Rupprecht Geiger

Über erste Einzel- und Gruppenausstellungen kommt Ruprecht Geiger in Kontakt zu Vertretern der Abstraktion, schließlich zum engeren Kreis der neugegründeten Künstlergruppe ZEN 49 und Künstlern des Salon Réalités Nouvelles, mit denen er auch ausstellt. Einige Zeit verbringt er bei Jean Dubuffet in Paris, an der Ausstellung »Deutsche Kunst« 1953 in Luzern ist er ebenso beteiligt wie an der Biennale von São Paolo im Jahr 1959.

Rupprecht Geiger wird 1908 als einziges Kind des Malers und Grafikers Willi Geiger in München geboren. Die Familie übersiedelt für eineinhalb Jahre nach Spanien, bereist das Land und verbringt einige Monate auf Teneriffa, bevor sie 1923 wieder nach München zurückkehrt. Nach der Schulzeit nimmt Geiger das Architekturstudium auf, das ihn von 1926 bis 1929 an die dortige Kunstgewerbeschule in die Klasse Eduard Pfeiffers führt. Vor allem auf dem Feld der Architekturzeichnung zeigt sich bereits Geigers deutliches Interesse an der Erweiterung traditioneller architektonischer Darstellungsformen und an der farblichen Gestaltung von Grund- und Aufrissen. Nach einer Maurer-Lehre setzt er 1933 seine Studien mit einer zweijährigen Ausbildung für Bautechnik und Statik an der Staatsbauschule München fort und arbeitet nach seinem Abschluss und bis zu seiner Militärzeit 1940 als freier Architekt, u.a. im Büro Oswald Eduard Biebers in München. An die Ostfront in Polen, später nach Russland geschickt, dokumentiert Geiger seine Kriegserfahrungen in Tagbüchern und kleinen Landschafts-Aquarellen, in denen er sich besonders mit der Farbgestaltung der gewonnenen Eindrücke beschäftigt. Auch erste Leinwandbilder zeugen von farbkompositorischen und malereitechnischen Interessen, wie dies ein frühes unbetiteltes Landschaftsbild in Eitempera auf Holz von 1942 zeigt. Nach der Versetzung Geigers als Kriegsmaler entstehen in der Ukraine Landschaften, Stillleben, Porträts, Bilder des Kriegsgeschehens bei Rostock, dann nach erneuter Verlegung, Landschaften und Stadtansichten in Griechenland, Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen.

Bis 1949 setzt Geiger seine Beschäftigung mit der Malerei und malerischen Techniken fort. Die nun entstehenden Arbeiten in Mischtechnik sind oft beidseitig bemalt und knüpfen an die frühen Bilder in Eitempera an, die bis in die Mitte der 1950er Jahre bevorzugtes Farbmaterial bleibt. Seine Bilder zeugen von der Suche nach geeigneten Ausdruckformen in denjenigen Bereichen der zeitaktuellen Kunst, deren Interesse an expressiver Farbigkeit besonders deutlich ist. Doch führt Geiger u.a. die Werkgruppe der zwischen 1948 — 49 entstehenden irregulären Bildformate (z.B. E58 oder E75, beide 1949), die gemäß ihrer experimentellen Aufgabenstellung nummeriert sind, schnell zu eigenständigeren Bildfindungen jenseits expressionistischer oder surrealistischer Tendenzen. In diesen Bildfindungen entfaltet sich nun im All-Over der Fläche polygonales Formenvokabular mit starken Farbkontrasten.
Über erste Einzel- und Gruppenausstellungen kommt Geiger in Kontakt zu Vertretern der Abstraktion, schließlich zum engeren Kreis der neugegründeten Künstlergruppe ZEN 49 und Künstlern des Salon Réalités Nouvelles, mit denen er auch ausstellt. Einige Zeit verbringt er bei Jean Dubuffet in Paris, an der Ausstellung »Deutsche Kunst« 1953 in Luzern ist er ebenso beteiligt wie an der Biennale von São Paolo im Jahr 1959.

