Gotha, 1987

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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