Robert Rauschenberg

Alltagsgegenstände wie Bettdecken erfahren durch gestisch aufgebrachte Farbspuren ihre Wandlung zum »Bild« bzw. zur Assemblage, Bilder werden durch Regenschirme, Fotocollagen und Schreibutensilien zu imaginären Inszenierungs-Räumen. Und schließlich erweitert Rauschenberg seinen Werkbegriff um interaktiv ausgerichtete Arbeiten, in denen die Betrachtenden spielerischen Situationen ausgesetzt werden.

Robert Rauschenberg wird 1925 in Port Arthur / Texas geboren. Nach dem Abbruch seines an der University of Texas in Austin begonnenen Pharmaziestudiums und einer kurzen Assistenz in der Neuropsychatrie des Marinehospitals von San Diego schreibt Rauschenberg sich 1947 am Kansas City Art Institute ein. Ein Jahr später reist er nach Paris, um dort im Sommer ein Kunststudium an der Académie Jullian zu beginnen. Im Herbst 1948 kehrt er bereits wieder in die USA zurück und setzt mit Unterbrechungen bis 1952 seine Ausbildung am Black Mountain College/ North Carolina beim dort lehrenden Joseph Albers fort. Der Umzug nach New York erfolgt 1949 und damit der Beginn einer weiteren Ausbildungsphase an der dortigen Arts Students League (1949 bis 1951), wo er u.a. Robert Motherwell und Franz Kline kennenlernt. Während seiner New Yorker Zeit kann Rauschenberg bereits 1951 seine Werke in der Betty Parsons Gallery im Rahmen einer Gruppen- und einer Einzelausstellung vorstellen. Hier sind u.a. diejenigen Arbeiten zu sehen, die am Beginn seiner künstlerischen Karriere stehen: Die »White Paintings« stellen den Versuch eines radikalen Neubeginns der Malerei dar. Sie bilden in ihrer monochromen Reduktion auf die Farbe Weiß und der meist seriellen Anordnung der Farbfelder (White Painting (Seven Panel), 1951) einen »Stille« und »Leere« evozierenden Farbraum, den der befreundete Musiker John Cage mit Anspielung auf den Zen-Buddhismus als »Flugplätze für Licht, Schatten und Partikel« bezeichnet (zit. n. Alloway, in: Ausst.-Kat. Rauschenberg, Berlin 1980). Mit den »Black Paintings« und den »Red Paintings« (1953/54), in denen die Farbe bereits mit Material-Collagen von Stoffresten und Zeitungen interagiert, setzt er diese Folge fort. Zu den frühen Arbeiten zählen auch seine »Blueprints«, lebensgroße Experimente mit lichtempfindlichem Papier, die nach dem Prinzip von Man Rays Rayographien die Möglichkeiten kameraloser Fotografie ausschöpfen (Untitled (Sue), 1950).

Seit 1952 arbeitet Rauschenberg zunehmend mit unterschiedlichen Collagetechniken, die surrealistische Experimente u.a. Max Ernsts fortsetzen. Anlässlich einer längeren Reise nach Europa und Nordafrika, die er 1952/53 gemeinsam mit Cy Twombly unternimmt, entstehen Collagen, an der Wand angebrachte Assemblagen und kleine Schächtelchen (Scatole) mit arrangierten Fundstücken aus unterschiedlichen Materialien, die er in Rom und Florenz ausstellt. Bei seiner Rückkehr beginnt er nun stärker skulptural zu arbeiten, bezieht Holz, Stein u.a. in seine materialorientierten Recherchen mit ein: »Jedes Material hat seine eigene Geschichte, die darin eingebaut ist. Es gibt nicht so etwas wie ein ›besseres‹ Material. Es ist genauso unnatürlich für jemanden, mit Ölfarben oder mit irgend etwas anderem zu malen. Ein Künstler erzeugt sein Material aus seiner eigenen Existenz.« (Rauschenberg, zit. n. Gespräch mit B. Rose (1986), in: Rauschenberg Köln 1989). Der Künstler versteht seine Arbeiten überdies als eigenständige Inszenierungsformen. So »bespielen« die Red Paintings den Bühnenraum im Tanztheater Merce Cunninghams, u.a. in der Produktion »Minutiae« von 1954.