In den 1950er Jahren übernimmt er mit der Fassadengestaltung am Münchener Hauptbahnhof Aufträge für Kunst am Bau. Durch den Wiederaufbau und die Möglichkeit, mit seiner Frau Monika Bieber an die frühere architektonische Arbeit anzuknüpfen, sichert Geiger seinen Lebensunterhalt über die Planung von Privathäusern und Siedlungen um München. Zeitgleich wird aber auch sein malerisches Werk zunehmend wahrgenommen; seine Bilder (so z.B. E 75, 1949 und E105, 1950) und jetzt auch entstehenden Serigrafien (Schwarzes Rund an Blau und Grün, 1958) werden mit Kunstpreisen gewürdigt. Gerade mit der Serigrafie findet Geiger ein drucktechnisches Verfahren, das ihm die differenzierte Farbmodulation erlaubt und weiterhin bevorzugte Technik bleibt. Im Zuge der Ausstellung seines grafischen Werks im Kunstverein Wolfsburg, erscheint auch das erste Werkverzeichnis der 1948 — 1964 entstandenen Grafiken.

Mit Bildern wie OE 275 (1958), das vergleichbar den Werken Mark Rothkos nun fast ausschließlich auf die Farbmodulation (hier v.a. von Rot und Schwarz) setzt, zeichnet sich Ende der 1950er Jahre in Geigers Malerei eine zunehmende Formreduktion zugunsten gesteigerter Farbwirkung ab. Sie wird ebenso wesentliche Grundlage der in den 1960er Jahren entstehenden Arbeiten wie die Beschäftigung mit den Raumwerten der Farbe (361/61 (Gagarin), 1961).
Geiger wird 1965 an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf berufen, an der er bis 1976 als Professor für Malerei lehrt. Nun wird es ihm durch den Einsatz der Luftdruckspritzpistole auch möglich, Farbpigmente äußerst dünn und ohne erkennbare Handschrift auf den Bildträger aufzubringen, wodurch sich die Wahrnehmbarkeit reiner Farbeigenschaften erheblich steigert. In seinem Atelier, das einem Laboratorium gleicht, verarbeitet Geiger auch Leucht- bzw. Signalfarben, die er jetzt fast ausschließlich an monochromen geometrischen Formen oder Ende der 1960er Jahre auch in Farbverläufen zeigt.

Weitere Arbeiten im öffentlichen Raum sind im Wesentlichen auch von diesen Prinzipien geprägt, wobei die in den 1970er Jahren entwickelten Farbobjekte Geigers meist monochrome Scheiben oder Zylinder sind und vor allem die architekturbezogenen Farbkonzepte dieser Zeit (Farbkonzept Joseph von Fraunhoferschule, München, 1973; Wandmalerei Ohne Titel, Ruhr-Universität Bochum, 1973/74) Farbmodulationen oder -abstufungen zeigen. Zu seiner Ausstellung 1975 im Museum Folkwang, für die er den Farbraum Unisono Rot entwirft, erscheint auch Geigers Künstlerbuch »Farbe ist Element«, das die grundlegende Beschäftigung mit dem »geistigen Licht« und Element Farbe dokumentiert.

