Pia Stadtbäumer

Durch das Werk Stadtbäumers zieht sich die auffällige Spannung zwischen der zugänglichen naturalistischen Darstellung und der Abweichung von dieser. Skulpturen und Rauminstallationen sind darauf angelegt, Erwartungen, Wissen und Wahrnehmung vermeintlich bekannter Figur-Raumbezüge durch Verwirrung zu enttäuschen.

Pia Stadtbäumer wird 1959 in Münster geboren und studiert von 1981 — 88 Meisterschülerin bei Alfonso Hüppi an der Kunstakademie Düsseldorf. Mit ihren raumgreifenden Skulpturengruppen bleibt sie in der Tradition der figurativen Kunst. Nach dem Studium erhält sie verschiedene Stipendien u.a. in Paris. Von 1996 — 97 hat sie eine Gastprofessur an der Akademie der Bildenden Künste in München und seit 2000 ist sie Professorin für Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg.

Bereits zu Beginn ihrer bildhauerischen Arbeit widmet Stadtbäumer sich dem Verhältnis von Figur zum Raum, ihr Material ist dabei vielfältig: von Gips und Blei über Papier, Filz, Watte bis zu Wachs. Durch das Werk zieht sich die auffällige Spannung zwischen der zugänglichen naturalistischen Darstellung und der Abweichung von dieser. Skulpturen und Rauminstallationen sind darauf angelegt, Erwartungen, Wissen und Wahrnehmung vermeintlich bekannter Figur-Raumbezüge durch Verwirrung zu enttäuschen. Insofern setzt Stadtbäumer zwar bei der figürlichen Darstellung an, rückt jedoch nicht die abbildhafte Ebene, sondern vielmehr eine prototypische Form ins Visier, von der aus sie Abweichungen erprobt.

Anfang der 1990er ist die Irritation, die ihre Arbeiten auslöst, oft sehr subtil angelegt und drückt sich vor allem in einer Figureninszenierung in irrealen Situationen im Raum aus: an der Wand oder von der Decke hängende Figuren, die scheinbar allen physikalischen Gesetzmäßigkeiten trotzen. In späteren Arbeiten verstärkt Stadtbäumer die Verfremdung der menschlichen Figur selbst. Nun entstehen Hermaphroditen, Köpfe mit verzerrten Mundöffnungen, fragmenthafte Körperdarstellungen mit proportionlosen Größenverhältnissen. Solche Manipulationen an den nun nicht mehr ganz exakt nachgebildeten Menschenkörpern verstärken den Tenor der Unstimmigkeit im Vergleich zu frühen Arbeiten. Aufgrund der surrealen Distanz provozieren sie eine intensivere Auseinandersetzung mit dem realen Figurenmaß und wecken dadurch zudem Unbehagen. Bekanntlich erscheint uns nach Sigmund Freud das Unheimliche in Form des Bekannten, nur in neuer Form oder an fremden Orten.

Obwohl Pia Stadtbäumer Fotografien als Vorlage benutzt und somit vorlagengestützt arbeitet, referieren ihre Skulpturen nicht auf individuelle Körper. Vielmehr sieht die Künstlerin in ihnen Stellvertreter für den Menschen und seiner Beziehung zur Welt. Das ist insofern interessant, weil die händisch geformten Wachsgesichter an die Tradition von Totenmasken erinnern, die als Wachsabdruck vom Antlitz Verstorbener abgenommen wurden, um deren Leben im Bild zu verlängern.
Pia Stadtbäumer geht zunächst klassisch bildhauerisch vor, indem sie eine Tonskulptur formt. Von deren Negativform gießt sie dann allerdings gefärbte Abgüsse aus Cellan oder Wachs – letzteres ein fragiles Material, das selten für Abgüsse genutzt wird. Die Irritation ist demnach schon in Entstehungsprozess und Materialität begründet: Stadtbäumer durchkreuzt die Erwartungen an das Abbild, die Referenz der Wirklichkeit.

Mit der 1998 begonnen Serie Max und Clara, die aus unterschiedlichen Gestaltvarianten einer Jungen- und einer Mädchenfigur besteht, knüpft Stadtbäumer an das in früheren Ausstellungen gezeigte Motiv der Schlafende(n) Kinder an, eine Reihe nackter Kinderfiguren von 1992, die sie Putten ähnlich, an der Decke angebracht oder mit Staub bedeckt, liegend auf dem Boden ausstellt hatte. Mit Max und Clara tritt zudem zu den traumartig wirkenden Szenarien auch Gewalt und (Ohn)Macht hinzu – Elemente, die Stadtbäumer durch beigefügte Fotografien und die Beleuchtung verstärkt. In modifizierter Form des Themas treten sie immer wieder auf, etwa in einer Abwandlung zu Max und Max anlässlich der Ausstellung »Ich ist etwas anderes« im Jahr 2000 oder auch im Rahmen von »Ich Du Er Sie Es« im Kunstmuseum Bonn. Den ursprünglich unbekleideten Figuren werden Requisiten wie Kleidungsstücke, Messer, Strumpfhosen, Masken, Spiegel oder Gewehre beigefügt, wodurch die isoliert stehenden Repliken in Interaktion zu treten scheinen, wie eine anarchische Armee aus mutierten Kinder-Klonen.

Diese psychische Ebene greift Pia Stadtbäumer in feinerer Form wieder auf in ihrer 2001 entstandenen Serie lächelnder weiblicher Engelsfiguren, deren verspiegelte Flügelformen von Rohrschachtestes abgeleiten sind. Erstmals werden die Skulpturen nun auf Podesten präsentiert, die wiederum Verbindungen zu Konzeptarbeiten der 1970er Jahre, zu Joseph Kosuth oder Stanley Brown aufweisen.
In den jüngeren Arbeiten zeigt sich eine erneute Veränderung im Schaffen Stadtbäumers. Stark ausdifferenzierte Figurinen aus bemaltem Polymerwerkstoff widmen sich allegorisch Bildzyklen historischer Begebenheiten, werden jedoch von der Bildhauerin entkontextualisiert. Für die Werkgruppe Hirtenknabenspiel (2004) etwa bezieht sich Stadtbäumer auf Franz von Lenbachs Bild Der Titusbogen in Rom von 1860. Sie lässt die isolierten Posen der gemalten Figuren von Modellen nachstellen, um sie ihrerseits wieder nachzubilden – leitet mehrfache Transformationsprozesse des Gesehenen und Fotografierten ein. Pia Stadtbäumers Verschiebungen finden nun auch auf einer zeitlichen Ebene statt, wenn sie etwa wie zuletzt 2009, in So reiten die Damen (Viviane) historische Posen der Künstlichkeit und Eitelkeit in die Gegenwart transferiert.

Pia Stadtbäumer lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Literaturauswahl

Pia Stadtbäumer. Im Wald die Tiger: Ausst.-Kat. Galerie Michael Haas, Berlin 2009

Engel. Pia Stadtbäumer: Ausst.-Kat. Kunstverein Ulm, Ulm 2001

Ich ist etwas Anderes. Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2000

Ich, du, er, sie, es. Pia Stadtbäumer und Rineke Dijkstra: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bonn, Bonn 2000

Pia Stadtbäumer. Max und Clara: Ausst.-Kat. Sprengel-Museum, Hannover 1999

Pia Stadtbäumer: Ausst.-Kat. Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf 1998

Ars Viva. Z.B. Skulptur: Ausst.-Kat. Stattliches Museum Schwerin u. Kunstverein Hannover 1993

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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