Weit drastischer setzt Rauschenberg sich in den Folgejahren mit den Grenzen des modernen autonomen Bildes auseinander. Dem aktionistischen Pathos von Jackson Pollocks stets noch auf der Leinwand verbleibendem All-Over setzt er die Banalität eines verballhornten Bildbegriffs gegenüber. Die »Combine-Paintings« liefern radikale Gattungs-Zwitter: Alltagsgegenstände wie Bettdecken erfahren durch gestisch aufgebrachte Farbspuren ihre Wandlung zum »Bild« bzw. zur Assemblage (Bed, 1955), Bilder werden durch Regenschirme, Fotocollagen und Schreibutensilien zu imaginären Inszenierungs-Räumen (Allegory, 1959/60; Black Market, 1961). Die freistehenden skulpturalen »Combines« arbeiten dahingegen noch weit eindringlicher mit den magisch-ritualhaften Qualitäten des Dings und seinen körperhaften Konnotationen, unterstützt durch die Integration von Tierkörpern (Odalisque, 1955/58; Monogram, 1955/59). Er erweitert schließlich seinen Werkbegriff noch um interaktiv ausgerichtete Arbeiten, in denen die Betrachtenden spielerischen Situationen ausgesetzt werden (Black Market, 1961).

Nach seinem Umzug nach Captiva Island, Florida im Jahr 1970 widmet Robert Rauschenberg sich nun wieder vermehrt fotografischen Techniken, u.a. der Fotofrottage. Er arbeitet auch mit Siebdruck und Materialien wie Pappe und unterschiedlichen Papiermaterialien (Radiant White, 1971). Länger interessieren ihn bereits – ähnlich wie Andy Warhol – die Massenmedien, deren Bilder- und Schriftsprache er in monumentalen Formaten übernimmt. Gebrauchsspuren und technisch ausgefeilte Inszenierungsformen dienen zur plakativen Zurschaustellung der öffentlichwirksamen Bildermacht seiner Vorlagen. Medienereignisse und die Faszination für die Möglichkeiten der Technik reizen ihn ebenso wie deren kritische Reflexion (Retroactive II, 1964; Revolvers II, 1967). Darin äußert sich wiederum ein Interesse, dem Rauschenberg bereits 1966 als Mitbegründer der Gruppe E.A.T. (Experiments in Art and Technology) nachging. Bis in die 1980er und 1990er Jahre verfolgt Rauschenberg in seinen Installationen mit je neuen Ansatzpunkten diese Bezugsfelder (Rocket/ Roci USA, 1990; In Trance (Urban Bourbon), 1993).

Die Arbeiten Rauschenbergs sind 1959 bis 1977 auf der Documenta 2 — 4 und 6 zu sehen. Eine erste größere Retrospektive widmet ihm das Jewish Museum New York im Jahr 1963, im Jahr darauf stellt er auf der Biennale in Venedig aus und wird dort ausgezeichnet. Eine umfangreiche Wanderausstellung in den USA, ausgehend von der National Collection of Fine Arts in Washington, findet 1976 — 78 statt. Von 1997 bis 1998 wiederum reisen seine Arbeiten vom Salomon Guggenheim Museum in New York aus nach Houston und Europa. Den Gedanken einer international agierenden künstlerischen Zusammenarbeit mit humanitären Zielen verfolgt Rauschenberg mit dem Projekt ROCI (Rauschenberg Overseas Cultural Interchange von 1985 bis 1991.

Robert Rauschenberg ist seit 2002 nach einem Schlaganfall gezwungen, seine Arbeiten von einem Assistenten ausführen zu lassen. Bis zu seinem Tod am 13. Mai 2008 lebt und arbeitet er in Captiva Island.

Literaturauswahl:

Rauschenberg, Express: Ausst.-Kat. Museo Thyssen-Bornemisza, hg. v. B. Rose u.a., Madrid 2006

Robert Rauschenberg, Combines: Ausst.-Kat. The Museum of Contemporary Art, Los Angeles, Essays by Thomas Crow. Göttingen 2005

Branden, W. Joseph: Random order. Robert Rauschenberg and the Neo-Avant-garde, Cambridge/ Mass. u.a. 2003

Craft, C.: Robert Rauschenberg, New York 1997

Robert Rauschenberg, A Retrospective: Ausst.-Kat. Solomon R. Guggenheim Museum New York u.a., hg. v. W. Hopps, New York 1997

Robert Rauschenberg: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf, hg. v. A. Zweite, Köln 1994

ROCI – Rauschenberg Overseas Culture Interchange: Ausst.-Kat. National Gallery of Art, Washington, hg. v. J. Cowart u.a., München 1991

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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