Das Ende seiner Düsseldorfer Zeit leitet temporär eine fast ausschließliche Konzentration nunmehr auf eine Farbe ein, an deren Wirkspektrum Geiger vor allem interessiert ist: »Rot: Die Farbe der Potenz. Rot ist geballte Energie und manifestiert sich im Glutrot der untergehenden Sonne. Die Macht der Roten Farbe: eine geistige Kraft ist sie. Die Farbe mit der größten Potenz macht high… Rote Farbe sehen, fühlen, hören, erfrischt, macht stark – gibt dir Kraft« (R. Geiger, Rotbuch 1975/78, München 1998, o. S.). 1977 ist Geiger zum zweiten Mal auf der Documenta (VI) präsent. Weitere internationale Ausstellungen führen auch zu den großen Retrospektiven in München (1978), in Berlin (1985), in St. Petersburg und Dresden (1994/95) und 1998 erneut in München.
In seinem neuen Münchener Atelier entwirft der Künstler ab Mitte der 1980er abstrakte Holzobjekte und Rauminstallationen wie z.B. Rote Trombe (1985) oder Neues Rot für Gorbatschow , die die Galerie im Lenbachhaus 1989 erwirbt. Seine scheinbar endlosen Rollenbilder sind als abrollbare Farbbahnen in Rot oder Pink angelegt. 1986 konzipiert Geiger auch großformatige Objekte und zahlreiche Wandgestaltungen, die in öffentlichen Einrichtungen im Münchner Stadtgebiet platziert werden (Gerundetes Blau, Gasteig; U-Bahnhof Machtlfinger Straße; Farbkomposition Rot, Fachhochschule München). Das Thema der begehbaren Plastik nimmt er 1990 noch einmal mit dem Meditationsraum im Taufkirchener Bezirkskrankenhaus auf.

1999 wird die Rupprecht-Geiger-Gesellschaft gegründet. Ende der 1990er Jahre folgen öffentliche Gestaltungsaufträge, so u.a. für den Protokollraum im umgebauten Berliner Reichstagsgebäude, aber auch Farbfahnen-Installationen in Kirchen und Bildprogramme für Münchner Firmensitze (Spitalkirche Heiliggeist Landshut, 2000; WWK-Gebäude München, 2000). 2002 wird Geiger Repräsentant Deutschlands auf der XXV. Biennale von São Paulo und entwirft eine Rauminstallation aus großformatigen Leinwänden. Seine Acrylbilder (Geist und Materie, 2003 — 04) setzen auf den Kontrast von Farbe und ungrundierter Leinwand: »Momentan beschäftigt mich besonders der Farbausdruck des Amorphen im toten Material der Natur. Seine Farblosigkeit und Zurückgezogenheit von der allgemeinen farbigen Erscheinung ist für mich ein interessanter Gegenpol zur Lebendigkeit der Farbe, zur leuchtenden Farbe, insbesondere meiner Leuchtfarben. Materie gegen Geist« (Interview 14.11.1997).

Im Zusammenhang von Rupprecht Geigers 95. Geburtstag entstehen die Werkverzeichnisse für Malerei und Druckgrafik, zu seinem 100. Geburtstag werden ihm große Ausstellungen gewidmet (Galerie im Lenbachhaus; Haus der Kunst, 2007; Nationalgalerie Berlin, 2008), die u.a. auch die weniger bekannten Collagen umfassen.

Rupprecht Geiger stirbt 2009 in München. In seinem Atelierhaus entsteht ein Jahr später das Archiv Rupprecht Geiger.

Literaturauswahl

100 Jahre Rupprecht Geiger: Ausst.-Kat. Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, hg. v. F. Jacobi u. M. Wilken, Berlin 2008

Rupprecht Geiger, Victor Vasarely, Max Bill, Farbe zu Fläche zu Raum: ausst.-Kat. Museum Folkwang, Essen 2008

Julia Geiger: Rupprecht Geiger: Werkverzeichnis der Druckgrafik 1948 — 2007, München 2007

Texte zu Rupprecht Geiger: Textband anl. d. Ausst. Rupprecht Geiger. Malerei, Serigrafien, Modelle und Collagen aus Sieben Jahrzehnten, Lenbachhaus München u.a.O., hg. v. H. Friedel München 2007

Die Einheit von Raum und Zeit. Rupprecht Geiger, Norbert Kricke (Das Bauhaus und die Folgen 1.): Ausst.-Kat. Klassik-Stiftung Weimar, Neues Museum Weimar, Weimar 2006

Rupprecht Geiger. Von Rot zu Rot. Papierarbeiten und Gemälde: Ausst.-Kat. Städt. Sammlungen Schweinfurt, Schweinfurt 2005

Rupprecht Geiger, Margaretha Benz-Zauner: Rupprecht Geiger, München 1988

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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