Reiner Ruthenbeck

Seine Fotoarbeiten werden seit Beginn der 1980er Jahre vielfach ausgestellt. Ruffs Konzept bezieht sich auf die dokumentarischen Aufgaben der Fotografie und ist in dieser Hinsicht den Zielen seiner Lehrer Bernd und Hilla Becher verpflichtet.

Reiner Ruthenbeck wird 1937 in Velbert geboren. Nach seiner Ausbildung zum Fotografen nutzt er das Medium zunächst zur Dokumentation insbesondere künstlerischer Aktionen und Performances. So hält er beispielsweise auch die Fluxuskonzerte an der Kunstakademie Düsseldorf fotografisch fest, bevor er schließlich selbst von 1962 — 68 in der Bildhauerklasse Joseph Beuys’ studiert. Die fotografische Arbeit betreibt er zunächst weiter, sein künstlerisches Interesse verlegt sich nun jedoch stärker auf minimalistisch reduzierte Objektstudien alltäglicher Gegenstände (Geblähte Gardine, 1963; Wäschereifenster, 1963). Nach dem Studium arbeitet Ruthenbeck als freier Bildhauer. Eine erste Ausstellung von Plastiken und Objekten in der Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer findet 1968 statt. 1975 — 76 nimmt er seine Lehrtätigkeit als Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg auf, 1980 erhält er eine Professur an der Kunstakademie Münster, die er bis zum Jahr 2000 innehat.

Ruthenbecks frühe Skulpturen übernehmen die verfremdet-sexuelle Formen-Sprache der surrealistischen Objekte Alberto Giacomettis. Die gerundeten und an Gebrauchsobjekte erinnernden Plastiken sind meist aus lackiertem Holz oder Eisen, in teils monumentalen, teils anthropomorphen Maßen (Keulen, 1967; Löffel I, 1966/67; Leiter III, 1967/68, Lattenpyramide, 1968) gefertigt. Ruthenbeck bezieht in der jeweiligen Aufstellung und Positionierung der »Dinge« im Raum sowohl deren Materialeigenschaften als auch den Betrachterblick mit ein. Diese Anliegen verbinden ihn mit den Objektvorstellungen von Minimal Art und Arte Povera. Insbesondere mit seinen Aschehaufen (1968 u.a.), die sich in Schüttaktionen des Künstlers als lockere Volumina wie von selbst formieren und von Metallobjekten wie Eisenstäben oder Drahtgeweben durchdrungen werden, wird sein Interesse an den spezifischen Eigenschaften der verwendeten Materialien deutlich. Durch seine Teilnahme an der bekannten, von Harald Szeemann kuratierten Berner Ausstellung »When Attitudes Become Form« im Jahr 1969 positioniert Ruthenbeck sich nun auch explizit im Kontext der benannten Avantgarde-Bewegungen.
Mit dem Prinzip der materialimmanenten Formveränderung und Schwerkraft experimentiert Ruthenbeck schließlich auch in Arbeiten wie Aufhängung IV (Rotes Stoffdreieck) von 1969/70 – einer minimalistischen Installation von Stoffbahnen, die auf Vierkantrohre aufgezogen, frei herabhängen. Die unterschiedlichen stofflichen Qualitäten, die das verwendete Material je nach Gestaltungsweise entwickelt, werden zum Thema dieser und weiterer Arbeiten, die jeweils in Serien von »Verspannungen« und »Aufhängungen« angelegt wurden (Nasses schwarzes Tuch, 1988).

