Serge Poliakoff

Seine Farb- und Formflächen besetzen die Kompositionsfläche im spannungsvollen Neben-, In- und Miteinander. Farb- und Formkomplexe sind meist an den orthogonalen Achsen des Formats gespiegelt, gedoppelt oder ponderiert. Polliakoffs Kompositionen, die meist völlig auf Gestisches verzichten, erreichen eine wirklich abstrakte Qualität, die nicht mehr an Naturräumliches oder Interieurhaftes erinnert.

Serge Poliakoff wird als jüngstes von 13 Kindern am 8. Januar 1900 in Moskau geboren. Seine Kindheit verbringt er in Kirgisien, als Jugendlicher wächst er in Moskau in wohlhabenden Verhältnissen auf, die ihm sowohl Musikunterricht als auch ab 1914 Malkurse ermöglichen. 1917 mit Ausbruch der russischen Oktoberrevolution gerät der Vater als kaiserlicher Pferdezüchter nach und nach in Schwierigkeiten. 1920 will er seine beiden jüngsten Kinder, die Ehefrau und seine Schwester auf dem Land in Sicherheit bringen. Diese Gelegenheit nutzt Serge Poliakoff zur abendteuerlichen Flucht, die ihn über Kiew und Tiflis nach Konstantinopel führt. Er begleitet die Sängerin Nastia Poliakoff, seine Tante, auf der Gitarre und verdient so auf den Stationen Sofia, Belgrad, Wien, Berlin und Paris bis 1923 seinen Lebensunterhalt. 1923 kann sich Poliakoff in Paris niederlassen und ist ab 1929 sowohl Schüler der Akadémie Frochot wie der Akadémie de la Grande Chaumier. Ähnlich Chagall beginnt auch Poliakoff sein malerisches Werk mit ländlichen, folkloristischen russischen Szenen (z.B. Die russischen Zigeuner, 1937). Von 1935 bis 1937 studiert er Malerei an der Slade School of Art in London.

Zurück in Paris begegnet Poliakoff Wassily Kandinsky, dem Ehepaar Delaunay und Otto Freundlich, in deren Umfeld sich Poliakoff sukzessive die Abstraktion erarbeitet. Ab 1938 nimmt er regelmäßig an den Malabenden von Sonja und Robert Delaunay teil. Er erfasst dort die psychische Wirkkraft der Buntfarben und den Darstellungs- und Ausdruckswert von Simultankontrasten. Unter dem Einfluss von Otto Freundlich wendet sich Poliakoff vornehmlich den Komplementärfarben Gelb, Rot und Blau zu. Seine strenge Polychromie kalkuliert mit dem Wert der Farberscheinung selbst. Die klaren geometrischen, jedoch frei gezogenen Formgrenzen sind zugleich Farbgrenzen und decken die Bildfläche in puzzelartiger Verschränkung ab, erstellen aber zugleich Farbräume.

Poliakoffs Farb- und Formflächen besetzen die Kompositionsfläche im spannungsvollen Neben-, In- und Miteinander. Farb- und Formkomplexe sind meist an den orthogonalen Achsen des Formats gespiegelt, gedoppelt oder ponderiert. Es gelingt ihm, jede gegenständliche Anmutung von Form und Farbe zu vermeiden. Doch stellt er warme und kalte Farbräume gegenüber, die ihrer kompositionellen Eigendynamik folgen. So erreichen seine Kompositionen, die meist völlig auf Gestisches verzichten, eine wirklich abstrakte Qualität, die nicht mehr an Naturräumliches oder Interieurhaftes erinnert. Natürlich sind seine Kompositionen, meist nach den vorhandenen Buntfarben benannt, noch warmfarbige, weiche und sanfte Formfolgen oder kantig, schrille mit harten Kalt- und Warmkontrasten. Sie erscheinen aber eher als Bilder mit phonetischer Struktur, denn als abstrakte, emotionale Evokationen.

Poliakoffs Malerei scheint sich dem von Otto Freundlich geäußerten Prinzip von »abstrakt – konkret« (um 1930) regelrecht unterzuordnen. Freundlich sagt dort einleitend: »Der Name abstrakte Kunst mag einstweilen als abstrakter Ausdruck gelten. Aber ihr Grundelement, die reine, abgegrenzte Fläche ist selbstständig und weder vom Gegenstand abgezogen noch von der Geometrie [bestimmt].« Das malerische und plastische Werk Freundlichs und seine Rezeption mittelalterlicher Glasmalerei scheinen neben Delaunays spezifischer Art des Kubismus den größten Einfluss auf Poliakoffs Wirken genommen zu haben. Bis Mitte der 1930er Jahre verfestigt sich diese Entwicklung, bis in die 60er Jahre erfahren seine Kompositionen tonale und farbwertige Veränderungen. In der Zeit des II. Weltkrieges reduziert Poliakoff seine Buntfarben auf eine erdfarbene Tonalität. Es entstehen auch tonal variierte monochrome Kompositionen.

Bereits 1941 stellt Poliakoff seine Malerei in der Pariser Galerie L’Esquisse aus. Doch den eigentlichen Publikumserfolg erfährt Poliakoff in der Nachkriegszeit. In den 1950er Jahren ist Poliakoff einer der wichtigsten Vertreter der Ècole de Paris. 1959 und 1964 ist er auf der Documenta II und III in Kassel vertreten. 1954 findet seine erste große Retrospektive im Palais des Beaux Arts in Brüssel statt. Ab 1962 entdeckt er die Lithographie für sich und kehrt zum kleineren Bildformat zurück. Nach wie vor strebt er in seinen Formkompositionen nach Harmonie, die er im Kolorit bekräftigt und so in Analogie zur Musik, zu regelrechten Farbklängen erweitert. Seine Farben reflektieren in ihrer Leuchtkraft immer wieder das durchlichtete Kolorit von mittelalterlichen Farbverglasungen. In seinem Spätwerk der 1960er Jahre greift Poliakoff erneut auf sein leuchtendes, strahlendes Buntfarbenkolorit zurück, das er auch in seiner Druckgraphik einsetzt.

Serge Poliakoff stirbt am 12. Oktober 1969 in Paris.

Literaturauswahl:

Serge Poliakoff. Retrospektive: Ausst.-Kat. Kunsthalle Emden, Hypo.Kunsthalle, München, hg. v. Ch. Lange u. N. Ohlsen, München 2007

Poliakoff, A.: Catalogue raisonné de l’œuvre de Serge Poliakoff, 2 Bde. Paris 2005

Durnzoi, G.: Serge Poliakoff Monographie, Paris 2004

Gautherie-Kampka, A.; Poliakoff, S.: Im Reich der Farbe, München 2000

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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