Peter Piller

Seine künstlerischen Interessen sind der (geografischen und baulichen) Erschließung und Verortung sowie der archivarischen Bilderfassung, Deutung und Zusammenstellung verbunden. Pillers konzeptuelle Arbeiten greifen auf zehntausende Fotografien aus Zeitungen und Archiven zurück akribisch erfasst, umformatiert, ordnet und in neuen Sammlungen zusammenfasst.

Peter Piller wird 1968 in Fritzlar geboren. Er studiert Geographie, Germanistik und Kunstpädagogik und entscheidet sich 1993 für ein Kunststudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, das er im Jahr 2000 abschließt. Einige Jahre arbeitet Piller bei einer Medienagentur, ist mit der Sichtung und Archivierung von Regionalanzeigen beschäftigt – ein Arbeitsfeld, das den Ansatz seiner freien künstlerischen Arbeit in der Folgezeit wesentlich bestimmen wird. 2005 führt ihn eine Gastprofessur an die Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Seit 2006 hält er eine Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Pillers künstlerische Interessen bleiben der (geografischen und baulichen) Erschließung und Verortung sowie der archivarischen Bilderfassung, Deutung und Zusammenstellung verbunden. Seine konzeptuellen Arbeiten greifen auf zehntausende Fotografien aus Zeitungen und Archiven zurück, die Piller – ausgehend von den ersten Fotografien von potenziellen Bauflächen, sogenannten Bauerwartungsflächen, die er noch im Rahmen seiner Agenturarbeit zu prüfen hatte – akribisch erfasst, umformatiert, ordnet und in neuen Sammlungen zusammenfasst: Bilder aus einem Luftbildarchiv, nicht professionelle Fotos aus dem Internet oder auch Schadensfotografien einer Versicherung. Das gesammelte Material geht also nicht auf Piller zurück. Vielmehr entsprechen die Bildkonvolute dem, was unter der Bezeichnung »Found Footage« – gefundenem, neu geordneten Bildmaterial fremder Provenienz – zu fassen ist, dessen Sichtung und Zusammenstellung sich der verändernden Bildregie des Künstlers verdankt. Seltsame Perspektiven auf randstädtische Freiflächen oder bebaute Zonen aus großer Distanz, merkwürdig anmutende Bildverhältnisse von Architektur und Landschaft (Bauerwartungsflächen), oft schlecht belichtete, im Ausschnitt willkürlich anmutende Szenen von Straßen-, Brücken- oder Baueinweihungen (Einweihungsbänder), Dokumentationen innerstädtischen oder dörflichen Vandalismus’ bis hin zu Fotografien von Tatorthäusern, wildem Müll, städtischen Potestaktionen oder suchenden Polizisten sind sorgsam geordneter Gegenstand von Pillers Zeitungsarchiv. Das Publikationsmedium bleibt sichtbar, Pixel, Raster oder Bildunterschriften der Schwarz-Weiß-Fotografien sind ebenso erfasst wie auch die Unschärfe und teils lapidar-unprofessionelle Ausschnittswahl der Fotografien aus alten Werkzeitungen.

Dagegen zeugt beispielsweise Pillers Luftbildarchiv farbiger Aufnahmen von Wohnsiedlungen, Wendehammern, Behelfsheimen, schlafender (offenbar unbewohnter) Häuser oder auch Luftaufnahmen von Autowaschszenen in Siedlungen von der systematischen Gegenstands- und Situationserfassung der ursprünglichen Entstehungszusammenhänge, die Piller in gewisser Hinsicht konterkariert. In der seriellen Folge nehmen diese aus dem Kontext gerissenen und nach neuen, ganz anderen Ordnungsprinzipien zusammen gestellten Auf- und Einsichten fast den Charakter von soziologischen Befunden oder auch psychogrammatischen Baustudien an. Und auch die offenbar aus Immobilien- und Auktionsübersichten stammenden Interieur- und Häuserfotografien aus dem Internet mutieren durch die Neuordnung der Blickwinkel, Motive oder auch die scheinbare Bildunwürdigkeit nun ganz nebensächlich erscheinender Details zu ebenso beiläufigen und skurrilen Bildern wie auch Pillers Sammlung historischer Postkarten – z.B. von Blindgängern aus dem II. Weltkrieg.

