Richard Serra

»Das Besondere und wohl auch das besonders Skandalerregende der Plastiken von Serra ist, dass sie mit den traditionellen Stadträumen Streit anfangen. Öffentlichkeit hat (…) mit Offenheit zu tun. Man kann die Arbeiten von Richard Serra als einen der gegenwärtig intensivsten Versuche verstehen, eine in traditionellen Formen erstarrte und überholte Konzeption von Öffentlichkeit aufzubrechen.« (G. Schröder, La Piazza. Kunst im öffentlichen Raum, 1992).

Richard (Antony) Serra wird 1939 in San Francisco geboren. Im Jahr 1957 nimmt er sein Studium an der University of California auf. Neben dem Studienfach der englischen Literatur belegt er auch theoretische Seminare in Kunst, verdingt sich nebenbei als Stahlarbeiter. 1961 bis 1964 führt ihn der weitere Ausbildungsweg an die Yale School of Art and Architecture, an der er mit den Künstlern Josef Albers, Robert Rauschenberg, Frank Stella und Philip Guston zusammentrifft. Kontakte zur europäischen Kunstszene verschafft ihm nach Abschluss des Studiums auch ein Stipendium für einen Parisaufenthalt. Hier lernt er 1964 den Komponisten Philip Glass kennen, bald darauf reist er für ein Jahr nach Italien, wo er 1965/66 das künstlerische Umfeld der Arte Povera kennenlernt. 1966 stellt Serra erstmals eigene Arbeiten in der Galleria La Salita in Rom aus.

Serra findet 1966, nach seiner Rückkehr aus Italien, in New York eine Kunstszene vor, die von Arbeiten und theoretischem Umfeld der Minimal Art geprägt ist. Das Interesse am scheinbar bedeutungslosen Objekt, am ästhetischen Eigenwert industrieller Materialien und ihrer Fertigung, die besondere Betonung der Präsenz und Betrachter-Orientierung werden auch Kennzeichen von Serras Arbeiten. Er experimentiert mit Gummi und Neonröhren, bald aber werden Blei und Stahl zu seinen bevorzugten Materialien. Dem Gedanken der prozessualen Werkentstehung und der grundsätzlichen Abhängigkeit der künstlerischen Arbeit von stoffimmanenten Formvorgaben geht er u.a. auch in seiner manifestartigen Verb-List nach, in der er beginnend mit dem »Rollen«, in 85 Begriffen prozessuale skulpturale Verfahren der Metall- und Gummibearbeitung benennt. In »Schüttaktionen« beschäftigt sich Serra u.a. 1968 mit der Ausgießung flüssigen Bleis in den sogen. Splashings undCastings und macht auf diese Weise stoffliche Interaktionen von Material und musealem Raum sichtbar. Weitere Formen der Bleibearbeitung folgen (Thirty Feet of Lead Rolled Up (1968), Tearing Lead from 1:00 to 1:47, (1968))

Für Serra wird ab 1969 schließlich der phänomenologische Bezug auf die leibliche Wahrnehmung der Betrachtenden zum vorherrschenden Gestaltungsprinzip. Geometrische Platten aus seinem nun bevorzugten Material Stahl fügt er in subtilen Konstruktionen u.a. mithilfe von Röhren derart zusammen, dass sich nur minimale Auflagerflächen ergeben. Die kartenhausähnlichen Gebilde erzeugen den Eindruck balancierenden Anlehnens und labiler statischer Verhältnisse. AlsProps bzw. Prop Pieces benannt, beziehen sie oftmals den Umraum mit ein, nutzen museale Wände und Böden als Stützen (One Ton Prop (House of Cards), 1969;Two Plate Prop, 1969). Schließlich entsteht mit der Scullcracker-Serie auf dem Gelände der Kaiser Steel Corporation in Fontana/ Cal. eine Gruppierung großformatige Arbeiten: schräg geschichtete Stahlplatten und monumentale Versionen seiner Props. Mit Pulitzer Piece: Stepped Elevations in St. Louis gestaltet Serra 1970 eine erste Skulptur im öffentlichen Raum. 1971 — 75 übernimmt er einen Auftrag für den Skulpturengarten des Amsterdamer Stedelijk Museums. Ein Japan-Aufenthalt 1970 befestigt Serras Überlegungen zur ortsabhängigen Positionierung seiner Arbeiten.

