Thomas Demand

Seine Fotografien und Filme thematisieren die Macht der Einbildung, das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit – jene Relation, die im Blick auf die Fotografie mit dem indexikalischen Charakter beschrieben und im Zeitalter der digitalen Bildmanipulation zunehmend hinterfragt wird.

Thomas Demand wird 1964 in München geboren. 1987 beginnt er ein Studium an der Kunstakademie in München, das er 1989 bei Fritz Schwegler an der Düsseldorfer Kunstakademie fortsetzt. Auslandsaufenthalte führen ihn 1992 an die Cité des Arts in Paris, 1993 für ein Studienjahr an das Goldsmiths College in London. 1995 arbeitet Demand an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam.

Demands Fotografien und Filme thematisieren die Macht der Einbildung, das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit – jene Relation, die im Blick auf die Fotografie mit dem indexikalischen Charakter beschrieben und im Zeitalter der digitalen Bildmanipulation zunehmend hinterfragt wird. So beziehen sich Demands augenscheinlich an identifizierbaren Orten aufgenommenen Bilder tatsächlich auf das medial vermittelte und verbreitete »Bild« dieser Orte. Es sind – und dies belegt die Wirkkraft der medialen Verbreitung – wenn vielleicht auch unscheinbare, so doch keine unbekannten Orte. Vielmehr konzentriert sich Demand auf Tatorte, Orte, die durch spezielle Ereignisse Bekanntheit und eine besondere Konnotation erfahren haben: das Badezimmer (1997), dessen Fotografie im Zusammenhang mit dem Tod von Uwe Barschel durch die Medien verbreitet wurde, der Tunnel (1999) in Paris, in dem sich der tödliche Autounfall von Lady Di und Dodi Al-Fayed ereignete und dem Demand den ersten seiner 35-mm-Filme widmet.

Doch erschöpfen sich Demands Fotografien und Filme nicht in der Wahl solcher spezifischer Orte, deren Präsenz sich einer potenten medialen Vermittlung verdankt. Vielmehr offenbart die Entstehungsgeschichte seiner Fotografien eine weit grundlegendere und über das Medium der Fotografie hinausreichende Beschäftigung mit dem Wirklichkeitsbezug und der Wirkkraft des Bildes: Die Fotografien und Filme basieren auf Materialien und Installationen, die den Gegenstand des nur scheinbar am realen Tatort aufgenommenen Fotos nachbilden. Mit einfachen Mitteln aus Papier und Pappe konstruiert, und durch ihre subtile Beleuchtung dennoch als künstlich ausgewiesen, simulieren die fotografierten Raum-Modelle eben nur die Anwesenheit an jenen spektakulären Tatorten: das am medial vermittelten Bild ausgerichtete Modell dient wiederum als Ausgangspunkt einer nur scheinbar am realen Ort aufgenommenen Fotografie, die überdies eine vorgegebene Perspektive wiederholt. Der Fake erweist sich in mehrfacher Hinsicht: Sowohl der durch die Fotografie wiedergegebene Ort, der durch die spezielle Ausstattung simulierte Zeitkontext, als auch die scheinbare Anwesenheit des Fotografen an dem Ort und zu dieser Zeit entpuppen sich als simuliert, wobei der künstliche Charakter des dabei entstehenden neuen Bildes durchaus beabsichtigter Effekt sowohl von Modellanlage wie fotografischer Wiedergabe ist. Letztlich verdankt sich die Wirkkraft dieser Fotografien und Filme, die am Ende einer sukzessiven, über die Installation laufenden Bildentwicklung stehen, denjenigen Wirklichkeits-Konnotationen, die durch die Suggestivwirkung des Pressefotos angelegt sind, und die Demand (der sich nicht als Fotograf versteht) zum Ausgangspunkt und Maßstab seiner gleichermaßen re- wie dekonstruierenden Fotografien und Filme macht.

Durch die Gleichzeitigkeit von Präsenz und Nicht-Präsenz entwickelt Demand mit seinen Fotografien virtuelle Räume, durch die die Betrachter mehr über das grundlegende Wirkpotenzial »des Bildes«, als über dessen spektakulären Gegenstand erfahren. So lassen sich solche Fotografien, in denen der konstruierte Charakter der Simulation beispielsweise durch den erkennbaren Nachbau realer Gegenstände oder öffentlicher Orte (Sprungturm, 1994; Archiv, 1995) deutlich zutage tritt, mangels eines Referenzbildes aus den Medien als grundlegende Konzeptionen des Bildes verstehen.

