Susanne Paesler

»Radikaler oder besser: konsequenter werden, heißt für mich, dekorativer zu werden. Ich denke, dass das Dekorative ein Transportmittel für etwas jenseits der Dekoration sein kann, aber ich möchte für meine Arbeit, dass eine Ambivalenz zwischen Beunruhigung und Bestätigung des Gegebenen bestehen bleibt.« (Paesler zit. n.: Kunstforum International, 204 (2010), 273).

Susanne Paesler wird 1963 in Darmstadt geboren, wächst in Höchst im Odenwald und in Bingen auf, wo sie 1982 Abitur macht. Ab dem Wintersemester 1982/83 studiert sie einige Semester Psychologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, wechselt dann jedoch zum Graphik-Design-Studium an die Hochschule in Wiesbaden und lernt hier die ersten computergestützten Bildbearbeitungsprogramme kennen, die sie nachhaltig beschäftigen. Die Möglichkeiten der Bildbearbeitung führen ihr die irritierende Präsenz von Oberflächenbildern im digitalen Medium vor Augen, die auch einen Kern von Paeslers späterer malerischer Arbeit bildet.

Ihre Mitarbeit in verschiedenen Werbeagenturen sichert Paesler zeitweise den Lebensunterhalt. 1986 setzt sie ihr Studium an der Städelschule in Frankfurt fort, an der die malerische Ausbildung besonderen Stellenwert hat. Sie studiert bei Thomas Beyrle, später bei Kaspar König und schließt ihr Studium 1992 in einer Zeit ab, in der postmoderne Positionen bestimmend sind und die Kunstkritik erneut das Ende der Malerei ausgerufen hat. Für Paesler mag dies ein Antrieb gewesen sein, sich konsequent mit der Malerei des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen.

1993 erhält Paesler den Kunstpreis »Junger Westen« der Stadt Recklinghausen, in dessen Zusammenhang eine unbetitelte Arbeit (O.T., 1993) für die städtische Kunsthalle Recklinghausen erworben wird. Nach ihrer Berliner Ausstellung »homewear«, 1996, erhält Paesler in dichter Folge Arbeitsstipendien in Bonn, im Künstlerhaus Bethanien in Berlin, woraufhin sie sich in Berlin niederlässt. 2000 folgt ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2002 der Artist in Residence der University of Auckland in Neuseeland.

»Angefangen hat es mit den Stoffmustern, also, dass ich von den sehr reduzierten, einfachen Hard-Edge Bildern zu diesen Stoffmustern gekommen bin … Und dann dachte ich, warum soll ich das nicht wörtlich nehmen und wirklich ein Stück Stoff kaufen und abmalen. Das Verwobene – darum ging es mir auch immer. Dann habe ich die Stoffe gekauft, die etwas mit meiner Herkunft zu tun haben, mit einer Mittelklasseherkunft und dem Ehrgeiz nach gehobener Qualität, es waren teure, gedeckte Stoffe, auch solche, die ich hässlich fand oder beklemmend« (zit. n.: S. Paesler, Interview 2000, in: Ausst.-Kat. Kiel 2010, 96).
Erstaunlich ist, dass Paesler ausgerechnet das Hard-Edge als Pate für jene, etwa seit Beginn der 1990er Jahre entstehenden Bilder textiler Strukturen benennt, denen sie offen erzählerischen, ja biografischen Gehalt und zeitspezifische Konnotationen zuschreibt. Sicher stellt die Auseinandersetzung mit der Moderne und den abstrakten Positionen US-amerikanischen Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem der abstrakten und Farbfeldmalerei einen wesentlichen Ausgangspunkt ihrer Arbeit dar. Doch richtet sich Paeslers Interesse – wenngleich auch Schichtungsprinzipien und Farbräumlichkeit durchaus diese künstlerischen Orientierungspunkte bestätigen – zunächst mit der Aufnahme textiler Strukturen weit stärker auf Oberflächenphänomene, auf die Textur und Textlichkeit des Bildes wie auch das Dekorative. »Radikaler oder besser: konsequenter werden, heißt für mich, dekorativer zu werden. Ich denke, dass das Dekorative ein Transportmittel für etwas jenseits der Dekoration sein kann, aber ich möchte für meine Arbeit, dass eine Ambivalenz zwischen Beunruhigung und Bestätigung des Gegebenen bestehen bleibt.« (Paesler zit. n.: Kunstforum International, 204 (2010), 273).

