Volker Hildebrandt

Konzeptuelle Fragestellungen bilden von Beginn an das Zentrum in Hildebrandts künstlerischer Arbeit und seiner Suche nach »universell gültigen visuellen Strukturen«. Seine Beobachtungen gehen von der Annahme aus, dass die Rezeption von Medien-, v.a. TV-Bildern auch das Wahrnehmungsverhalten der Malerei gegenüber bestimmt, dass letztlich die Betrachtung von Museumskunst sich an den zeitlichen Maßgaben des Fernsehzuschauens ausrichtet.

Volker Hildebrandt wird 1953 in Duisburg geboren. 1972 — 1978 studiert er Kunstgeschichte und Sonderpädagogik in Bonn und Köln, bezieht anschließend ein Atelier in Duisburg, lebt und arbeitet seit 1988 in Köln. Ab den 1970ern sind Hildebrandts Arbeiten im Ausstellungskontext präsent. Themenausstellungen widmen sich seinen Arbeiten vor allem im Kontext der medienkünstlerischen Auseinandersetzungen mit Bild und medialer Bildvermittlung – so 1986 im Städtischen Museum Mülheim a.d. Ruhr, im Jahr 2000 im Museum Morsbroich in Leverkusen, 2005 in der Kunsthalle Wien (2005) oder im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) im Jahr 2007.

Konzeptuelle Fragestellungen bilden von Beginn an das Zentrum in Hildebrandts künstlerischer Arbeit und seiner Suche nach »universell gültigen visuellen Strukturen«. Seine Untersuchungen zur Geschwindigkeit bzw. Wahrnehmungsdauer führen ihn in der ersten Hälfte der 1980er Jahre zunächst zu den Spiralbildernmit stellaren und zyklischen Bewegungsmomenten. Nach kurzzeitiger Aufgabe der Malerei konzentriert er sich anschließend auf die Produktion sprachgestützter Messingschildchen, deren eingravierte Bildtitel bereits signifikante Begriffe der TV-Kultur – »Sendepause«, »Bildausfall« oder »Störung« – zeigen.
Auf diese Weise eingeführt, verfolgt und nutzt Hildebrandt gleichermaßen medien- wie bildkritisch auch die Bildproduktion in Fernsehen, Computer, Bildschirmtext (BTX), Video und Zeitung. Seine Beobachtungen gehen von der Annahme aus, dass die Rezeption von Medien-, v.a. TV-Bildern auch das Wahrnehmungsverhalten der Malerei gegenüber bestimmt, dass letztlich die Betrachtung von Museumskunst sich an den zeitlichen Maßgaben des Fernsehzuschauens ausrichtet. Auch die Wiederbelebung der Malerei in den 1980er Jahren sieht er im Zusammenhang mit der Bedeutungszunahme des Fernsehens und den Metabotschaften, die es vermittelt.

So stehen die Methoden der Bildgenerierung und Vermittlung des Massenmedien für Hildebrandt ebenso auf dem Prüfstand wie die jeweiligen Produktionstechniken und die Bildstruktur. Es entstehen in den 1980ern BTX-gestützte virtuelle Ausstellungskonzepte mit eigenen Arbeiten (BTX Dance, 1983; Hotel Rasputin, 1989), die Hildebrandt medienbedingt dezentral zugänglich machen kann. Neben dem Umgang mit dem Bild oder der Bildsequenz stützt er sich in seinen Arbeiten vielfach auf die sprachliche bzw. textliche Kommunikationsformen – auch im Rahmen seiner Projekte zum Medium Zeitung (artist kunstmagazin 14/15, »Artists-Auflage«, 25. Jg., Nr. 22, 27.5.1992ff.), in persiflierend-subversiven Titelgebungen oder auch über die Insertionsform im öffentlichen Raum (Spektakuleer, 1991).

Das Medium des Fernsehers rückt mit den konzeptuellen Projekten und Arbeiten ebenso zunehmend ins Zentrum wie bei der Mitgestaltung z.B. des medienkritischen Fernsehprogramms im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts Kunstkanal (Art Channel) / Künstler machen Fernsehen (1989) oder auch den detaillierten Untersuchungen des Phänomens der Bildstörung. Dem Phänomen der Metabotschaften des TVs, dem Rauschen und Flimmern verpixelter oder durch Farbstreifen gestörter Bildlichkeit begegnet Hildebrandt mit konsequenten Strategien der Auslöschung bzw. Störung – sowohl in den genannten technischen Medien wie auch in der Malerei (Pictory-Ausstellungen, 1994), in Objekten (TV-Baby, 1998) und raumgreifenden Installationen. Er wendet sich – zunächst noch im TV-Format oder mit Bezug auf das Fernsehgerät – vor allem jenen bildlichen und inhaltlichen Störungen und Leerstellen zu, die die Medien technik- wie formatbedingt selbst freilassen. In den nun wieder entstehenden Tafelbildern greift er Rauschen und verpixelte, chaotische Strukturen auf, reduziert diese im All-Over auf malmaterialbewusste psychedelische Flecken- und Punktstrukturen – Momente visueller Reizvermittlung. In den Installationen mutieren derart gestörte Bilder bisweilen auch zu begehbaren irritierenden Raumgestaltungen oder Raumsequenzen, die raumzeitlich erfahrbar werden (Rosa Raum, 1985; Rosa Schnecke, 1986;Rosa Zimmer, 1997). Auch in den per eMail-Order bestellbaren Skulpturen und gestalteten Alltagsgegenständen der Products – z.B. der Statue of Liberty; Bambioder The daily mirror (1993) – erschließt Hildebrandt dieses Gestaltungsverfahren für die Oberflächengestaltung der Skulpturen und Objekte.

