Thomas Rentmeister

Er beschreibt seine Skulpturen mit gewisser Folgerichtigkeit als Mischung von Andy Warhols Pop Art und Carl Andres minimaler Skulptur und erfindet dafür die Bezeichnung »Minimalpop«. ?Thomas Rentmeister beschäftigt sich in seinem Werk fast ausschließlich mit der Skulptur, deren varationsreiches Spektrum von Materialität, Raumbezug, Ding-Konnotation er immer wieder in seinen meist unbetitelten Arbeiten auslotet.

Thomas Rentmeister wird 1964 in Reken / Westfalen geboren. 1987 — 1993 studiert er an der Düsseldorfer Kunstakademie, ist zunächst Schüler bei Günther Uecker, dann Meisterschüler von Alfonso Hüppi. Zahlreiche Stipendien (1988/89 Philip-Morris; 1996 Kunstfonds e.V., Bonn; 1999 Kunststiftung Erich Hauser, Rottweil) führen ihn zu Arbeitsaufenthalten u.a. nach Berlin. 1999 lehrt Rentmeister an der Kunsthochschule Kassel, 2002 — 04 nimmt er eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin an und übernimmt 2005 — 2006 einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Berlin Weissensee.

Rentmeister beschäftigt sich in seinem Werk fast ausschließlich mit der Skulptur, deren varationsreiches Spektrum von Materialität, Raumbezug, Ding-Konnotation er immer wieder in seinen meist unbetitelten Arbeiten auslotet. In frühen kleinformatigen Materialassemblagen gestaltet er seit den 1980er Jahren Alltagsgegenstände wie Wäscheklammern Zigaretten und Nägel, deren gebastelte Formen er auf statische und räumliche Strukturen hin befragt. Erste serielle Strukturen, deren objektives und normiertes Darstellungsgerüst ihn auch in den folgenden Jahren kontinuierlich beschäftigt, entstehen ab 1985 mit Metallregalen, in denen er Packungen mit Orangensaft auf frischem Gras aufstellt. In der seriellen Reihung von Kaffeetassen, gefüllt mit Kaffee und Kondensmilch, die im gleichen Jahr entstehen, macht sich bereits eine ähnliche Ironisierung minimalistischer Attitüden bemerkbar. Bis 1990 verfolgt Rentmeister in zahlreichen weiteren Projekten und Auftritten diese Verfremdungen der alltäglichen Objekte zu scheinbar bedeutungsvollen und geheimnisvollen Dingen, denen letzlich eine absurde Komik abverlangt wird. Mit den Polyester-Skulpturen, die ab 1990 entstehen, macht sich Rentmeister ein neues, variationsreiches Zusammentreffen von ästhetischer Erfahrung und Dingkonnotation zunutze. Großformatige blasenförmige und dennoch schwere plastische Gebilde entstehen, die glänzend poliert auf dem Boden aufruhen. Wie wandelbar, gelagert nach Maßgaben der Schwerkraft, ergießen sie sich scheinbar in fremdartige Körperformen, wirken versunken, raumeinnehmend und zugleich friedlich kolosshaft.

Bieten bereits die Polyesterskulpturen zahlreiche Assoziationen zu essbaren, geleckten und zerlaufenden Süßigkeiten, bedienen sinnliche Begierden und Lustbarkeiten, so geht Rentmeister mit seinen Schokoladen- und Kühlschrankarbeiten noch einen Schritt weiter. Er verwendet Lebensmittel und Körpercreme als Materialien seiner Skulpturen und bezieht Gerüche und deren Erinnerungspotential in die Gestaltung mit ein. So entsteht 1999 ein Wandregal, das mit plastisch gestalteter Nuss-Nougatcreme überzogen ist und plastisches Modelé mit Assoziationen zur Frühstückskultur verfremdet. In einer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein im Jahr 2001 überlässt Rentmeister schließlich die Nuss-Nougatcreme dem ihr inhärenten Gestaltungsprozess, indem er sie als träge Masse in 100 Kübeln auf dem Ausstellungsboden ausgießt. Mit der Fügung von Kuhlschränken zu kubischen Formationen kehrt Rentmeister nur scheinbar zur objekthaften minimalistischen Gestaltungsweise zurück (White Ware, 2002). Die Formation von 20 Kühlschränken ist in grobem pastosem Auftrag mit Penatencreme verspachtelt, deren Cremegeruch den Ausstellungsraum penetrant erfüllt: »Der Geruch von Penatencreme, der in den Tiefen der kollektiven Erinenrung untrennbar mit dem Geruch von Babykacke verbunden ist – einer Mischung aus Duft und Gestank – wird mit einer weiteren allgemein bekannten Geruchskategorie – der von müffelnden Kühlschränken konfrontiert, und zwar in einer hierarchischen Weise.« (Rentmeister, Interview mit Ellen Seifermann, in: Ausst.-Kat. Nürnberg 2004). Weitere Arbeiten entstehen mit Quadern aus Taschentuch-Packungen, die ebenfalls mit Penatencreme bestrichen sind.

Rentmeister bricht in seinen Arbeiten die serielle Strenge kubische gestapelter Objekte aus den bürgerlichen Wohnräumen, indem er sie gestisch übermalt und kommentiert. Zugleich appelliert er jeweils an die frühkindlichen und unkommentierten Erfahrungen der MuseumsbesucherInnen mit den Markenartikeln der Alltagswelt, erzeugt vertrauliche und zugleich aufdringliche emotionale Eindrücke, die die ästhetische Erfahrung durchlaufen und konterkarieren. Rentmeister beschreibt seine Skulpturen mit gewisser Folgerichtigkeit als Mischung von Andy Warhols Pop Art und Carl Andres minimaler Skulptur und erfindet dafür die Bezeichnung »Minimalpop«.

Seit Ende der 1980er Jahre ist der Künstler auf zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Galerien und Ausstellungshäusern vertreten, so in Graz und Rotterdam 2005, in Köln 2003, Münster und Stuttgart (1997) und 1995 in Mönchengladbach.

Thomas Rentmeister lebt und arbeitet in Berlin.

Literaturauswahl

Thomas Rentmeister, Zwischenlandung: Ausst.-Kat. Kunsthalle Nürnberg, hg. v. E. Seifermann, Ostfildern-Ruit 2004

Thomas Rentmeister, brown: Ausst.-Kat. Kölnischer Kunstverein, hg. v. U. Kittelmann, Ostfildern-Ruit 2002

Thomas Rentmeister: Ausst.-Kat. Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach 1995

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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