Roy Lichtenstein

Die Malerei des neben Andy Warhol wohl bekanntesten Pop Art-Vertreters Roy Lichtenstein ist vom Bildspektrum des Comics wie der Werbung inspiriert. In seinen Werken führt er den Betrachtern gleichsam die Essenz der Konsumwelt vor Augen: Gegenstände, aber auch optische oder kulturelle Phänomene, die Formen der visuellen Kommunikation, der Gegenwartskultur hinterfragen.

Roy (Fox) Lichtenstein wird 1923 in New York City geboren. Er besucht eine Privatschule und nimmt 1939 bei Reginald Marsh an Kursen der Art Students League in New York teil, an der erste Zeichnungen, Modelle und New Yorker Stadtszenen entstehen. Das Studium führt ihn 1940 in die Klasse von Hoyt L. Sherman an der Ohio State University in Columbus, in der er zunächst mit dem Expressionismus konfrontiert wird. 1943 — 46 wird Lichtenstein zum Militärdienst in Europa eingezogen und kann erst nach dem Krieg sein Studium abschließen. Bis 1951 arbeitet er als Dozent an der Ohio State University. Nach ersten Ausstellungen in New York und seiner zeitweisen Tätigkeit als technischer Zeichner wird er 1957 Assistenzprofessor an der Rutgers University in New Brunswick und übersiedelt 1963 nach New York.

Die Malerei des neben Andy Warhol wohl bekanntesten Pop Art-Vertreters Roy Lichtenstein ist vom Bildspektrum des Comics wie der Werbung inspiriert. In seinen Werken führt er den Betrachtern gleichsam die Essenz der Konsumwelt vor Augen: Gegenstände, aber auch optische oder kulturelle Phänomene, die Formen der visuellen Kommunikation, der Gegenwartskultur hinterfragen. Lichtensteins frühe Arbeiten sind von seiner Beschäftigung mit dem Comic Strip und den klassischen Gattungen der Malerei, Stilleben, Landschaften, speziellen Werken der Kunst und malerischen Techniken gezeichnet. Er gestaltet seinen öffentlichen künstlerischen Auftritt in scharfem Kontrast zu den abstrakt-expressionistischen Tendenzen der us-amerikanischen Kunst, die ihm zuvor noch als Orientierungspunkt gelten: »Takka Takka!«, »Oh, Jeff … I love you, too … But … !« – von den Leinwänden der beginnenden 1960er sieht und »hört« man von dramatischen Luftgefechten, von heißen Liebesschwüren amerikanischer Mittelklasse-Beauties und smarter Traummänner, die nun in ihrer Ausschnitthaftigkeit und Monumentalität persifliert werden. Lichtenstein konfrontiert mit der Populärkultur und ihrer medialen Vermittlung. Seine plakative, oft auch mit Sprechblasen versehenen Paraphrasen der War Comics, Teen- und Action-Comics, die schnell zu Inkunabeln der Pop Art werden, zeugen vom Spiel mit dem Bildzitat (Blam, 1962; Oh, Jeff…I Love You Too, …But…, 1964) und einer distanzierten Betrachtung einer konsumbestimmten Gegenwart, einer Scheinwelt »großer Gefühle« und heroischer Momente. Die Distanz zum Bildgegenstand verdankt sich der speziellen malerischen Technik und Bildsprache Lichtensteins. Sie verarbeitet gleichermaßen die Rasterstruktur der Benday Dots wie zugleich die reduzierte Farbpalette, den flächigen Farbauftrag und die Umrisse der plakativen Bildsprache des Comics.

In den 1960er Jahren wendet sich Lichtenstein einem zentralen Thema seines Œuvres zu: dem Spiegel. Mit dem zunächst in der Fotografie und über fotografische Verfremdungen untersuchten Sujet entwickelt er eine neue zeichnerische Bildsprache auf dem Feld der Malerei, um optische Phänomene des Spiegels und der Spiegelung, Glas und Lichtreflexe dazustellen und die Grenzen der Malerei auszuloten. In einer Art eigenem Zeichensystem stehen spezifische Strukturen seiner Malerei, enge oder gröbere Punktraster unterschiedlicher Punktgröße, aber auch lineare Strukturen für die z.B. gläserne Materialität oder auch spezielle Objekteigenschaften wie den Spiegelcharakter einzelner Objekte. In dem Bild Vergrößerungsglas von 1963, das den Blick durch eine zeichnerisch dargestellte Lupe auf einen Rastergrund vorexerziert, klärt Lichtenstein bereits auf überzeugende Art und Weise sein auf Objekt und Objektmaterialität gerichtetes zeichnerisch-malerisches System. Die bis in die 70er Jahre entwickelten Spiegel-Bilder widmen sich der Darstellbarkeit jener besonders seit der manieristischen Malerei behandelten optischen Phänomene: Lichtreflexe im Glas eines Bilderrahmens oder Spiegelflächen werden malerisch in Schwarz-Weiß gehaltene Rasterbilder transformiert (Him, 1964; Mirror No. 1, 1969). Sie führen aber auch komplexe Spiegelphänomene auf großformatigen, vertikal segmentierten Leinwänden vor Augen, die Spiegelungen neben gerasterten Bereichen auch durch unterbrochene monochrome Farbfelder fassen (Spiegel aus sechs Tafeln, 1971).
Etwa gleichzeitig entsteht bis in die Mitte der 70er Jahre auch die Folge der Architekturfriese – erneut eine gegenstandsbezogene zeichnerisch ausgerichtete Fassung nun architektonischer Elemente (Apollo-Tempel, 1964; Architekturfries, 1972). Ähnlich den Spiegelbildern und den Stilleben setzt Lichtenstein auch hier zur Definition und Unterscheidung spezieller Material- oder Raumeigenschaften die Rastertechnik ein, mit deren z.T. chromatischer Abstufung von Punktgrößen ebenso Licht und Schatten wie räumliche Effekte zu simulieren sind.

Seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre zeichnet sich eine Werkgruppe Lichtensteins durch ihre kritische Bezugnahme auf die Werke anderer Künstler, den Umgang mit künstlerischer Handschrift und Technik aus. Dabei bezieht sie grundlegende Reflexionen über das Vermögen und den Stellenwert der Kunst bzw. der »Hochkunst« ein. Mit dem Sprechblasentext »Why, Brad Darling, this painting is a Masterpiece? My, soon You’ll have all of New York clamoring for Your work!« in Masterpiece von 1962 deutet sich das Thema bereits an. Die nun entstehenden Arbeiten beziehen sich auf ein Werkspektrum vom antiken Laokoon, Monets Kathedralbildern (Rouen Cathedral, Seen at Three Different Times of the Day, 1969), van Goghs Schlafzimmer in Arles bis zu Schlemmers Bauhaustreppe, Légers oder auch de Koonings Bildern. Sie kommentieren und persiflieren mit ihren Rasterstrukturen und Stilisierungen die Malerei des Futurismus, Expressionismus und Surrealismus.
Mit den Pinselstrich-Serien (Brushstrokes, 1965/66) entstehen gleichzeitig von Subjektivität befreite Symbole malerischer Spontaneität, die sich als selbstreflexive Beiträge zur Malerei verstehen lassen – ironischerweise im Medium des Tafelbildes und entwickelt im Verfahren flächig-zeichnerischer Gegenstandsaufnahme.
Die bis in die ausgehenden 70er Jahre reichende Werkfolge steht auch in engem Bezug zu den Keramikskulpturen, Holz- oder Metall-Objekten Lichtensteins, mit denen er Techniken und Inhalte seiner Malerei auch am dreidimensionalen Objekt erprobt. Die Absurdität des Verfahrens wird hier, beispielsweise durch die Wandlung von Rasterpunkten zu zylinderartigen Reliefformen, von Schraffuren zu ausladenden Stangen oder auch die Verwendung des Pinselstrich-Motivs an einer Plastik (Brushstroke Nude, 1993) noch einmal gesteigert.

In den Arbeiten der 90er Jahre bleiben die vorangehenden Werkgruppen lebendig. So greifen beispielsweise die Interieurbilder (Interior with Mirrored Wall, 1991), die sich als Persiflagen auf Interieur-Musterschauen verstehen lassen, auf Ergebnisse der Spiegelbilder zurück, lassen sich aber auch der Folge der frühen Architekturbilder verstehen.
Lichtensteins Ausstellungsteilnahme beginnt 1951 in der Carlebach Gallery, dann in der John Heller Gallery in New York. 1962 werden seine Werke bei Leo Castelli, 1963 in der New Yorker Ferus Gallery und der Galerie Ileana Sonnabend, Paris gezeigt. Mit der Teilnahme an den Ausstellungen »The New Paintings of Common Objects« im Pasadena Art Museum und »New Realists« in der Sidney Janis Gallery, New York (beide 1962) wird er im Kontext der Pop Art wahrgenommen. Die ersten Museumsausstellungen finden im Cleveland Art Museum (1966) und u.a. im Walker Art Center, Minneapolis statt. 1968 und 1977 ist Lichtenstein auf der Documenta, 1984 und 1986 auf der Biennale in Venedig vertreten. In jüngeren Einzelausstellungen werden seine bis heute vielfach ausgestellten Arbeiten 2003 im Metropolitan Museum of Modern Art, New York, 2004 im Museo Nacional Reina Sofía in Madrid, 2005 im Kunsthaus Bregenz und im San Francisco Museum of Modern Art, 2006 in der Henry Art Gallery, Seattle gezeigt.

Roy Lichtenstein stirbt 1997 in Manhattan.

Literaturauswahl

Roy Lichtenstein – Klassik des Neuen: Ausst.-Kat. Kunsthaus Bregenz, Köln 2005

Wattolik, E.: Die Parodie im Frühwerk Roy Lichtensteins. Comic-Gemälde von 1961 — 1964, Weimar 2005

Roy Lichtenstein, Spiegelbilder 1963 — 1997: Ausst.-Kat Kunstmuseum Wolfsburg, Ostfildern 2000

Roy Lichtenstein: Ausst.-Kat. Fondation Beyeler, Ostfildern 1998

Busche, E.-A.: Roy Lichtenstein. Das Frühwerk 1942 — 1960, Berlin 1988

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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