Die derart entstehenden Sammlungen sind ebenso von den ursprünglichen speziellen Anliegen und Blickwinkel gezeichnet wie zugleich auch von Beiläufigkeit, mitunter Zufälligkeit, die nur derjenige sieht, der sie von verändertem Standort aus betrachtet, anderes erkennt und neue Zusammenhänge herstellen kann. »So schleichen sich Bilder ein, die kleine Störsignale senden und sonst rausfliegen würden. Und dabei kommen Dinge ins Bild, die gar nicht gemeint sind. Wenn man die Bilder dann von ihrem Kontext löst, kommt es zu Bedeutungsverschiebungen. Und da ich die Bilder kombiniere, fangen sie an miteinander zu kommunizieren und man liest sie in diesem Nachbarschaftsverhältnis ganz anders.« (Peter Piller über Glück und Nicht-Kunst, in: Art, 21.1.2009).

Piller ist auch Archivar seiner eigenen Fotografien. Neben dem gesammelten und neu strukturierten Fotomaterial umfassen seine Arbeiten auch eigene Zeichnungen und Fotografien, die sich in ihrer Perspektive, ihrer Ausschnitthaftigkeit oder Motivwahl jedoch auch auf jene Fremderfassungen von Topografien, Gebäuden oder baulichen Zusammenhängen zurück beziehen lassen. So stellt beispielsweise die Hamburger Peripheriewanderung (1993), die noch während Pillers Studium entstand, eine vergleichbar spezielle Erfassung der Stadt nun in individuell gesetzten Miniatur-Ausschnitten von deren Randzonen dar. Die Idee der Er- und Umwanderung großstädtischer Randgebiete geht hier überdies mit der körperlichen und räumlichen Erfahrung einher, die Piller bei der Bilderfassung und fotografischen Dokumentation macht. Quasi Ortstermine, Raumabschreitungen und Grenzziehungen bleiben auch bei der Umwanderung des Ruhrgebietes (1996) oder auch des dörflich zerfaserten Stadtgebietes von Bonn (2006) Anliegen des Künstlers.

Ausstellungen zeigen Pillers Sammlungen und erwanderte Fotografien beispielsweise 2004 im Siegener Museum für Gegenwartskunst (»Vorzüge der Absichtslosigkeit«); dem »Archiv Peter Piller« wird 2005 im Center for Contemporary Art, Witte de With und 2007 im Salzburger Kunstverein eine Ausstellung gewidmet. 2007 zeigt das Ludwig Forum Aachen Pillers »Schießende Mädchen«. Die Arbeit Peter Pillers wird u.a. 2003 mit dem Albert-Renger-Patzsch-Preis und dem Kunstpreis Junger Westen, 2004 dem Rubenspreis der Stadt Siegen oder 2006 dem Baloise Kunstpreis der Art Basel gewürdigt.

Literaturauswahl

Klasse Peter Piller: Randbelichtung: Ausst.-Kat. Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt 2008

Keller, Ch. (Hg.): Archiv Peter Piller, Bd. 1 — 10 (1: Durchsucht und versiegelt (Tatorthäuser); 2: Diese Unbekannten (Täter); 3: Noch ist nichts zu sehen (Bauerwartungsflächen); 4: Die Verantwortlichen sind einstimmig (Ortsbesichtigungen); 5: Schmuckstück/Schandfleck; 6: Stein des Anstoßes; 7: Regionales Leuchten; 8: Auto berühren; 9: (Pfeil) (An dieser Stelle); 10: Bedeutungsflächen (Da ist es), Frankfurt/M. 2002 — 2006

Peter Piller. Vorzüge der Absichtslosigkeit: Ausst.-Kat. anl. d. Förderpreis zum Rubenspreis der Stadt Siegen, Museum für Gegenwartskunst, hg. v. d. Stadt Siegen, Siegen 2004

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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