Reinhard Mucha

Muchas Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie unter Klaus Rinke und Joseph Beuys infiziert ihn regelrecht mit einem Thema – dem der Zeit. Das Phänomen Zeit in all seinen Wirkfacetten ist Hauptgegenstand seiner Installationen.

Reinhard Mucha ist 1950 in Düsseldorf geboren. Er wächst in Gerresheim auf. Seine Familie dokumentiert engmaschig sein Heranwachsen ebenso fotografisch wie quasi archivalisch. Seine ersten Lauflernschuhe werden aufgehoben, sein erster, vom Vater selbst gebauter Holztretroller und die Schulschreibhefte seiner ersten drei Grundschuljahre bleiben erhalten. Aus diesen privaten Archivalien entsteht 1980 Muchas erste umfangreiche Installation, die erste Fassung der Kopfdiktate, die gleichermaßen eine individuelle Adoleszenzbiografie repräsentieren, als auch das gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Milieu Düsseldorfs in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten dokumentieren.

Seine bis heute anhaltende Begeisterung für schwere Geräte und Fortbewegung, seien es Lokomotiven, LKWs, Motorräder oder amerikanische Straßenkreuzer, schlägt sich zunächst in einer Lehre zum Schmied nieder. Was auch zeigt, wie sehr das Düsseldorf der späten 1960er Jahre noch durch innerstädtische Schwerindustrie geprägt war. Muchas Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie unter Klaus Rinke und Joseph Beuys infiziert ihn regelrecht mit einem Thema – dem der Zeit. Das Phänomen Zeit in all seinen Wirkfacetten ist Hauptgegenstand seiner Installationen.

Den primären Zeitniederschlag sucht und findet Mucha wie ein Archäologe in Gebrauchs- und Nutz- oder Dokumentationsmaterialien. Die zweite Ebene der Zeitdokumentation sind ihm Fotografien und Schmalbildfilme, die meist im biografischen Kontext stehen, wie exemplarisch in den Kopfdiktaten ab 1980 (work in progress) im Besitz des K21 in Düsseldorf oder wie in der Installation Der kluge Knecht von 1981. Die dritte Zeitreflexionsebene stellen die Titel seiner Werke dar. Kopfdiktate nannte eine seiner Grundschullehrerinnen ihre diktierten Texte. Der kluge Knecht ist der Titel eines Märchens, dessen kopierter Text die Mitte der Vitrine besetzt. Links davon zeigt ein Foto Klaus Rinke im Vordergrund, dahinter nahezu verschattet Mucha selbst. Rechts laufen zwei identische Schmalfilmsequenzen, die Mucha zeigen, wie er als Junge einen Grashügel hinunter purzelt. Im Märchen entzieht sich der Knecht der Aufgabe des Herrn und sucht nicht die Kuh, sondern findet drei Amseln. Herr (Rinke) und Knecht (Mucha) eint eine soziale Struktur, nämlich die Lehr-, Lern- und Ortszeit 1975 1982 an der Kunstakademie in Düsseldorf. Obwohl das Interesse Zeit zu veranschaulichen Herr und Knecht eint, ist der Such- und Findeweg, also die bildnerische, künstlerische Zeit, eine zutiefst verschiedene. Wie Dieter Forte in seiner Trilogie Das Haus auf meinen Schultern die Musterbücher der Seidenweberfamilie, die er über Generationen beschreibend begleitet, als Identitätsindiz nimmt, oder deren Wohnungen und ihre Möblierung, so findet Mucha in Orten, deren Relikten den gestalterischen Ansatz für seine handwerklich akribischen, fast architektonischen Installationen und Objekten.

Seine jüngste Arbeit, der Frankfurter Block von 2012 verweist im Titel ebenso auf Beuys, dessen Darmstädter Block kaum 80km Luftlinie entfernt museal präsent ist, wie das diesem Block angehängte Capriccio – Wie der tote Hase mit den Bildern verkehrt. Letzteres setzt Mucha durch eine auf einen Transporthund gelegte, graue Decke mit dem Schriftzug der Firma Hasenkamp um. Mucha zeigt hier ein vielschichtig alludierendes, metaphorisch dichtes und auch humorvolles künstlerisches Denken. Schon seine Lampe von 1981 reflektiert diese spezifische künstlerische Komplexität. Die quadratische Lampe scheint ein minimalistisches Wandobjekt, das ein bevorzugtes Format der Kunstavantgarde des 20. Jahrhunderts – Kasimir Malewitsch, Josef Albers, Günther Uecker – war.

Als funktionierende Lichtquelle reflektiert sie auch die Lichtkunst der gleichzeitig tätigen Düsseldorfer Künstlergruppe »Zero«. Doch das Wichtigste ist, sie ist ein Düsseldorfer, industriearchäologisches Fundstück und beleuchtete ehemals den Eingang des Verwaltungsgebäudes des Paul Kahle Rohrleitungsbau an der Kölner Straße 170 von 1910. Dieses Gebäude rettete Mucha durch Kauf vor dem Abriss. Dort befindet sich seither sein Atelier. Es diente zuerst dem Düsseldorfer Eisenbahnbedarf, später der Düsseldorfer Waggonfabrik als Verwaltungssitz und Produktionsort. Und so kommt man nahezu assoziativ zu Muchas größter Installation dem Deutschlandgerät des Jahres 1990, mit dem er auf der Biennale in Venedig vertreten war. Hier vereint er eine Raum-im-Raum- mit der die Wand füllenden Vitrinenausstattung des Gesamtraumes. Auch hier bleibt er seinen Grundthemen treu: Zeit in all ihren Aspekten, industrieller Ort und Produktion sowie Fortbewegung in Zeit und Raum. Der Hoesch-Konzern in Dortmund produzierte das Deutschlandgerät, das über Druckluft und Hydraulik entgleiste Lokomotiven wieder auf die Schiene hieven konnte.

Reinhard Mucha, der auf der Documenta IX und X vertreten war, ist Industriearchäologe und Selbstbiograf. Er fügt seine konkreten Fundstücke in architektonisch präzise gebauten, oft raumfüllenden Vitrinen, deren Positionierung im Ausstellungsraum immer konkret reflektiert sind und damit auch den musealen Raum, der ein Höchstmaß an historischer und kollektiver Zeit fasst, ergründet.

Reinhard Mucha lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Literaturauswahl

Gropp, R.-M.: »Reinhard Mucha. Sein Schicksal ist es, zu schaffen«, in: FAZ vom 03.04.12

Fricke, Ch.: »Reinhard Mucha. Der ›kluge Knecht‹ aus Düsseldorf«, in: Handelsblatt vom 29.03.12

Heynen, J., Liebermann, V. (Hg.): Sammlung. Kunst der Gegenwart in K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; Köln 2005, 156 166

Osterwold, T. (Hg.): Reinhard Mucha, Ostfildern-Ruit 1997

Wulffen, Th.: »Reinhard Mucha«, in: Kunstforum International, Bd. 136, 1997, 388ff.

Wechsler, M.: Reinhard Mucha. Mutterseelenallein, Frankfurt a. M. 1992

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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