Roman Signer

Signer ist kein heroisches Künstler-Individuum, das mit den Elementen kämpft oder in ikonoklastischer Weise mit der Tradition ringt. Seine Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur hat nichts psychologisches, expressives, explizit philosophisches oder metaphysisches, dazu ist er viel zu sehr »Praktiker«.

Roman Signer wird 1938 in Appenzell geboren. Der Bildhauer, Zeichner und Filmer ist eher zufällig zur Kunst gekommen. Nach einer Berufslehre als Hochbauzeichner besucht Signer zur Weiterbildung in seinem Beruf zuerst die Kunstgewerbeschule in Zürich (1967), danach in Luzern die Bildhauerklasse des Zeichners und Plastikers Anton Egloff (bis 1971). An der Kunstakademie in Warschau (1970/71) ist er in der Klasse des Architekten und Stadtplaners Oskar Hansen und hat Kontakt zur polnischen Szene der Aktionskünstler. Hier lernt er auch seine spätere Frau Aleksandra Rogowiec kennen, mit der zusammen er später Super 8-Filme und Videos dreht.

Seit 1972 arbeitet Signer als freischaffender Künstler in St. Gallen; daneben ist er von 1974 bis 1995 als Dozent an der Schule für Gestaltung in Luzern tätig. Es entstehen Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Fotos, Filme und Aktionen vor und ohne Publikum. Dabei ist »Zeit« das zentrale Thema für ihn, die er im spezifischen Kontext von Skulptur, die er als prozesshaft auffasst, untersucht. Er versteht sich als Bildhauer von »Ereignissen«, die von »Zeit« und ihren möglichen Zuständen handeln. An die Stelle klassischer skulpturaler Materialien treten in seinem Werk die vier Elemente (Wasser, Luft, Feuer, Erde) und alltägliche Gebrauchsgegenstände (wie Tische, Stühle, Fässer, Fahrräder, Kajaks, Ballons) oder auch kleine motorisierte Fahrzeuge, die gezielt komplexen allmählichen oder plötzlichen Transformationsvorgängen ausgesetzt werden. Die chemischen, physikalischen und mechanischen Kräfte der Natur werden in lakonischen, witzig-poetischen oder auch spektakulären »Ereignissen« sichtbar gemacht. Entscheidend dafür ist das Zusammenspiel von (kontrollierter) Planung und (unberechenbarem) Zufall.

Eine der ersten Arbeiten weist schon viele der späteren Merkmale von Signers Werk auf. In Sandkubus (1971) wird das amorphe Material in einen Metallkubus geschüttet, anschließend eine seitliche Wand geöffnet. Langsam rieselt der Sand heraus und bildet einen Halbkegel. Lakonisch wird mit einfachen Mitteln das natürliche Verhalten einer bestimmten Materie vorgeführt. Zugleich ruft Signer mit dieser Positiv-/ Negativform skulpturale Grundfragen auf. Rund 60 weitere Sandarbeiten folgen; spektakulär ist 1981 die monumentale Umsetzung des »Versuchs« in eine über 4 Stockwerke laufende Sand-Installation in der Kunsthalle Fribourg. Nach seiner Rückkehr aus Warschau entsteht das Selbstbildnis aus Gewicht und Fallhöhe (1972), in das sich Signer selbst als Protagonist einbringt. In einer Platte ungebrannten Tons befinden sich die Eindrücke seiner beiden nackten Füße. Weist der Titel auf die abendländische Tradition des Selbstbildnisses hin, zeugt in der Arbeit selbst lediglich eine Spur von der Anwesenheit der Person. Damit stellt sich Signer in die lange Reihe der Künstler, die seit Marcel Duchamp das mimetische Selbstbildnis hinterfragen.

Nach zahlreichen Stipendien, Kunstpreisen und Ausstellungen im In- und Ausland erregt Signer mit seiner Abschlussaktion Papierwand auf der Documenta VIII (1987) und der Kabine im Schweizer Pavillon auf der Biennale in Venedig (1999) großes internationales Aufsehen. Bei der Documenta VIII sind im Gras der Karlsaue in einer langen Reihe Stapel mit Schreibmaschinenpapier ausgelegt. Die serielle Anordnung als lange Linie mutet minimalistisch an. Dann knallt es plötzlich und 300.000 weiße Blätter fliegen zwischen Explosionsrauch in die Luft. Danach liegen sie weit verstreut am Boden und aus der vormaligen Linie ist – nachdem sie kurz als Papierwand erscheint – eine horizontale Fläche geworden. Das DIN-Papier wird zu einem temporären Zufallsmuster transformiert. In Venedig sitzt Signer im Eingangsbereich des Schweizer Pavillon in einer »Kabine«, die mit Sprengsätzen ausgerüstet ist. Der Künstler im Schutzanzug zündet drei Farbdosen mittels Sprengsätzen. Die verspritzende Farbe lässt ein Negativbild auf der Rückwand zurück. Auch noch nach der Eröffnung scheint der Künstler so jeden Besucher persönlich zu begrüßen. Formal erinnert die Kabine an die Minimal Art, aber die Art der »explosiven« Malerei spielt auf die heroische Gestik des Abstrakten Expressionismus an.
Der Beitrag zu den skulptur.projekte Münster (1997) steht exemplarisch für die lakonische, witzig-poetische Seite Signers. An 12 wechselnden Standorten in der Innenstadt taucht ein zum mobilen Brunnen umgebauter, dreirädriger Kastenwagen auf (Fontana die Piaggio, 1995). Die Heckklappe ist geöffnet, auf der überdachten Ladefläche befindet sich ein Wasserbecken, aus dem ein Wasserstrahl dröhnend gegen die Decke schießt. Anschließend plätschert das zurücktropfende Wasser durch ein dünnes Rohr auf die Straße. Die traditionelle Brunnenskulptur erfährt hier eine witzige und zugleich pragmatische Transformation.

Signer ist kein heroisches Künstler-Individuum, das mit den Elementen kämpft oder in ikonoklastischer Weise mit der Tradition ringt. Bei ihm führen die Neugierde und das Vergnügen des Tüftlers und Technikers an Bewegung bzw. Zustandsveränderung zu »Ereignissen«. Spiel und Versuch sind die zentralen Begriffe in Signers Denken und Arbeiten. Aber anders als die konzeptuellen Zeit-Künstler der 60er und 70er Jahre, wie Robert Smithson oder Allan Kaprow, ist er nicht an einem institutionskritischen oder sozialkritischen Diskurs interessiert. Seine Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur hat nichts psychologisches, expressives, explizit philosophisches oder metaphysisches, dazu ist er viel zu sehr »Praktiker«.

Roman Signer lebt und arbeitet in St. Gallen.

Literaturauswahl

Roman Signer. Projektionen – Super-8-Filme und Videos 1975 — 2008: Ausst.-Kat. Kunsthalle Hamburg, Zürich 2009

Mack, G. (Hg.): Roman Signer, London 2006

Zimmermann, P. (Hg.): Roman Signer: Werkübersicht 1971 — 2002, 3 Bde., Zürich 2003

Good, P.: Zeit-Skulptur. Roman Signers Werk philosophisch betrachtet. Zürich, Köln 2002

Roman Signer: Ausst.-Kat. Schweizer Pavillon, Biennale Venedig, Bern 1999

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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