Siegfried Neuenhausen

»Ich komme nicht davon los, ob und gegebenfalls wie es zu machen ist, dass Kunst eine Waffe gegen Unterdrückung, gegen Manipulation, gegen Unrecht wird (…) wird Kunst erst wirksam, wenn sie konkret Name und Datum, Ursache und Wirkung nennt, wenn sie durch konkretes Ins-Bild-Setzen die Diskussion auslöst?« (Neuenhausen, 1971, zit. in: Nobis, Neuenhausen 1984).

Siegfried Neuenhausen wird 1931 in Dormagen bei Düsseldorf geboren. Er beginnt sein Studium der Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf (1952 — 59), 1961 — 64 unterrichtet er Kunst in Hannover. Anschließend übernimmt er eine Lehrtätigkeit an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Als Gastprofessor unterrichtet er 1990 in San Antonio/ Texas und 1996 in Bandung, Indonesien.

Die Anfänge seiner Kunst liegen im Informel der frühen sechziger Jahre, in Materialassemblagen und collagierten Reliefbildern, in denen Neuenhausen insbesondere über das Material des Papiermaché skulpturale Effekte ins Bild bringt (Rosa semperflorens, 1963). Bereits in diesen frühen Erprobungen modellierender Techniken wird ihm der (weibliche) Körper zum Sinnbild des bildnerischen Materials. In den zeitgleich entstehenden Setzkastenbildern teilt er die Bildfläche mittels plastischer Stege in rasterförmig angelegte Einzelfelder, in denen jeweils übermalte Porträtaufnahmen aus der Tagespresse zu Mosaiksteinen einer komplexen erzählerischen Bildstruktur werden (Neußer Requiem 1963). In den frühen Setzkastenbildern führen die Reduktion der Bildsprache auf das Büstenporträt und die verstärkte plastische Modellierung von Köpfen und Büsten zu weiblichen Figuren in anoymisierten und standardisierten Posen, die abstrakte Prototypen ausbilden (Witwe, 1965; Brustbild IV, 1966). Die glatten monochromen Oberflächen dieser Reliefs und ihre deutliche Anspielung an den Warencharakter lassen an die Pop Art denken. Neuenhausen begründet seine Interessen am figuralen Reliefbild und seinen puppenhaften Konnotationen mit der »Bereitschaft, aus Quellen zu schöpfen, die bisher nicht entdeckt waren. Diese Quellen waren für mich Karnevalsfiguren, Kirmesbuden, die lackierten Holzpferde, die Pappköpfe (…) und vor allem die großen Pappfiguren, die bei Schützenumzügen mitgeführt wurden.« (Neuenhausen, in: Magazin Kunst, 25, 1967).

Die formalen Grundlagen nutzt Neuenhausen bald zur Gesellschaftskritik. Die dekorativ-spielerische Attitüde weicht nun einem klaren Bekenntnis zur engagierten Kunst. Zugleich ist damit der Übergang zur lebensgroßen vollplastischen Figur zu wie auch zu raumgreifenden Environments angelegt. Ein erstes Beispiel dafür sind seine Bürger von B. (1967), bei denen er u.a. die Materialien Papiermaché, Styropor und Gips verwendet. Die lebensgroßen und durch gleiche Posen anonymisierten Figuren führen Vereinzelung und Kommunikationslosigkeit vor, indem sie das Potential illusionistischer Plastik nutzen: insbesondere durch authentische getragene Kleidungsstücke rufen die Plastiken den verwirrenden Effekt des Lebensechten hervor. Neuenhausens sozialkritischer Ansatz und das Interesse an der körperhaften Illusion bringt ihn in größte Nähe zu dem us-amerikanischen Künstler Duane Hanson. Doch Neuenhausens künstlerische Mittel sind weniger vom fotografischen Realismus beeinflusst, spielen nicht mit farbigen und täuschend echten Materialillusionen, wie Hansons bemalte Polyesterharz-Figuren. Vielmehr suggeriert er gewaltsame Eindrücke körperlicher Zwangssituationen mittels artifizieller Fragmentierung, Techniken des Verhüllens und der Abweichung von »normalen« Körperkonventionen. Seine Auseinandersetzung mit der Tagespolitik führt ihn zu Themen wie der Gefangennahme und Folter, die er in fragmenthaften, z.T. unterlebensgroßen Körperstücken (Zusammengebundene Hose ,1968) Environments und Wandreliefs vorführt. Hier werden Menschen gezeigt, die zum Teil auf Rumpf oder Gliedmaßen reduziert sind oder als sitzende Figuren mit verhüllten Köpfen, in Behältnissen gefangen oder an Wände geheftet angelegt sind (Mann in der Kiste, 1968; Gefesselter Mann, 1970, Halber Mensch unter ockerfarbenem Mantel, 1971, Denkmal für Joao Borges de Souza). Die unmittelbare Appellwirkung von Neuenhausens Arbeiten kommentiert der Künstler folgendermaßen: »Ich komme nicht davon los, ob und gegebenfalls wie es zu machen ist, dass Kunst eine Waffe gegen Unterdrückung, gegen Manipulation, gegen Unrecht wird (…) wird Kunst erst wirksam, wenn sie konkret Name und Datum, Ursache und Wirkung nennt, wenn sie durch konkretes Ins-Bild-Setzen die Diskussion auslöst?« (Neuenhausen, 1971, zit. in: Nobis, Neuenhausen 1984). Künstlerische Aktionen in Frankfurt und Hannover (Schule der Nation: 1. und 2. Mobilausstellung, 1969) begleiten sein politisches Engagement, dem er auch in narrativen, auf die frühen Bildkästen zurückgehende Reliefs Ausdruck verleiht (Chile ist ein stilles Vietnam, 1976).
Neuenhausens Interesse gilt insbesondere gegen Ende der 1970er Jahre auch der institutionsgebundenen kunstpädagogischen Arbeit. Er verwirklicht Bildhauerprojekte im Bremer Gefängnis (1978) und in den psychatrischen Kliniken Wunstorf und Hamburg Ochsenzoll (1982). Seit dieser Zeit entstehen vermehrt Relief-Arbeiten mit privater, intimer Sprache und Symbolik (Der Tod der Geliebten, 1980; Hommage á Max Beckmann, 1983).

Arbeiten Neuenhausens werden u.a. 1968 im Von der Heydt-Museum Wuppertal, dann 1972 im Karl Ernst Osthaus-Museum, Hagen und 1974 im Kunstmuseum Helsinki, 1980 in der Nationalgalerie Berlin gezeigt. In jüngerer Zeit sind seine Skulpturen u.a. 1996 im Kunstverein Wolfenbuettel und 2002 im Museum Moderner Kunst Goslar zu sehen.

Siegfried Neuenhausen lebt und arbeitet in Hannover.

Literaturauswahl:

Nobis, B. u. N.: Siegfried Neuenhausen. Braunschweig 1984

Sager, P.: Neue Formen des Realismus – Kunst zwischen Illusion und Wirklichkeit. Köln 1977

Siegfried Neuenhausen: Halber Mensch – Aspekte einer Plastik: Ausst.-Kat. Rheinisches Landesmuseum Bonn, hg. v. J. Heusinger von Waldegg. Köln 1974

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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