Ron Mueck

Faltige Gesichter, maskenhaft verzerrte Grimassen, scheue Blicke und Körperhaltungen, aber auch intime Schutzgesten geben Einblicke in die psychische Seite des körperlichen Wandels und bezeugen zugleich Muecks Sinn für die Tragik und Absurdität des Lebens. Seit 1996 entwickelt Mueck figürliche Plastiken, die insbesondere durch ihre Formatwahl und ihren Hyperrealismus befremden.

Ron Mueck wird 1958 als Sohn deutscher Einwanderer in Melbourne geboren. Seine Karriere beginnt er in der Film- und Werbebranche. Mit dem Umzug nach London 1983 arbeitet Mueck zunächst als Modell- und Setdesigner, u.a. für die Produktionen der Sesamstraße und Muppet Show, arbeitet dann im Genre des Films, beispielsweise für »Labyrinth« (1986), auch an Special Effects. 1990 eröffnet Mueck in London eine Agentur, in der er Werbefotografien und zum Teil bereits hyperrealistische Plastiken herstellt. Bald wendet er sich ausschließlich der freien Kunst zu, wozu u.a. der Kontakt zum britischen Kunstsammler Charles Saatchi und erste Aufträge durch diesen den Anlass geben.

Seit 1996 entwickelt Mueck figürliche Plastiken, die insbesondere durch ihre Formatwahl befremden – so beispielsweise die verkleinerte, schockierend realistische liegende Figur seines eigenen Vaters in Dead Dad von 1996 oder auch die eines riesigen Babys (Big Baby, 1996/97). Die frühen Arbeiten werden gleich zu Beginn der künstlerischen Karriere Muecks prominent, u.a. in der Royal Academy of Arts und von da an kontinuierlich international ausgestellt. Seine Materialien – sorgsam ausgewählte Kunststoffe mit speziellen Eigenschaften – sind ganz auf die hyperrealistischen Effekte ausgerichtet: Fiberglasharz, Silikon, Latex, Polyurethan, mit Acrylfarbe gefasst, ermöglichen den Eindruck täuschend echt wirkender Figuren, die jedoch zugleich über die Realitätswahrnehmung hinausweisende Erfahrungen vermitteln. Sie erschrecken ebenso wie sie durch Absurdität belustigen. Mueck zeigt Einzelfiguren und Gruppen in speziellen Situationen, beobachtet seine Modelle zum Teil über größere Zeiträume und orientiert sich auch an fotografischen Vorlagen. In seiner Themenwahl nehmen körperlich signifikante Zeitpunkte im Leben des Menschen besonderen Stellenwert ein – Grenzsituationen und intime Momente, die einen besonderen körperlichen Ausdruck finden: Schwangerschaft, Geburt, Pubertät, Schlaf, Alter, Tod (Mother an Baby, 2001; Two Woman, 2005). In dieser Hinsicht unterscheiden sich seine Skulpturen auch erkennbar von den Werken Duane Hansens, dessen realistische Figuren seit den ausgehenden 1960er Jahren stärker von gesellschaftkritischem Geist geprägt sind.

Mueck zeigt die Figuren in Phasen des körperlichen Wandels und Übergangs. Die Figur eines Mädchens (Ghost, 1998) zeigt eine dünnbeinig schmale Gestalt mit geneigtem, scheu zur Seite gedrehten Gesicht an der Schwelle zum Erwachsenwerden, in der quälenden Erfahrung von Pubertät und körperlicher Veränderung; die überlebensgroße nackte Figur einer Hochschwangeren (Pregnant woman, 2002) mit emporgehobenen Armen markiert einen Moment kurz vor der körperlichen Veränderung, die die Geburt bringen wird. Die Skulpturen markieren jeweils einen spezifischen Zeitpunkt. Sie stellen Tabuisiertes öffentlich zur Schau, versetzen die Betrachtenden in die Position von Eindringlingen. Weitestgehend befreit von zusätzlichen Accessoires und überwiegend nackt oder halbnackt, muss sich der Blick auf die physische Präsenz konzentrieren, an der die Schwelle von Lebensphasen des Menschen ebenso ablesbar wird wie die Verfremdung und Mutation des menschlichen Körpers im Spiel mit den Größenverhältnissen.

Der Gesichtsausdruck der teils in gigantischen, täuschend echten Körpersimulationen, teils miniaturisierten Figuren und Figurenensembles zeugt zugleich von einer weiteren, über die körperliche hinausweisenden Dimension: Faltige Gesichter, maskenhaft verzerrte Grimassen, die mitunter an Messerschmidtsche Studien menschlicher Mimik erinnern, scheue Blicke und Körperhaltungen, aber auch intime Schutzgesten geben auch Einblicke in die psychische Seite des körperlichen Wandels und bezeugen zugleich Muecks Sinn für die Tragik und Absurdität des Lebens: »Ich wollte etwas machen, dem ein Foto nicht gerecht werden würde. (…) Obwohl ich viel Zeit mit der Oberfläche verbringe, ist es doch das Innenleben, das ich einfangen möchte.« (Mueck, 2003). Der Künstler lässt dies besonders in seinen fragmentierten Köpfen, am Ausdruck der Figuren erkennen – beispielsweise der aufrecht hängenden und grimassierenden Mask von 1997 oder auch deren liegender Variante Mask II von 2000, die einen Schlafenden zeigt. An ihnen zeichnen sich gleichermaßen die an Schwerkraft wie realer Hautbeschaffenheit ausgerichteten Materialeigenschaften ab, auf die die perfekte Simulationen physischer Präsenz aufbaut. Zugleich wird diese jedoch durch Reduktion, Segmentierung oder Ausschnitthaftigkeit auch wieder relativiert, der Blick auf die Körpersprache und damit auch auf die psychische Disposition gelenkt.

Auf der von Harald Szeemann kuratierten 49. Biennale in Venedig 2001 präsentiert Mueck die knapp 5 × 5 Meter große, hockende und ebenso rührend wie bedrohlich wirkende Knabenfigur, die den Ausstellungsraum zu sprengen droht (Untitled (Boy), 1999). 2006 entsteht A Girl, die runzelige Figur eines Neugeborenen als liegende Skulptur, die in ihrer riesigen Dimension einen befremdlichen Anblick eines wie geklont erscheinenden Babys bietet und damit auch Assoziationen an die möglichen Folgen biotechnologischer Eingriffe hervorruft.

Ron Mueck lebt und arbeitet in London.

Literaturauswahl

Ron Mueck, A Girl: Ausst.-Kat. CAC Malaga, Malaga 2007

Ron Mueck, New Works: Ausst.-Kat. National Galleries of Scotland, Edinburgh 2006

Ron Mueck: Ausst.-Kat. Hamburger Bahnhof, hg. v. H. Bastian, S. Greeves, R. Mueck, 2. Aufl., Ostfildern-Ruit 2005

Ron Mueck: Ausst.-Kat. National Gallery, hg. v. S. Graves; C. Wiggins, London 2003

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

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