Stefan Kern

Die performativen Objekte und Installationen von Stefan Kern laden gleichermaßen zu praktischer Verwendung, zu konkreten Gebrauch und physischer Erfahrung ein. Eingepasst in das jeweilige räumliche Umfeld, bieten sich Kerns »Sozialplastiken« als Verweilplatz im öffentlichen Park, als Sitzmöglichkeit im musealen Innenraum oder beispielsweise auch als Ausguckplattform, als Rednerpult oder auch Rückzugsort an.

Stefan Kern wird 1966 in Hamburg geboren. Nach der Schulausbildung nimmt er das Studium an der Frankfurter Städelschule bei Per Kirkeby, Ulrich Rückriem und Franz West auf.

Kerns möbelartig und alltagstauglich anmutende Objekte im Innen- und Außenraum werden immer wieder als gleichermaßen unscheinbar wie perfekt, als möbelartig und nutzungsorientiert wie zugleich dekorativ – und durch die formalästhetischen Vorgaben der Minimal Art geprägt – charakterisiert. Derartige Ambivalenz drückt sich tatsächlich in den perfekten formalen Lösungen an unerwartetem Ort wie zugleich auch in ortsbezogenen skulpturalen Eingriffen beispielsweise im landschaftlichen oder architektonischen Zusammenhang aus. Kerns performative Objekte und Installationen laden gleichermaßen zu praktischer Verwendung, zu konkreten Gebrauch und physischer Erfahrung ein. Eingepasst in das jeweilige räumliche Umfeld, bieten sich diese »Sozialplastiken« als Verweilplatz im öffentlichen Park (Ohne Titel (Tribüne), 1996), als Sitzmöglichkeit (Ohne Titel (Wippe), 1998) im musealen Innenraum oder beispielsweise auch als Ausguckplattform (Baumhaus, 2002) im Skulpturenpark des Museum Abteiberg, als Rednerpult oder auch Rückzugsort an. In dieser Hinsicht sind sie interaktiv, markieren öffentliche Orte, besetzen und verändern deren oft kontemplative oder kommunikative Ausrichtung. Und doch bringen – ungeachtet plausibler Platzierung und funktionaler Dimension – die oft in krassem Gegensatz zum Umfeld stehende Materialität der Objekte und ihre Form der Integration im landschaftlichen oder baulichen Kontext meist auch einen unpraktischen, mitunter skurrilen, ironischen oder auch utopischen Aspekt zum Vorschein, der über die zunächst nahe liegenden Nutzungszusammenhänge hinausreicht.

Strategien der Kontextualisierung und Abweichung vom landschaftlichen oder baulichen Zusammenhang, der Vereinzelung und gleichzeitigen Bezugnahme verdeutlichen die engen Verbindungen, die vor allem zwischen innen- und äußenräumlichen Materialkonnotationen, Funktionen und Nutzungszusammenhängen der Objekte hergestellt werden. Intensivfarbene Materialien und modulare Formen und Formsequenzen, die wie beispielsweise hochglänzender Kunststoff an Baustoffe und alltagsweltliche Anwendungsbereiche im Innenraum denken lassen, werden im Außenraum aufgenommen (Treppe, 2003); witterungsbeständige funktionsarchitektonische Installationen und Skulpturen etwa aus emailliertem Aluminium oder Metall werden – beispielsweise als begehbare Balkone oder käfigartige Plattformen – in Innenräume transferiert (vgl. Ausst.-Kat. 25 geklaute Ideen, 2002). Mit diesen Ideen von Übergang und Transparenz zwischen Innen und Außen kann Kern auch an eines seiner frühen Projekte anknüpfen. Im Jahr 1997 schlägt er in seiner Frankfurter Wohnung ein Loch in die Wand zu seiner Nachbarin. Das gläserne Bullauge, das er in diese Öffnung einsetzt, ermöglicht hier bereits der Permeabilität verdankte wechselseitige (Ein-)Blicke in die Privatesse häuslichen Lebens.

In Werktiteln wie ISDN-Skulptur (1996), Magnetwand (1998), Tonne (1998), Ohne Titel (Welle) (2002) oder O.T. (Baubank) (2003) schlägt sich die mehrdimensionale Ausrichtung der Objekte und installativen unmittelbar Arbeiten nieder: Kerns Interesse an standardisierenden, sequenziellen Gestaltungsvorgaben und modularen Lösungen spiegelt sich in diesen meist zweiteiligen Titelangaben ebenso wider wie jene ornamental-dekorativen und alltagsweltlichen Nutzungszusammenhänge angedeutet sind, durch die die Objekte auch, aber eben nicht ausschließlich bestimmt sind.

Kerns ornamentale Strukturen und dekorative Form- und Flächensequenzen im Innenraum zielen auch auf die architektonischen Grundstrukturen, wie dies beispielsweise bei der im Rahmen einer Ausstellung für den Frankfurter Portikus entwickelten Arbeit von 2000 deutlich wird. Hier bestimmt der Rapport lamellenartiger Formelemente Raum und Bodengestaltung vollständig. Innere Funktionszusammenhänge zwischen den dreidimensionalen heizungsähnlichen Lamellenobjekten und der komplett mit vergleichbaren Zacken-Strukturen bemalten Fußbodenfläche ergeben sich aber auch über deren räumliches Wirkungspotenzial und thermodynamische Qualitäten (vgl. Ausst.-Kat. Stefan Kern. Skulpturen. Köln 2000).

Kunstpreise würdigen Stefan Kerns künstlerische Arbeit u.a. im Jahr 1995, in dem er den Kunstpreis »junger westen« der Stadt Recklinghausen erhält oder 1999 mit dem Ernst-Barlach-Preis. Ausstellungen zeigen Stefan Kerns Objekte und Installationen beispielsweise 2003 im Museum für Gegenwartskunst, Siegen (»Räume der Kommunikation«), 2006 im ZKM, Karlsruhe (»Faster! Bigger! Better!«), 2007 im Leverkusener Museum Morsbroich (»Personal Affairs«), 2008 in der Kunsthalle Kiel (»Heavy Metal. Die unerklärbare Leichtigkeit eines Materials«), 2009 in der Kunsthalle Kiel (»Steppin’ Out«), 2010 in der Temporären Kunsthalle Berlin (»FischGrätenMelkStand«) und in Paris (»Spatial City: An Architecture of Idealism«, PLATFORM Frac), 2011 im Rahmen der der KölnSkulptur 5 Skulpturenpark Köln.

Stefan Kern lebt und arbeitet in Hamburg.

Literaturauswahl

25 geklaute Ideen. Stefan Kern: Ausst.-Kat. Kunstverein Hamburg, hg. v. Yilmaz Dziewior, Köln 2002

Stefan Kern »Skulpturen«: Ausst.-Kat. Portikus Frankfurt/ M., Köln 2000

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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