Richard Long

Mit seiner künstlerischen Ausrichtung ist Long Teil und Motor jener Protestbewegungen der frühen sechziger Jahre, die mit ihren landschaftsorientierten Arbeiten, einem erweiterten Werk- und Materialbegriff und neuen Anforderungen an die Wahrnehmungsbereitschaft des Betrachters den Ausstieg aus dem etablierten Kunstbetrieb betreiben. An die Stelle der traditionellen Werkmaterialien und Werkprozesse tritt im Kontext der Land Art die Natur in Ihrer Gesamtheit.

Richard Long wird 1945 in Bristol geboren. 1962 — 65 studiert er am West of England College of Art in Bristol, 1966 — 68 an der St. Martin’s School of Art in London – u.a. bei Anthony Caro und Phillip King, in deren Umfeld er sich mit Naturmaterialien auseinandersetzt. Noch während seines Studiums wendet sich Long mit eigenen Arbeiten konzentriert der Natur und Landschaft zu, jenen Wegmarkierungen und Dokumentationen, die bald die Arbeit des Land Art Künstlers bestimmen werden. Mit dieser künstlerischen Neuausrichtung ist Long Teil und Motor jener Protestbewegungen der frühen sechziger Jahre, die mit ihren landschaftsorientierten Arbeiten, einem erweiterten Werk- und Materialbegriff und neuen Anforderungen an die Wahrnehmungsbereitschaft des Betrachters den Ausstieg aus dem etablierten Kunstbetrieb betreiben. An die Stelle der traditionellen Werkmaterialien und Werkprozesse tritt im Kontext der Land Art die Natur in Ihrer Gesamtheit. Durch raumgreifende Eingriffe des Künstlers wird sie verändert, zugleich werden die künstlerischen Markierungen und Objekte der Veränderlichkeit der Natur ausgesetzt.

A Line Made by Walking, 1967 in England enstanden, stellt den Beginn der künstlerischen Wegstrecken Longs dar, die er beim Auf- und Abgehen geradlinig im Gras markiert und fotografisch dokumentiert. Neben der Kreisform, die in Longs Konzeptionen früh manifest wird, konstituiert hier die Linie seine Skulpturen, die als Spur von Zeit erkennbar wird. So werden Longs »Bodenskulpturen« durch den Handlungsprozess, den körperlichen Einsatz des Künstlers sichtbar. Die tage- und wochenlangen Wanderungen in England, Irland (A Line in Irland, 1974), im Himalaya (A Line in the Himalayas, 1975) oder den Wüsten Afrikas und Australiens (Sahara Circle, 1988), die von nun an folgen, treten als künstlerische Erkundungen in Erscheinung und dokumentieren die physische Präsenz und individuelle Raum- und Zeiterfahrung des Künstlers. Temporäre Steinlinien und -kreise und Holzskulpturen aus vorgefundenen Materialien wie Schiefer- und Feuersteine, Torf, Schwemmholz oder Tannennadeln, die Long oft nach der fotografischen oder schriftlichen Dokumentation wieder vom Ort entfernt oder auch der natürlichen Verwitterung und damit Vergänglichkeit preisgibt, bekunden seine Anwesenheit in der Landschaft. Für den Künstler zeigt sich gerade darin der »humanere« Charakter des Werks, da dessen begrenzte Präsenz zugleich auf die Realität und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens deute.

Longs Arbeiten greifen nicht elementar in die Landschaft ein, lesen sich vielmehr wie zwar strukturierende, geometrisierende, aber zurückhaltend angebrachte kulturelle Zeichen und Handlungsspuren, die in ihren Formen von der Bewegung des Künstlers im Raum künden, aber aus diesem auch durch Wind, Regen, Erosion etc. wieder verschwinden können. Insofern stellt auch die Dokumentation dieser Eingriffe in Fotografie oder Künstlerbüchern einen wesentlichen Bestandteil der Arbeiten dar. Im Zusammenhang mit den Wanderungen Longs entstehen auch Skulpturen, Installationen und etwa seit 1981 auch Bilder bzw. Wandarbeiten, die nicht im Außenraum platziert sind und aufgrund ihrer Materialität und Anordnung doch in engem Zusammenhang mit den genannten Landmarken stehen: »Eine Skulptur, eine Landkarte, ein Text, eine Fotografie; alle Formen meiner Arbeit sind gleichwertig und ergänzen sich.« (Long, in: Ausst.-Kat. Köln 1986). In diesem Miteinander oder Nebeneinander der Ausdruckformen nehmen Longs Wandarbeiten vielleicht insofern eine besondere Stellung ein, als sie einerseits durch ihren Raumbezug in Ausstellung oder Museum, andererseits durch die Verwendung von Naturmaterialien eine enge Verbindung vom Innen- zum Außenraum herstellen. Die Werke führen Long überdies an diejenigen Orte zurück, die die Land Art bewusst gemieden hatte: Galerien und Museen. Mit Naturmaterialien – wie beispielsweise dem Schlamm des River Avon – und mit den Händen aufgetragenem (River Avon Mud Cirlcle, 1997) oder auch geworfenem Schlamm (Muddy Water Falls, 1984) öffnen sich nun vom Innenraum und seinen räumlichen Gegebenheiten aus Wege nach außen und zu speziellen Orten. Ähnlich wie auch die Dokumentationen und Publikationen des Künstlers dienen diese Arbeiten dem Nachvollzug wie der Veranschaulichung seiner Wanderungen.

Richard Long lebt in Bristol.

Literaturauswahl

Richard Long: Ausst.-Kat. Kunstverein Hannover u.a., Hannover 1999

Richard Long: Ausst.-Kat. Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 1994

Richard Long. Skulpturen, Fotos, Texte, Bücher: Ausst.-Kat. Neues Museum Weserburg, Bremen 1993

Richard Long – In Kreisen gehen: Ausst.-Kat. Hayward Gallery London u.a., Stuttgart 1991/94

Richard Long, Angel Flying too Close to the Ground: Ausst.-Kat. Kunstverein St. Gallen 1989

Richard Long: Ausst.-Kat. The Solomon R. Guggenheim Museum New York, hg. v. R. Fuchs, New York/London 1986

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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