In den jüngeren, seriell oder zyklisch angelegten Fotografien geht Demand über die benannten Ansätze hinaus: Erneut an Medienbildern und Pressefotos ausgerichtet, verlagert sich das bildliche Interesse offenkundig vom medial vermittelten Ort zum Ereignis: Mit Zyklus Klause I.-V. von 2005/2006 bezieht sich Demand auf den angeblichen und in der zeitaktuellen Presse aufgegriffenen Kindesmissbrauch 1992 in der »Saarbrücker Tosa-Klause«, dem er mit seinen fotografisch dokumentierten Nachstellungen nachspürt. Hier entwickelt Demand in der Sequenz der nummerierten Bilder und über den Ortsbezug früherer Arbeiten hinaus, einen narrativen Zusammenhang. Scheinbar wird ein Tathergang aus der Reihung von mutmaßlichen Tatortfotografien – Außen-, Innenaufnahmen oder einzelnen belanglos scheinenden Gegenständen – rekonstruierbar. Die Vorstellungskraft der Betrachter wird stimuliert. Dazu tragen auch im Medium des Spielfilms erprobte, z.B. Hitchcocksche Kameraeinstellungen bei, deren Gewaltkonnotation den imaginären Anteil der Bildfolgen Demands stützt.
Auch die neuere Foto-Serie Embassy (2007), die Demand wie seine früheren Arbeiten als C-Print im Diasec-Verfahren anlegt, weicht von den stärker ortsbezogenen Konzepten der 1990er Jahre ab. Dennoch stellt auch hier mit dem Bild (der Botschaft des Niger in Rom) erneut ein spezifischer Ort und seine medienbedingte Präsenz wie inhaltliche Belegung den Ausgangspunkt Demands dar: Das Gebäude steht als angeblicher Aufbewahrungsort von Dokumenten über irakische Atomprogramme für die Rechtfertigung des Angriffskriegs gegen den Irak durch den us-amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Embassy I.-V. erschließt diesen lediglich imaginierbaren Zusammenhang in einer sequenziellen Folge der (auch innen-) räumlichen Gebäudeerfassung. Nun fußen Demands Innenraum-Modelle auf heimlich in der Botschaft angefertigten Fotografien – sind der Präsenz des Künstlers am vermeintlichen Tatort verdankt. Dennoch behalten die Orte und Ereignisse bei Demand angeblichen, mutmaßlichen Charakter. Die Frage nach der Authentizität verlagert sich auf ein Bild, das noch »vor« Demands Konzeption der Fotografie in Zweifel zu ziehen ist. Mit dem auf der Foto-Serie Embassy aufbauenden Filmloop, der scheinbar Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigt und mit der Kamera-Attrappe im Ausstellungsraum (Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, 2008) bezieht Demand im Ausstellungskontext auch das Publikum ein. Er vermittelt auch dort den Eindruck von bildgestützter Kontrolle und Überwachung, stellt eine Beziehung zu den Inhalten der Foto-Serie her.

2005 werden Demands Werke im Museum of Modern Art in New York, 2006 in der Serpentine Gallery in London gezeigt. 2008 präsentiert er unter dem Titel »Camera« seine Serie Embassy (2007) in der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle.

Thomas Demand lebt und arbeitet in Berlin und London.

Literaturauswahl

Obrist, H.-U.: Thomas Demand, Köln 2007

Klause, Thomas Demand: Ausst.-Kat. MMK Museum für Moderne Kunst hg. v. A. Bee, Köln 2006

Thomas Demand: Ausst.-Kat. Serpentine Gallery, München 2006

Thomas Demand: Ausst.-Kat. Museum of Modern Art, New York 2005

Thomas Demand: Phototrophy, München 2004

Thomas Demand: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, hg. v. H. Friedel, München 2002

Thomas Demand, Report: Ausst.-Kat. Sprengel-Museum, Hannover, 2001

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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