Stephan Balkenhol

Ungeglättet, grob, mit Splittern und Rissen sowohl den bildhauerischen Arbeitsprozess wie auch die Strukturen und die »Lebendigkeit« des Holzes preisgebend, zeigen Staphan Balkenhols Skulpturen eine ungewohnte Perspektive auf Mensch und Tier, auf mythische Motive und Architektur.

Stephan Balkenhol wird 1957 in Fritzlar / Nordhessen geboren, wächst in Kassel auf. Von 1976 bis 1982 studiert er bei Ulrich Rückriem an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Im Anschluss an mehrere Stipendien und Kunstpreise und nach seinem Beitrag zu »Skulpturen Projekte Münster« 1987 und folgenden Arbeiten im öffentlichen Raum, mit denen Balkenhol international Aufmerksamkeit erregt, erhält Balkenhol 1988 — 89 einen Lehrauftrag an der Hamburger Kunsthochschule, lehrt anschließend am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt und erhält 1991 eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe. Seine ersten Holzarbeiten entstehen in einer Zeit, in der sich nicht nur in der Skulptur, sondern vor allem auch im Bereich der Malerei fugürliche Tendenzen ausmachen lassen. Nach den realistischen Plastiken der us-amerikanischen Pop Art in den 1960er und 70er Jahren und kurz nach den Furore machenden figürlichen Holzskulpturen in Deutschland seit 1980 (Baselitz u.a.) findet Balkenhol zu einer eigenen plastischen Sprache, die ebenso von einer Orientierung an der expressionistischen Holzskulptur wie von diesen jüngeren Tendenzen der figürlichen Plastik gezeichnet ist.

Inzwischen sind Balkenhols grob bearbeitete und zum Teil farbig bemalte Holzskulpturen, die er mit mit dem Beitel meist aus Pappelholz herausschlägt und dabei meist einen Teil des Blocks als Sockel beibehält, zu einem Markenzeichen des Künstlers geworden. Ungeglättet, grob, mit Splittern und Rissen sowohl den bildhauerischen Arbeitsprozess wie auch die Strukturen und die »Lebendigkeit« des Holzes preisgebend, zeigen sie eine ungewohnte Perspektive auf Mensch und Tier, auf mythische Motive und Architektur. Zugleich zeugen sie von einer grundlegenden Auseinandersetzung mit Materialität und Raumbezug von Skulptur.

»Ich will alles auf einmal: Sinnlichkeit, Ausdruck, aber nicht zuviel, Lebendigkeit, aber keine oberflächliche Geschwätzigkeit, Momentaneität aber keine Anekdote, Witz aber keinen Kalauer, Selbstironie, aber keinen Zynismus. Und in erster Linie eine schöne, stille, viel- und nichtssagende Figur« (zit. Ausst.-Kat. Museum Kurhaus Kleve, 2004). Tatsächlich siedelt Balkenhol seine Bilder des Menschen zwischen Extremen, zwischen Aussage und Stille an. Die kleinformatigen bis überlebensgroßen Figuren behalten mit ihren meist zurückhaltenden farbigen Akzentuierungen die Nähe zum Gegenstand, sind jedoch weit entfernt von der Idee illusionistischer Täuschung. Die weiblichen und männlichen Typen sind örtlich und zeitlich bestimmt, tragen zeitgemäße, westliche Kleidung, werden durch Frisuren und eine zurückhaltende Farbgebung beispielsweise der Lippen als gegenstandsnah ausgewiesen. Und doch scheinen sie andererseits in ihrer emotionsfreien Autonomie und Unbestimmtheit, aber auch mit ihren Arbeitsspuren, Holzsstrukturen, der oft isolierten räumlichen Platzierung und Ausrichtung diesen zeitlichen und örtlichen Bestimmungen wiederum völlig entrückt, ja erhalten eine anrührende Qualität.

Neben den bekannteren Skulpturen und Reliefs umfasst Balkenhols Werk auch Zeichnungen, Holzschnitte, Fotoarbeiten, Siebdrucke und hözerne Objekte (Paravant Auto / Ameisen, 1997). In jüngerer Zeit entstehen zugleich Holzreliefs und Portraits, die in ihrem figürlichen und z.T. ornamentalen Charakter erkennbar von der modernen französischen Skulptur u.a. Gauguins inspiriert sind (Paar (Kopfrelief Mann und Frau), 2002; Wolke, 2004), aber auch Holz- und Bronze-Skulpturen und Skulptureninstallationen im öffentlichen Raum (Neuer Eisener Mann, 2004, Kleve; Mann und Frau, 2004, Hamburg).

Balkenhol ist seit Beginn der 1980er Jahre auf vielen Ausstellungen vertreten, so u.a. 1985 im Kunstraum Hamburg; 1996 in der Friedman Gallery, London; 2001 im Museum der Bildenden Künste, Leipzig; 2006 in der Kunsthalle Baden-Baden oder 2007 Museum Küppersmühle für moderne Kunst, Duisburg. An Gruppenausstellungen beteiligt sich Balkenhol u.a. 1984 Brücke Museum Berlin (Die Stipendiaten der Karl-Schmidt-Rottluff-Stiftung); 1997 Kunsthaus Bregenz (Kunst in der Stadt); 2001 im Museum Bochum (Photografierte Bilder); 2005 im Kunstmuseum Bonn (Zeichen des Glaubens) oder auch 2007 im Lentos, Linz (Ein gemeinsamer Ort).

Stephan Balkenhol lebt in Karlsruhe und Meisenthal / Lothringen.

Literaturauswahl

Stephan Balkenhol – Werkschau: Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden; Museum Küppersmühle, Sammlung Grothe, Duisburg; Museum der Moderne, Salzburg, hg. v. M. Winzen, Ostfildern 2006

Stephan Balkenhol: Ausst.-Kat. Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Texte v. K. Gallwitz und U. Grzechca-Mohr, Frankfurt/M. 1991

Stephan Balkenhol: Ausst.-Kat. Kunstverein Braunschweig, Texte v. W. Bojescul und L. Gerdes, Braunschweiger, Braunschweig 1987

Stephan Balkenhol: Ausst.-Kat. Kunsthalle Basel, Basel 1988

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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