Thomas Struth

Die Bilder wirken sachlich, konzentriert, die Porträtierten – auch wegen ihres meist strengen Blicks aus dem Bild – nicht teilnahmslos, sondern gleichermaßen auf Fotografen wie Betrachtende bezogen. Neben Landschaften entstehen v.a. Familien- und Gruppenporträts, Ende der 1980er Jahre auch beispielsweise die Serie von Museumsfotografien, in der Struth die Besucher großer internationaler Museen momenthaft festhält.

Thomas Struth wird 1954 im niederrheinischen Geldern geboren. Von 1973 — 1980 studiert er an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, zunächst Malerei bei Gerhard Richter, ab 1976 Fotografie in der Klasse von Bernd und Hilla Becher. 1978 erhält Struth das Stipendium der Kunstakademie Düsseldorf für einen New York-Aufenthalt und stellt dort erstmalig aus, 1986 reist er nach Japan. Von 1993 bis 1996 hat Struth eine Professur an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

Stadt- bzw. Straßenlandschaften bestimmen Thomas Struths frühe Fotografien der 1970er Jahre. In diesen nüchtern-distanzierten, zunächst schwarz-weißen Bildern erfasst er Alltägliches – einzelne oder in Ensembles stehende Gebäude, Straßenzüge oder Wohnblocks – aus ungerührtem Blickwinkel, großteils menschenleer und ohne spektakuläre Beleuchtung (z.B. New York, 1978; Sommerstrasse, Düsseldorf, 1980). In diesen Fotografien werden durchaus dokumentarische Intentionen spürbar, wenn auch die Bilder – trotz einer durch den Seriencharakter entstehenden Variationsbreite – das typologische Interesse am Bau vermissen lassen, das bei Struths Akademielehrern deutlicher erkennbar ist. Struths Fotos zeugen eher von der Spezifität eines Ortes zu einem bestimmten Zeitpunkt, während einer bestimmten Tageszeit, in einem bestimmten, eher neutralen Licht. Insofern halten seine Stadtbilder die Balance zwischen einerseits der dokumentarischen Erfassung von Architektur, dem Genre der Architekturfotografie wie Stadtansicht und andererseits der Vermittlung städtischer Entwicklung und den in den Städten herrschenden Wohn- und Arbeitsverhältnissen, deren Spuren an jenen oft unbeachteten Orten bzw. »Nicht-Orten« erkennbar werden (Die Architektur der Straßen; Das Panorama der Stadt, 1976 — 1983; Unbewusste Orte, 1988).

Dass Struth sich in den anschließenden, ebenfalls seriell angelegten Werkgruppen der späteren 1980er Jahre dem Porträt zuwendet und nun Passanten, Bewohner, Arbeitende, Besucher überwiegend im urbanen Raum fokussiert, mag eine Konsequenz aus dem veränderten Blickwinkel auf die Stadt und die Beziehungen der Bewohner zu dieser sein. Nun entstehen neben Landschaften v.a. Familien- und Gruppenporträts, Ende der 1980er Jahre auch beispielsweise die Serie von Museumsfotografien, in der Struth die Besucher großer internationaler Museen momenthaft festhält. In den Gruppenportraits scheint aber zunächst die bekanntschaftliche Beziehung der Gezeigten zum Fotografen ein wichtiges Element zu sein. Struths Erfassung von Architektur und Stadt entsprechend, nimmt er jedoch auch in diesen Großbild-Porträts eine distanzierte, nüchterne Perspektive ein. Die Bilder wirken sachlich, konzentriert, die Porträtierten – auch wegen ihres meist strengen Blicks aus dem Bild – nicht teilnahmslos, sondern gleichermaßen auf Fotografen wie Betrachtende bezogen. Auch hier entsteht der Eindruck, einen Einblick in einen internen, nun Familien- oder Gruppenzusammenhang zu erhalten, der sonst verborgen, vielleicht übersehen geblieben wäre (Strangers and Friends, 1994).