Natürlich ist Paesler die Bedeutung der Stoffdarstellung in der Malerei, die in ihrer vollen Opulenz mit der Frührenaissance einsetzt, bewusst. Ebenso weiß sie um die Wechselwirkungen der klassischen Moderne und des zeitgleichen Textildesigns, wie sie auch die Stoffbilder von Blinky Palermo und stofflichen Malgründe Sigmar Polkes kennt oder sich auch über das Spiel mit den weiblichen Konnotationen in Rosemarie Trockels Stick- und Strickbildern im Klaren ist. Über das Textile scheinen sich gleichermaßen Materialkonnotationen zu klären wie auch der Zugang zu Moderne und Gegenwartskunst zu öffnen. Paesler beschreibt, dass beispielsweise ihre »Vorstellung von Baumeister (…) nicht von den originalen Bildern, sondern von der Zweit- und Drittverwertung« herrührt: »Ich habe erst eine Küchengardine und dann den Baumeister gesehen. Der Baumeister sah aus wie die Küchengardine.« (zit. n.: Paesler, Interview 2000, ebd., 95). Das Textile (Zitat) scheint Schlüssel zur Kunst, zur Malerei zu sein – nicht im Sinne einer Zweitfassung oder Abbilds, sondern gleichsam als malerisch-gewebeartiges Medium (geometrischer) Bildordnung und bildräumlicher Qualitäten, bei dem nicht nur der Pinselduktus unterdrückt ist, sondern auch ganz auf taktile, haptische, synästhetische Qualitäten textiler Stofflichkeit verzichtet ist.

Den Rapport der Quilt-Stoffe, Deko-Bezüge oder Glencheck-Sakkos, teils im All Over, nutzt Paesler zugleich für semantische Transformationen, die malerische Be- und Freilegung von Bedeutungsschichten durch transluzide Farbschichten. Sie sagt: »Ich male Bilder über Bilder. Das erzeugen von Bildnissen oder Chiffren, die für etwas stehen.« (Interview 2000, ebd.). Ihre technischen Entscheidungen für Lackfarben und Aluminiumtableaus als Malgrund, für malerisch integrierte oder in Trompe l’oeil-Technik ausgeführte Rahmenformen (ab 1997) bis hin zur Faksimilierung der eigenen Signatur im Jahr 2006 begegnen dem Prinzip des textil »Verwobenen« auf dem Feld der Malerei, verweisen aber sukzessive auch auf Fragen der Autorenschaft. In weiteren Bildserien wendet sich Paesler zunehmend von den textilen Strukturen ab und der isolierten Geste – u.a. den Drippings von Jackson Pollock oder des Informel – zu und erzielt elegante Arabesken, denen Vegetabiles anhaftet. Ähnlich verfährt sie mit den Concetti Spaziali von Lucio Fontana.

Aus ihren Eindrücken in Auckland entsteht ab 2002 die Serie der moonshine paintings. Auf eine Chinareise folgen Blumenmotive, insbesondere Orchideen. So gestaltet sich ihre Malerei – nicht nur koloristisch wie in ihrer Ausstellung »rosa für Jungs, hellblau für Mädchen« 1999 in der NBGK in Berlin – als Gradwanderung zwischen bildlichen Ordnungsprinzipien und gravierender Bildsemantik, zwischen malerischer Möglichkeit und der Verweiskraft der Chiffre.

Am 26. August 2006 stirbt Susanne Paesler in Berlin. Ihren Nachlass betreut und bearbeitet ihr Bruder in Zusammenarbeit mit der Galerie Barbara Weiß in Berlin.

Literaturauswahl

Asthoff, J.: Susanne Paesler, Ausst.-Rezension Kunsthalle zu Kiel, 5.06. — 29.08.2010, in: Kunstforum International, 204 (2010), 273

Susanne Paesler: Sinnlichkeit der Bilder: Ausst.-Kat. Kunsthalle zu Kiel, hg. v. P. Thurmann, Kiel 2010

Hafner, H.-J.: Gezielt am Bild. Susanne Paesler: Malerei 1993 — 2006, Galerie Barbara Weiß, Berlin 2008

B. Werneburg: Nachruf: Susanne Paesler, in: TAZ 31.08.2006

Bilder über Bilder: Drei Positionen der Malerei, Ausst.-Kat. NGBK, Berlin 2000

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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