Thomas Bayrle

Das Prinzip des Seriellen kennzeichnet die bildkünstlerischen Arbeiten Bayrles, die teils der Pop Art nahestehen: Die Menschen-Masse steht ebenso im Zentrum der Arbeiten des politisch engagierten Künstlers wie die Welt der Warenproduktion und Massenware.

Thomas Bayrle wird 1937 in Berlin geboren. Nach einer Ausbildung zum Weber nimmt er 1958 das Studium an der Werkkunstschule Offenbach auf, das er 1961 abschließt. 1971 erhält er ein Stipendium an der Villa Massimo in Rom, seit 1975 lehrt Bayrle an der Städelschule, Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main.
Seine Interessen gelten zu Beginn der 1960er Jahre zunächst weit stärker der Literatur und den gewerblichen drucktechnischen Verfahren denn der bildenden Kunst. 1962 — 1966 arbeitet er in der gemeinsam mit Bernhard Jäger initiierten Gulliver-Presse an den Techniken des Handsatzes, der Steinlithographie und Radierung, verlegt Künstlerbücher und Texte u.a. von Franz Mon, Ernst Jandl, H.C. Artmann oder Bazon Brock.

Das Prinzip des Seriellen kennzeichnet die bildkünstlerischen Arbeiten Bayrles, die teils der Pop Art nahestehen: Die Menschen-Masse, das Ornament der Masse steht ebenso im Zentrum der Arbeiten des politisch engagierten Künstlers wie die Welt der Warenproduktion und Massenware. »In der Zeit von 1964 — 66 habe ich motorisierte Massenbewegungen in der Form von Maschinen gebaut. ›Bier trinken‹, ›Eis essen‹, ›Zähne putzen‹, ›Ajax schrubben‹ wurden mit Mao, Hitler, Ludwig Erhard konfrontiert. Ich habe versucht, mir ein naives Bild von der Mechanik hinter den Massen zu machen.« (Bayrle, in Kunstforum International, 148/1999). Dabei bedient sich Bayrle in den Arbeiten jener Ikonen der Alltagskultur, die in besonderer Weise die Massengesellschaft, Massenkultur und Massenproduktion kennzeichnen. Stempeltechnik, Bildmuster und Raster ermöglichen die tausendfache Darstellung kleiner Produktlabels, Logos, Figuren oder Piktogramme, von Ochsen, Schuhen, Tulpen oder Tassen.

Der maschinelle Effekt und das Verhältnis von Einzelelement zum Ganzen in der von Bayrle so bezeichneten »Superform« bewegt den Künstler neben den rasterartigen Serigraphien oder Offset-Graphiken auch in seinen Objekten seit den 1960er Jahren. Das Verhältnis des Einzelelements zu jener »Superform« ist exakt festgelegt. Bayrle findet in derartigen Massenornamenten, die er auch im ostasiatischen Kulturraum verfolgt, eine ästhetische Formel für die Kollektivierung des Individuums, für das Aufgehen des einzelnen in der Gesellschaft. So sind Detail und Ganzes – beispielsweise in Ajax (1966), einem kinetischem Holzrelief in einem flaschenförmigen Objektkasten oder auch Baby von 1967, das sich aus tausendfachen gestempelten Kuhköpfen zusammensetzt – in engen inhaltlichen Bezug gestellt. Zum Teil nimmt die Gesamtform auch die Eigenheit der Binnenstruktur auf, wo die Vielzahl der Pictogramme und Zeichen – analog zum Text – wieder die Gesamtform des Bildes oder Objekts, z.B. eine Tasse (Tassentasse, 1969) oder auch eine Maggi-Flasche (Roter Platz, 1982/96) ergibt. Im seriellen Prinzip, aber auch im Verhältnis von Binnen- zu Außenform zeigt sich auch ein Reflex von Bayrles früherer Beschäftigung mit textilem Material und den Strukturen, die dessen Verarbeitung erbringt (Mäntel vor Schuhraster, 1967; Revolutionäre Kräfte ernten Raps, 1968). Seine Rasterstrukturen bringt er überdies neben Bildern auch auf Tapeten, Vorhängen oder Mänteln auf.

Seit Ende der 1970er Jahre entstehen auch filmische Arbeiten, beispielweise der Film Auto von 1979, für den Bayrle – vergleichbar seiner späteren Arbeit Holland(1999) – mit plastisch verschlungenen Straßen-, Autobahnabschnitten eigenständige Objekte entwickelt. Bayrle gehört zu den ersten deutschen Künstlern, die sich mit computergenerierter und animierter Kunst beschäftigen. Mit seinen auf Zeichnungen aufbauenden Computeranimationen und Collagen der 1980er und 90er Jahre, bezieht er sich erneut auf alltägliche und verbreitete Bildsujets (Madonna Jaguar, 1988, entw. mit Stefan Mück) oder Tätigkeiten, auf Essen, Schlafen, Zähneputzen oder Rasieren ((b)alt, 1997). Wie auf dem Feld der Druckgrafik nutzt Bayrle auch hier das Medium zur kritischen Reflexion der massenorientierten Reproduktionsverfahren. Und auch hier formuliert er seine Kritik in den medienspezifischen Formen der Bildgenerierung und Bildvermittlung. Das Verhältnis von Einzel- zu »Superform«, beispielsweise von gemappten Einzelbildern zum gesamten Raster, bleibt in diesen digitalisierten Varianten ebenso erhalten wie die Omnipräsenz der technischen Reproduktion.

Seit den 1960er Jahren werden Bayrles Arbeiten in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt (u.a. 1963 »Schrift und Bild«, Kunsthalle Baden-Baden; 1968 Galleria Apollinaire, Mailand). Auf der Documenta ist er 1977 vertreten. In den letzten Jahren sind Bayrles Werke u.a. in Ausstellungen im Museum am Ostwall, Dortmund, dem ZKM, Museum für Neue Kunst & Medienmuseum Karlsruhe, Kunstmuseum Thun, im Kunsthaus Zürich, im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) oder in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen. 1995 erhält er mit der animierten Grafik Superstars den Preis der Ars Electronica in Linz, 1998 den Hessischen Staatspreis für Kultur, im Jahr 2000 den KUNSTKÖLN-Preis (heute Cologne-Fine-Art-Preis).

Thomas Bayerle lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Literaturauswahl

Bayrle, Thomas; Birnbaum, Daniel u.a.: 40 Years Chinese Rock’n Roll. Buch zur Ausstellung in Frankfurt, Köln 2006

Thomas Bayrle: Ausst.-Kat. Städelsches Kunstinstitut und Revolver, Archiv für Aktuelle Kunst, Frankfurt/M. 2002

Bernhard Uske, Thomas Bayrle: Film: Ausst.-Kat. Frankfurter Sparkasse von 1822, Frankfurt /M. 1998

Kölle, Brigitte: Thomas Bayrle. Grafik von 1967 — 72 und animierte Grafik von 1979 — 94, Köln 1995

Thomas Bayrle: Ausst.Kat. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/M. 1994

Bayrle Big Book, Köln 1990

Thomas Bayrle: Pinsel durchgespielt: Ausst.Kat. Kunstverein Freiburg 1989

Thomas Bayrle. Druckgrafik: Ausst.-Kat. Städt. Galerie Wolfsburg 1983

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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