Die Orientierung an den räumlichen Bedingungen des Ausstellens und Wahrnehmens beschäftigt Ruthenbeck in den Folgejahren noch intensiver. Nun nimmt er sich in der Werkgruppe der »Über- und Durchkreuzungen« architektonisch und ikonologisch ausgezeichnete Raummotive vor: Er setzt kommentierende künstlerische Zeichen, indem er Fassaden, Passagen, Türen, Wandöffnungen, Ecken mit geometrischen Tüchern verspannt und mit Klebestreifen und Eisenstangen in Kreuzform markiert (Doorway Biennale Venedig 1976; Weißes Tuch mit Blau / Roter Stangenüberkreuzung, 1986; Blau / Rote-Überkreuzung auf zwei Fenstern, 1986). Eine weiteres künstlerisches Thema, dem Ruthenbeck in seriellen Arbeiten nachgeht, ist das Experiment mit der Schwerkraft bzw. Statik banaler Möbel- und Gebrauchsobjekte. Seine grotesk balancierenden Tische und Stühle provozieren, indem sie die alltägliche Vertrautheit und Wahrnehmung außer Kraft setzen. Sie suggerieren Momente aufgehobener Zeitlichkeit und zeigen damit die Grenzen und Vorgaben des Sehens auf (Umgekippte Möbel, 1971; Tisch auf gelber Kugel, 1985).

Ruthenbeck betont insbesondere die prozessualen und transitorischen Elemente seiner Arbeit, die im Spiel der Gegensätze zusammenfinden: »Ich versuche etwas Schwebendes, ein Gleichgewicht. Ich will die Ruhe aufrechterhalten. Auf Polarität und Einheit lässt sich alles zurückführen, worauf die Schöpfung grundsätzlich aufbaut. Polarität war fast von Anfang an in meiner Arbeit enthalten. Zwei verschiedene Materialien, hart und weich, oder unterstützt durch die Farbe, schwarz und weiß. Das durchzieht so ziemlich mein ganzes Werk. Ich muss mit Polarität arbeiten, weil sie mit Materie verbunden ist, aber mich interessiert die Einheit, nicht die Polarität. Eine absolute Einheit zu zeigen, geht nicht. Wir gehen auf die immaterielle Kunst zu, nähern uns ihr jedoch nur in kleinen Schritten.« (Ruthenbeck, in: Kunstforum International, 180 /2006).

Von den 70er Jahren bis heute widmet Ruthenbeck sich überdies den sogenannten Geräuscharbeiten, in denen fotografierte oder filmische Darstellungen von Geräuschen begleitet werden. (Geräuscharbeit Nr. 4: Pause, 1980; Geräuscharbeit Nr. 5: Sörgeln, 1999). Ruthenbecks jüngere Arbeiten nutzen das monumentale Maß ausgewählter musealer oder gewerblich genutzter Räume (14 Rote Kissen, 1983; Lodenfahne, 1987; Furkapass, 1988), in denen er seine Material-Objekte wirkungsvoll platziert. Daneben entstehen Wand- und Bodenobjekte, die konzeptuelle Ansätze der 1970er Jahre fortführen (Verschmutzter Kontrast, 2004;Bodenraute, 2004).

Ruthenbeck stellt seine Arbeiten auf vielen internationalen Ausstellungen aus. Er ist viermal an der Documenta 5 bis 7 und 9 in Kassel beteiligt. 1976 stellt er gemeinsam mit Joseph Beuys und Jochen Gerz auf der 37. Biennale in Venedig aus. Überdies ist er 1987 und 1997 auf der Ausstellung Skulptur Projekte Münster zu sehen. Große Einzelausstellungen finden 1993 u.a. in der Kunsthalle Baden-Baden und 2004 im Museum Folkwang in Essen statt.

Ruthenbeck lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Literaturauswahl

Reiner Ruthenbeck, Aufhellungsversuch, Bodenraute, diffuser Kontrast, diskrete Überkreuzung, Doppeltuch, erzwungene Vereinigung, verdunkelter Kontrast, verschmutzter Kontrast: Ausst.-Kat. Museum Folkwang Essen, hg. v. N. Sönmez, Düsseldorf 2004

Bee, A.: Reiner Ruthenbeck, Nürnberg 1996

Reiner Ruthenbeck: Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, hg. von J. Potter, Baden-Baden 1993

Reiner Ruthenbeck: Ausst.-Kat. Nationalgalerie, Berlin 1990

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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