In der Folge der Bildstörungen wird in den 1990ern auch die Beschäftigung mit den verschlüsselten Bildern des Pay-TV wichtiger. Das hier codierte Bild, das nur eingeschränktem Publikum zugänglich ist, zeigt sich dem zahlungsunwilligen Normaluser als unscharfes Bildrauschen, das in seiner derart neutralisierten Form, so Hildebrandt, Spielraum für die Imaginationskraft des Zuschauers lässt (Kiss, 1998; Moodoo, 1999). Erneut sind es die Auslassungen, die dem Medienkünstler Platz für eigene, neue Bildkonnotationen und Freiraum für neue Deutungsmöglichkeiten durch die Betrachtenden bieten.

Hildebrandts Bildquellen speisen sich vornehmlich aus dem Repertoire der Massenmedien, aus Film, Kunst, Sport und Politik. Neben dem Phänomen der Störung gilt seine Auseinandersetzung mit dem medialen Bild auch dem Herstellungsprozess, Wahrnehmungsorientierung und Rezeptionsverhalten. In den sequenziellen Bildfolgen seiner Film- und Videoarbeiten VIPs strukturiert und rhythmisiert Hildebrandt das gewonnene Bildmaterial in neuen Sequenzen, die den Prozess der Bildgenerierung ebenso offen legen wie sie durch ihre Miniaturisierung veränderte, auf Weitsicht angelegte Betrachtungs- und Rezeptionsbedingungen herstellen. Von vergleichbaren Prozessen der Transformation und Wahrnehmungsorientierung sind auch die Porträtfotografien von medienpräsenten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gezeichnet, die in den 2000er Jahren entstehen. So leitet Hildebrandt hier in seiner Graumalerei in Anlehnung an das verpixelte Bild auf dem Bildschirm rasterpunktartige Bildformen ab, deren Entschlüsselung erst aus größerer Distanz möglich ist.

Lässt Hildebrandts Malerei v.a. Bezüge zu Informel, Tachismus und abstraktem Expressionismus erkennen, so werden in den jüngeren fotografischen Arbeiten Anknüpfungspunkte bei den Bild- und Vermittlungsstrategien der Pop Art, so u.a. Warhols seriellen Unfall-Fotografien erkennbar (Kennedy: Dallas, 2004). Zu kleinteiligen ornamentalen Massenstrukturen formiert, entstehen mit diesen Serien auch Bewegungsbilder, die sich auf die Hell-Dunkel-Verteilung, die farblichen und räumlichen Werte des Einzelbildes stützen (Marlon Brando oder Sepp Herberger, beide 2004 u.v.a.).

Seit 2000 arbeitet Hildebrandt auch mit und in den Medien Film (Kill Bill Still, 2007) und Video (M dna, 2002). im Rahmen eines seit 2008 laufenden Projekts stellt er einen Antrag an das Welterbe-Komitee der UNESCO, das Phänomen Bildstörung in die Liste der schützenswerten Güter aufzunehmen und als Welt-Kulturerbe zu deklarieren. Damit erweisen sich – vergleichbar den früheren Konzepten künstlerischer Mitwirkung am Fernsehprogramm (Kunstkanal, 1989) oder auch den Comics,die sich u.a. kunst- und kulturpolitischen Zusammenhängen mit humorvollen Bildkürzeln und Icons widmen – auch die aktuelleren konzeptuellen Arbeiten Hildebrandts als ebenso von medienpolitischen wie kulturpolitischen Ideen getragen.

Literaturauswahl

Du Sollst Dir Kein Bild Machen … Ein Projekt von Volker Hildebrandt, Köln 1994

Volker Hildebrandt. Pictory – der Sieg der Bilder: Ausst.-Kat. Städtische Kunstsammlungen, Chemnitz 1994

Der Saal der Sammlung und Das Zimmer des Sammlers: Ausst.-Kat. Städt. Museum Leverkusen, hg. v. V. Hildebrandt u. H. Koriath, Leverkusen 1990

Volker Hildebrandt. Chaotische Strukturen himmlische Figuren: Ausst.-Kat. u. Künstlerbuch, Karin Bolz Galerie, Köln 1990

Hildebrandts Rosa Schnecke: Ausst.-Kat. Mülheim a. d. Ruhr 1986

www.volkerhildebrandt.com

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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