Bis heute entstehen Serras Großplastiken als meist öffentliche Auftragsarbeiten, deren Platzierungen vor allem im städtischen Raum weniger eine Anpassung an Bestehendes intendieren. Vielmehr erzeugen sie Irritationen, Brüche mit Sehgewohnheiten und Störungen moderner Fortbewegungsströme von Passanten, Autos und öffentlichen Verkehrsmitteln. Serras Formensprache bleibt auch im großen Format den verunsichernden Seherfahrungen verpflichtet, die der Schwere des Materials und einer paradox anmutenden Wirkung von Instabilität verdankt sind. Überdies fungieren sie meist als Blicksperren, rufen auf diese Weise jedoch auch neue, ungewohnte Perspektiven hervor: »Das Besondere und wohl auch das besonders Skandalerregende der Plastiken von Serra ist, dass sie mit den traditionellen Stadträumen Streit anfangen. Öffentlichkeit hat (…) mit Offenheit zu tun. Man kann die Arbeiten von Richard Serra als einen der gegenwärtig intensivsten Versuche verstehen, eine in traditionellen Formen erstarrte und überholte Konzeption von Öffentlichkeit aufzubrechen.« (G. Schröder, La Piazza. Kunst im öffentlichen Raum, 1992).
Beispielhaft kann hier Serras Großplastik Terminal (1978) für die Stadt Bochum genannt werden, aber auch seine umstrittene Skulptur Tilted Arc (1981) in New York, die schließlich entfernt werden musste. Weitere Arbeiten entstehen in den 1980er Jahren, neben Landschaftsskulpturen (Open Field Vertical/ Horizontal Elevations, 1980 in Riehen bei Basel), die Bielefelder Skulptur (1989), oder das ca. 17 Meter hohe Monument Torque (1992) vor der Universität Saarbrücken. Mit dem DenkmalThe Drowned and the Saved in Stommeln, später in St. Kolumba in Köln installiert, schafft Serra 1992 metaphorische Bezüge, lässt aus aneinander gelehnten Stahlformationen die Vorstellung einer Brücke entstehen.
Im Jahr 1998 wirkt Richard Serra an der Konzeption des Holocaust-Denkmals in Berlin mit, vor dessen Ausführung er sich jedoch zurückzieht. Zuletzt entstehen großformatige Arbeiten im musealen Zusammenhang, u.a. 1997 die Skulptur Snake im Guggenheim-Museum Bilbao, 2008 im Pariser Grand Palais diePromenade.

Neben dem umfangreichen skulpturalen Werk beschäftigt sich Serra bereits zu Beginn seiner künstlerischen Karriere mit der Zeichnung, aber auch mit den Medien Film und Video. 1968 entsteht u.a. die Hands-Serie (Hand Catching Lead, 1968).

Serras Arbeiten wurden in Europa nicht zuletzt durch die Documenta 1972 und 1977 bekannt. Von den zahlreichen Ausstellungen seiner Arbeiten seien jüngere Werkpräsentationen u.a. 1992 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 1994 im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, 1998 im Dia Center for the Arts in New York, die Retrospektive im Künstlerhaus Wien 1999 und in der Staatsgalerie Stuttgart 1999 genannt. Eine große Retrospektive wird ihm 2007 im Museum of Modern Art in New York gewidmet.

Richard Serra lebt und arbeitet in New York.

Literaturauswahl

Monumenta 2008, Richard Serra, Promenade: Ausst.-Kat. Galeries Nationales d’Exposition du Grand Palais Paris, hg. v. A. Pacquement, Paris 2008

Richard Serra, the matter of time: Ausst.-Kat. Guggenheim Bilbao, Göttingen 2005

Richard Serra – Props: Ausst.-Kat. Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg 1994

Richard Serra – Running Arcs (For John Cage): Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1992

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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