Tobias Rehberger

Die Auseinandersetzung mit den ästhetischen Bedingungen und Bedeutungsdimensionen des gestaltenden Designs ist für Rehberger ein entscheidender Ausgangspunkt. Auf der Expo 2000 in Hannover ist der Konzeptkünstler mit der Gestaltung eines japanischen Gartens vertreten, der mitten im Sommer einen Bonsai mit einer Schneekanone in eine Winterlandschaft versetzt (Tsutsumu2000).

Der Konzeptkünstler Tobias Rehberger wird 1966 in Esslingen geboren. Er studiert 1987 — 1992 bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste / Städelschule in Frankfurt.

Die Auseinandersetzung mit den ästhetischen Bedingungen und Bedeutungsdimensionen des gestaltenden Designs wird für Rehberger ein entscheidender Ausgangspunkt. Dabei stellen die Entwürfe von Eero Saarinen, Charles Eames, Verner Panton und Isamu Noguchi wichtige Orientierungspunkte für ihn dar. In Rehbergers Werken erhalten die Warenprodukte neue Bezugsräume und rücken wie selbstverständlich in das Gebiet der Kunst auf. Er bezieht sich mit seinen Werken auf eine Tradition zurück, die besonders mit dem Werkbund und dem Bauhaus verbunden ist. Die Architekten- und Künstlergemeinschaften proklamierten erstmals den Einfluss der Wohnraumgestaltung auf Psyche, soziale Strukturen und politische Prozesse.

Kurz nach Abschluss seines Studiums widmet sich Rehberger in frühen Arbeiten den Ausdrucksformen der standardisierten Herstellung. In der Frankfurter Galerie Bärbel Grässlin zeigt er 1994 unter dem Titel Rehbergerst und scheinbar ohne autoriellen oder künstlerischen Hintergrund seine erste Einzelausstellung mit vergrößerten Reproduktionen von Werken seines Vaters (Gemälde, Zeichnungen, Möbelstücke), eines Ingenieurs und Hobbykünstlers. Dieser künstlerischen’Reproduktion’ schließen sich fast folgerichtig Arbeiten zur Gattung des Porträts an, die nun dezidiert den personalen Charakter von Artefakten untersuchen.

Rehbergers Arbeit mit dem Porträt beginnt mit der Serie Doppelbetten im selben Jahr. Er bittet Freundinnen, Betten für ihn zu entwerfen, die er dann produzieren lässt und ausstellt. Die wunschgetreue Anfertigung des Wohnungsgegenstandes wandelt den anonymen Wohnungsgegenstand zum expressiven Porträt des Auftraggebers. In ähnlicher Weise gestaltet er ab 1995 Vasenporträts, die als abstrakte Stellvertreter von Personen konzipiert sind: Das Vasendesign und die spezielle Auswahl von Blumen sollen das alltägliche Objekt zum Charakter-Porträt wandeln, das erneut auch von dem jeweils Porträtierten mitbestimmt wird (Ronald Jones 1998, Antje Majewski 1998). Rehbergers Werke erhalten auf diese Weise dialogischen Charakter, der insbesondere durch den musealen Betrachtungskontext aktiviert wird. Seine Serie Fragments of their pleasant spaces (in my fashionable version), die ab 1996 einen Langzeitversuch einleitet, erweitert jene Idee der Vasenporträts auf Wohnraumgestaltungen. Möbelarrangements für die verlockendsten und bequemsten Orte der Erholung (Sitzgruppen, Möbel, Fernsehecken) werden nach Vorstellungen seiner Freunde umgesetzt. Hier bezieht Rehberger sich meist auf postmoderne Designkonzepte der späten 80er und 90er Jahre. Dennoch versteht er diese Arbeiten nicht als Reproduktionen von Life-Style-Konzepten. Vielmehr will er seine Arbeiten als kurzlebige und vergängliche Evokationen von porträthaften Lebensräumen verstanden wissen.

Seit 1997 treten Rehbergers Arbeiten – so beispielsweise die Installation Günter’s (wiederbeleuchtet) in Münster – auch im städtischen Raum auf. Anlässlich der Ausstellung »Skulptur, Projekte in Münster« gestaltet er die unbenutzte Dachterrasse eines Hörsaalgebäudes als Erholungsfläche um. Sie wird zur intimen Wohnzimmer-Bar in luftiger Höhe, erzeugt persönliche Vertrautheit an markantem und zugleich anonymem Orten. Im Jahr 1998 sind Rehbergers Arbeiten erstmalig in musealen Einzelausstellungen, in der Kunsthalle Basel und dem Moderna Museet Stockholm, zu sehen.

Seit 1999 entstehen Arbeiten, die sich dezidiert mit Phänomenen der Erinnerung und der Archivierung auseinandersetzen. Rehbergs Regiearbeiten Libraries verbergen thematisch geordnete Filmarchive, wobei ausgewählte Filmszenen an der der Regalrückwand, für die Betrachter uneinsehbar ablaufen und allein als Lichtreflexionen wahrnehmbar sind. Das Licht wird in ähnlicher Weise in einer anderen Arbeit zum Erinnerungsträger: Seine Memorialkabinen Dusk (2000) geben den Besuchern die Möglichkeit, in die computersimulierten Lichtbedingungen einzutauchen, die an den Todestagen von je zwei bekannten Persönlichkeiten herrschten.

Eine weitere Werkserie Rehbergs widmet sich den interkulturellen Deutungen und Kontexten der Zeichnung. Nach einfachen Din A4 Bleistiftskizzen lässt Rehberger in Kamerun deutsche Sitzmöbel (Peuè Seè e Faàgck Sunday Paàe (We don’t work on sundays), 1996), in Thailand deutsche Autos nachbauen (nana, 2000). Die Resultate dienen ihm als Beleg für je unterschiedliche Rezeptionsweisen des scheinbar allgemeingültigen Mediums der Zeichnung. Jedwede Standardisierung, so Rehbergers These dazu, erzeugt in ihren lückenhaften Vorgaben produktive und kreative Ergänzungen. Ähnliche Intentionen verfolgt er auch mit seiner Videoinstallation 3T, in der er in einem multikulturellen »crossover« eine japanische Teezeremonie im Schwarzwald nachstellt. Auf der Expo 2000 in Hannover ist er mit der Gestaltung eines japanischen Gartens vertreten, der mitten im Sommer einen Bonsai mit einer Schneekanone in eine Winterlandschaft versetzt (Tsutsumu2000).

Thomas Rehberger lehrt seit 2001 Bildhauerei an der Frankfurter Städelschule. Er lebt in Frankfurt/M. und Berlin.

Literaturauswahl

Tobias Rehberger, Geläut bis ich’s hör…: Ausst.-Kat. Karlsruhe Museum für neue Kunst ZKM, hg. v. Götz Adriani, Köln 2002

Tobias Rehberger. Applesandpears: Ausst.-Kat. 3 Bde. Köln 2002 (Bd.1: Tobias Rehberger … (whenever you need me): Ausst.-Kat. Westfälischer Kunstverein Münster, hg. v. Susanne Gaensheimer; Bd. 2: Tobias Rehberger, »the secret bulb in Barry L.«: Ausst.-Kat. Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, hg. v. Jan Winkelmann; Bd. 3: Tobias Rehberger, seascapes and other portraits: Ausst.-Kat. Frac Nord-Pas de Calais, hg. v. Katia Baudin)

Tobias Rehberger. 005 — 000 [pocket dictionary]: Ausst.-Kat. hg. v. Florian Matzner, Ostfildern-Ruit 2001

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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