Tadeusz Kantor

Er vertritt in seinem vielgestaltigen Werk einen offenen, spartenübergreifenden Kunstbegriff. Im Jahr 1965 führt er in Polen das erste Happening auf. Das Crossover aus Theater und bildender Kunst wird manifest in seiner Bühnenskulptur Die tote Klasse (Pinakothek der Moderne, München) von 1975. Kantor gilt seither international als wichtigster Vertreter des Absurden Theaters. »Absurd« vermag auch exakter als der oft auf seine Werke angewandte Begriff »surreal« sein malerisches Werk zu bezeichnen.

Tadeusz Kantor wird am 16. April 1915 in Wielopole Skrzynskie bei Krakau geboren. Von 1936 bis 1939 studiert er an der Akademie in Kraukau. Dort geht er 1942 bis 1945, erzwungen durch die deutsche Besatzung im II. Weltkrieg, in den Untergrund. Ihm gelingt es, eine Theatergruppe zu leiten. Ab 1945 ist er wesentlich am Wiederaufbau des kulturellen Lebens in Krakau beteiligt, wo er seit 1948 eine Professur an der Akademie inne hat.

Kantors malerisches Schaffen steht zunächst unter dem Einfluss des französischen Surrealismus. Nach einer Phase informeller Malerei wendet er sich naturalistischer, doch surreal verfremdeter, durch Assemblagen ergänzter Malerei zu. Zugleich entstehen auch reine Objetkbilder und konzeptuelle Arbeiten. Kantor setzt sich literarisch, theoretisch und inszenierend mit den französischen Avantgardeliteraten Antonin Artaud und Alfred Jarry auseinander. In Paris gründet er 1955 seine Theatergruppe »Cricot 2«, mit der er international regelrecht von ihm dirigierte Aufführungen inszeniert. Inhaltlich behandeln sie oft Biographisches, stützen sich bisweilen auch auf Texte des polnischen Schriftstellers Stanislaw Ignacy Witkiewicz.

Ebenfalls 1955 ist Kantor unter den Gründern der Künstlergruppe Krakau. Die Person Kantors, der sich ab den 1960er Jahren auch in Happenings und Performances ausdrückt, ist unersetzbar für seine Theateraufführungen. Kantor versucht über schockhafte Inszenierungen, die Textlastigkeit des europäischen Theaters zugunsten einer vitalen, improvisierten Lebensinszenierung zu überwinden. Die Theateraufführungen sind filmisch dokumentiert, seine Happenings und Performances sind über Jahrzehnte durch den Fotografen Eustacky Kossakowski (1925 — 2001) dokumentiert. So sind Film und Foto neben Malerei, Assemblagen und Bühnenskulpturen als gleichrangige Werkdokumente zu werten. Mitte der 1960er Jahre ist Kantor und seine Truppe »Cricot 2« weltweit als Theateravantgardist anerkannt. Mit malerischen Arbeiten ist er bereits 1959 auf der Documenta II vertreten, 1987 inszeniert er erneut auf der Documenta VIII seine Performance The Death and Love machine.

Tadeusz Kantor vertritt in seinem vielgestaltigen Werk einen offenen, spartenübergreifenden Kunstbegriff. Im Jahr 1965 führt er in Polen das erste Happening auf. Das Crossover aus Theater und bildender Kunst wird manifest in seiner Bühnenskulptur Die tote Klasse (Pinakothek der Moderne, München) von 1975. Kantor gilt seither international als wichtigster Vertreter des Absurden Theaters. »Absurd« vermag auch exakter als der oft auf seine Werke angewandte Begriff »surreal« sein malerisches Werk zu bezeichnen. Wie lebensnotwendig das Theater für Kantor ist und er für sein Theater, zeigt der Umstand, dass er 1990 während der Inszenierung seines Stückes Heute ist mein Geburtstag plötzlich verstirbt. Kantor erfüllt seine künstlerische Mission als Regisseur, Darsteller, Maler, Bühnenbildner und Kunsttheoretiker im wörtlichen Sinne bis zu seinem letzten Atemzug.

Tadeusz Kantor stirbt am 8. Dezember 1990 in Krakau.

Literaturauswahl

Tadeusz Kantor: Ausst.-Kat. Migros Museum, Zürich, hg. v. H. Munder, Zürich 2008

Kemp-Welch, C.: Excursions in communist reality: Tadeusz Kantor’s impossible happenings, in: Objekt 8, 2005

»Les trois mousquetaires«: Witkacy, Schulz, Gombrowicz, Kantor: Ausst.-Kat. Musée des Beaux-Arts, Nancy, hg. v. B. Chavanne; J.-P. Salgas, Lyon 2004

Marx, P.W.: Theater und kulturelle Erinnerung: Kultursemiotische Untersuchung zu George Tabori, Tadeusz Kantor und Rena Yerushalmi, Tübingen 2003

Nawrocki, P.: Tadeusz Kantor. Ein Reisender – seine Texte und Manifeste, Nürnberg 1988

Borowski, W.: Tadeusz Kantor, Warschau 1982

Kantor, T.: Metamorphoses, Paris 1982

Kantor, T.: Das Autonome Theater, in: Prinzip Collage, Interkunst I, Neuwied 1968

Tadeusz Kantor: Ausst.-Kat. Städtische Kunsthalle, Düsseldorf, hg. v. K.-H. Hering, Düsseldorf 1959

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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