Eine Verbindung zwischen den Stadt- und Porträtserien scheinen diejenigen Fotografien herzustellen, die seit den ausgehenden 1980er und beginnenden 1990er Jahren auf Struths Reisen durch Japan, China und Australien entstehen und noch einmal neue urbane Zusammenhänge mit lokalen Besonderheiten erschließen: »Mich interessiert, mit der Fotografie stellvertretende Stellen zu finden, wo die Mentalität eines Landes sich wie in einem Brennpunkt widerspiegelt. Das Bild Cerro Morro Solar (2003) zeigt einen Staubberg auf dem sich ein neuer Stadtteil bildet, weil Leute einfach damit beginnen, Häuser zu bauen – ohne Plan und ohne Baubewilligung. Nach einer Weile entstehen Straßen, dann werden die Häuser gestrichen. Die Bewohner wenden sich dann an die Stadt und fordern Strom und Wasser. Plötzlich entsteht wie aus dem Nichts ein Stadtteil.« (Struth zit. n.: KFI, 173, 2005). Hier setzt Struth auch auf narrative Zusammenhänge in den Bildfolgen – nimmt mit den Geschichten Bezug auf die »historischen und phänomenologischen Verbindungen« zwischen Menschen und Städten, die ihn auch in den früheren Stadtbildern beschäftigen.
Ebenso signifikante wie unspektakuläre oder verwunschene Orte erfasst Struth auf diesen Reisen auch in den großformatigen Landschaftsbildern: der Serie vonLandschaften vom Beginn der 1990er Jahre, aber beispielsweise auch der in China entstehenden Serie Paradise (1999) führen besondere, weit vom Großstadtdschungel entfernte Landschaftsstrukturen vor – entlegene Gegenden in vertrautem Landschaftskontext, aber auch die Undurchdringlichkeit und das scheinbare Chaos exotisch anmutender, undurchdringlicher Urwaldlandschaften.

In den jüngeren Fotografien wird das Bild besonders signifikant von der Spezifität des musealen Ausstellungsortes getragen: An ihm sind die Besucher ebenso der Historizität der Exponate ausgesetzt wie sie selber für die Wahrnehmung und Rezeption von Kunst aus gegenwärtigem Blickwinkel stehen. Hier verbinden sich verschiedene historische Zeiten, überschneiden sich privater und öffentlicher Raum und verschiedene kulturelle Kontexte, nicht nur durch die Institution des Museums, sondern auch durch dessen Sammlung sowie internationale Besucherschaft. Oft nimmt Struth in diesen momenthaft-voyeuristischen Beobachtungen des Besucherblicks die Perspektive der im Museum ausgestellten Kunst ein – von der Wand in den Ausstellungsraum, ähnlich den Porträtaufnahmen – den blickenden Besuchern gegenüber gestellt. Die Serie Audience / Publikum (2004), aber auch die Fotografien aus den Museen Heremitage (2005) oder Museo del Prado 2 (2005) machen dies vor allem dann deutlich, wenn Räumlichkeiten und damit Kamerablickwinkel bekannt sind.

Seit Ende der 1980er Jahren werden Struths Werke vielfach international ausgestellt. 1992 ist er auf der Documenta, seit 1998 (Sydney) auf den Biennalen in Lyon (2000), Rotterdam (2003), Sao Paolo und Berlin (2004) vertreten. In Einzelausstellungen werden seine Werke in jüngerer Zeit u.a. 2003 im Museum of Contemporary Art in Chicago, im Musée d’art contemporain in Bordeaux (2004) oder 2008 im Museo Madre in Neapel gezeigt.

Thomas Struth lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Literaturauswahl

Emde, A.: Thomas Struth – Stadt und Straßenbilder, Marburg 2008

Ansicht Aussicht Einsicht. Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff, Thomas Struth: Architekturphotographie: Ausst.-Kat. Museum Bochum, Bochum 2000

Thomas Struth Straßen. Fotografie 1976 bis 1995: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bonn, hg. v. St. Gronert, Chr. Schreier, Köln 1995

Thomas Struth. Strangers and Friends. Photographs 1986 — 1992: Ausst.-Kat. The Institute of Contemporary Art Boston, Cambridge, München 1994

Belting, H.: Thomas Struth. Museum Photographs, München 1993

Thomas Struth. Portraits: Ausst.-Kat. Museum Haus Lange, Krefeld 1992

Thomas Struth. Unbewußte Orte / Unconscious Places: Ausst.-Kat. Kunsthalle Bern, hg. v. U. Loock, Köln 1987

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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