Raymond Hains

Seine Décollagen erstellen neue Sinnbezüge zwischen Gleichzeitigem und Ungleichzeitigem, und üben zugleich Kritik an der Massensuggestion der Konsumwerbung. Hains erstellt aus Konsum- und Werberelikten neue sozialhistorische bzw. autobiographische Zusammenhänge, die für ihn von existenzieller Natur sind.

Raymond Hains wird am 9. November 1926 in Saint-Brieuc in der Bretagne geboren. Bereits 1944 beschäftigt er sich mit experimenteller Fotografie unter dem Einfluss von Emmanuel Sougez. Bei Hains entstehen in der Folge abstrakte Fotografien in der Tradition der surrealen Traumverarbeitung. Die Abzüge seiner Fotoexperimente nennt Hains Hypmagogoskopie. 1945 beginnt Hains ein Studium der Bildhauerei an der Ècole des Beaux-Arts in Rennes. Im gleichen Jahr übersiedelt er nach Paris und arbeitet dort zusammen mit Emmanuel Sougez für den fotographischen Dienst von France-Illustration. 1948 stellt er erstmals seine Photographies hypnagogiques in Paris aus. 1955 begegnet Hains den Pariser Künstlern Francoise Dufrêne und Yves Klein und gelangt damit ins Zentrum der Pariser Avantgarde. Bereits seit Ende der 40er Jahre arbeitet Hains mit dem Prinzip der Décollage, die er 1957 erstmals in seiner Pariser Ausstellung »Zerrissene Plakate« (Affiches lacérées) zeigt. 1959 ist er am Salon Réalités Nouvelles beteiligt sowie an der 1. Biennale von Paris.

Hains Plakatabrisse vereinen verschiedene, zuvor gesammelte Plakatfragmente in neuer, eigen bestimmter Gesetzlichkeit. Dadurch ist nicht nur der kommunikative Sinn der Plakatwerbung auf der Bild- wie der Wortebene zerstört. Es entsteht eine neue Material- und Bildästhetik des Zerschnittenen, Zerrissenen und inhaltlich Fragmentierten. Seine Décollagen erstellen neue Sinnbezüge zwischen Gleichzeitigem und Ungleichzeitigem, und üben zugleich Kritik an der Massensuggestion der Konsumwerbung. Hains erstellt so aus Konsum- und Werberelikten neue sozialhistorische bzw. autobiographische Zusammenhänge, die für ihn von existenzieller Natur sind, und ihn so von seinen Künstlerkollegen, die eher ästhetisch affirmativ arbeiten, unterscheiden. Und so erklärt sich auch Hains früher Rückzug aus der Gruppe des Nouveau Réalisme im Jahr 1963.

1960 gründet Raymond Hains zusammen mit seinen Künstlerfreunden Arman, César, Daniel Spoerri, Jean Tinguely, Mimmo Rotella, Pierre Restany und Yves Klein die Gruppe des Nouveaux Réalisme. Im gleichen Jahr präsentiert sich die Gruppe mit einer Ausstellung in der Mailänder Galerie Appollinaire. Ihr Ziel ist nicht nur die Befragung von Alltagsgegenständen, Massenmedien und Banalem nach deren Kunstwertigkeit durch Assemblagen, Décollagen, Transformationen mechanischer Art oder monochromer Mystifizierung. Die Mitglieder der Gruppe interessiert neben der Transformation des Ästhetischen auch der immanente Zusammenhang von Kunst und Leben unter soziologischen Aspekten, deshalb der berechtigte Name »Réalisme«. Da Hains entschieden historisch und philosophisch orientiert ist, zudem seit 1950 konsequent sein Ultra-lettre mit seinen Lettres écaltées (aufgebrochene Buchstaben) verfolgt, ist seine Distanz zur Gruppe des Nouveaux Réalisme, die eher das dadaistische Prinzip der aleatorischen Enzyklopädisten vertreten, vorprogrammiert.

Hains ist 1968 und nochmals 1997 auf der Documeten IV und X vertreten. Seine einzige kleine, aber enorm wirkdichte Einzelausstellung in Deutschland inszeniert er selbst 1995 als 63. Portikus-Ausstellung in Frankfurt/M. unter dem Direktorat von Walter König. Hains Grundsatz für seine Ausstellungen lautet: »Ich gehe seit den frühen 60er Jahren bei jeder Ausstellung vom Ausstellungsort und seinem Namen aus«. So zeigt er in dieser selbstinszenierten Retrospektive seinem zitierten Prinzip folgend ein Portikus-Motiv. Dieses entnimmt er einem Brief von Guillaume Appollinaire vom 18. Februar 1915. Den Namen des Lyrikers und Kunsttheoretikers Appollinaire interpretiert Hains autobiographisch mit der Gruppenausstellung der Nouveaux Réalistes im Mai 1960 in der Mailänder Galerie Appollinaire. Die Dualität und ihre vernetzte Wirkweise des Namens interessiert Hains. Er zeigt in der Verknüpfung, wie weit der Name Appollinaire als Synonym für zeitgenössische Kunst verwendet werden kann. Wiederum auf autobiographischer Ebene – von Mailand aus besucht Hains 1960 Rom, aber Guillaume Appollinaire ist ebenfalls in Rom geboren – untersucht er eine neue Assoziationskette: In deren Mittelpunkt steht die Wirkkraft der historischen Metropole Rom. Er gelangt zu Goethes Romreise 1780 und dessen Kenntnis des Gemäldes Der Schwur der Horatier von Jaques Louis David, dessen Thema Hains wiederum zur französischen Aufklärung führt in deren Denktradition sich wiederum noch Guillaume Appollinaire sieht. Assozationen, biographische Stationen, historische Fakten, gesellschaftspolitische Umstände und letztlich ein enzyklopädisches Netz von Verweisen, Überschneidungen und Paralellen, in dessen Mitte sich Hains Kunst und Leben befindet, strukturieren diese Frankfurter Portikus-Ausstellung und veranschaulichen Hains künstlerischen Ansatz – sein historisch, logisches Denken.

In den Jahren von 1968 bis 1971 ist Hains in Venedig. Seit 1971 lebt und arbeitet er wieder in Paris. Neben Fotographien, experimentellen Kurzfilmen und Décollagen entstehen nun auch Skulpturen und Reliefs.

Am 28. Oktober 2005 stirbt Raymond Hains in Paris.

Literaturauswahl

Messer, Th. M. (Hg.), B. Taylor (Bearb.): Urban walls: a generation of collage in Europe & America, Burhan Dogancy with Francoise Dufrêne, Raymond Hains, Robert Rauschenberg, Mimmo Rotella, Jaques Villeglé, Wolf Vostell, New York 2008

Cabanes, K.M.: Raymond Hains, citoyen du monde, in: Le cahiers du Musée National d’Art Moderne 105, 2008, 36 — 53

Kersting, H. (Bearb.): Kunst der Gegenwart. 1960 bis 2007, Städtisches Museum Abteiberg, Möchengladbach 2007

Daniel, M.: Raymond Hains, La Boîte à fiches, Arles 2006

Cornea, J.: Raymond Hains, Neuchâtel 2004

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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