Peter August Böckstiegel

Als Vertreter des westfälischen Expressionismus wirkt Böckstiegels Kunst im Vergleich zu den Expressionisten der ersten Generation schwermütiger, erreicht eine gesteigerte Ausdruckskraft. Seine Werke zeichnen sich durch starkfarbige Kontraste aus. Er verwendet ungemischte reine Farben, die komplementär nebeneinandergesetzt werden.

Peter August Böckstiegel wird am 7. April 1889 als fünftes Kind einer Kleinbauern- und Leineweberfamilie in Arrode bei Werther geboren. Nachdem Böckstiegel die 1903 begonnene Ausbildung zum Maler und Glaser im benachbarten Bielefeld erfolgreich abgeschlossen hat, besucht er ab 1907 die dortige Handwerker- und Kunstgewerbeschule. In der erst kurz zuvor gegründeten Ausbildungsstätte studiert er bei Ludwig Godewol, der ihn bereits zu Beginn seiner Lehre unterrichtet hatte. 1909 fährt Godewol mit seiner Malklasse ins Folkwang-Museum in Hagen, in dem Karl Ernst Osthaus seine Sammlung moderner europäischer Kunst präsentiert. Der Besuch stellt für Böckstiegel die erste Begegnung mit der Moderne dar. Seine Auseinandersetzung mit der internationalen Avantgarde intensiviert sich 1912 durch eine Reise zur Kölner Sonderbund-Ausstellung, einer umfangreichen Schau zeitgenössischer Positionen. Die Werke van Goghs, die in beiden Ausstellungen vertreten waren, beeindrucken Böckstiegel ganz besonders. Der Einfluss des Impressionisten lässt sich vor allem an der Motivwahl des jungen Künstlers erkennen. Wie bei van Gogh bilden Landschaften und Themen aus der bäuerlichen Lebenswelt einen motivischen Schwerpunkt in Böckstiegels Arbeiten. Darstellungen der westfälischen Heimat und der Landbevölkerung stehen im Mittelpunkt seines Œuvres.

Ein privates Stipendium ermöglicht Böckstiegel 1913 den Wechsel an die Akademie der Bildenden Künste in Dresden, wo er sein Studium zunächst in der Klasse Oskar Zwintschers fortsetzt und im darauf folgenden Jahr Meisterschüler von Otto Gußmann wird. Die Expressionisten der Künstlervereinigung »Brücke« stellen einen weiteren bedeutenden Bezugspunkt für seine Arbeit dar. Der eigenständige Ausdruckswille, der bereits sein Frühwerk kennzeichnet, die gestalterische Spontaneität und die expressive Behandlung von Farben, Formen und Flächen lassen eine Verbindung zu den frühen Werken Kirchners, Heckels und Noldes erkennen. Als Vertreter des westfälischen Expressionismus wirkt Böckstiegels Kunst im Vergleich zu den Expressionisten der ersten Generation schwermütiger, erreicht eine gesteigerte Ausdruckskraft. Seine Werke zeichnen sich durch starkfarbige Kontraste aus. Er verwendet ungemischte reine Farben, die komplementär nebeneinandergesetzt werden. Im Unterschied zu den Künstlervereinigungen in Berlin, München und Dresden, die in ihren Bildern den technischen Fortschritt und das städtische Leben thematisieren, verbinden die westfälischen Künstler durch die Wahl ländlicher Motive Tradition und Moderne miteinander.

Während des Ersten Weltkriegs ist Böckstiegel als Landsturmmann in Russland und Rumänien stationiert, kann die Malerei aber dennoch in einem Atelier weiter verfolgen. Anstelle der kleinteiligen Pinselschrift konzentriert er sich zunehmend auf die Betonung der Fläche, die monumentalen Formen werden dabei von dunklen Konturen eingefasst. Die Palette der Kriegszeit wird von kalten Farben und dunklen Erdtönen dominiert. Durch den fortlaufenden Kontakt zu seinen Dresdener Kollegen wird Böckstiegel, trotz Abwesenheit, Gründungsmitglied der Künstlergruppe »1917«. Nach Kriegsende und seiner Rückkehr nach Dresden im März 1919 engagiert er sich auch für kurze Zeit in der »Dresdener Sezession Gruppe 1919«. Im Sommer desselben Jahres heiratet Böckstiegel Hanna Müller, die Schwester seines Dresdener Studienfreundes Conrad Felixmüller.

In den folgenden Jahren pendelt Böckstiegel zwischen seinem Heimat- und Studienort. In den Sommermonaten entstehen in Arrode großformatige Landschaften, Porträts und Stillleben. Im Winter fertigt er in seinem Dresdener Atelier Druckgrafiken von den neuen Kompositionen an. Die 1920er Jahre stehen ganz im Zeichen der künstlerischen Reife und der Familie. 1920 wird seine Tochter Sonja geboren, 1925 folgt ein Sohn, den er – in Anlehnung an sein großes Vorbild van Gogh – Vincent nennt. Böckstiegels Familienverbundenheit wird an seiner Motivwahl deutlich, die sich jetzt weitestgehend auf sein engstes Umfeld beschränkt. Es entstehen zahlreiche Porträts seiner Eltern und der Nachbarn in Arrode. Böckstiegel zeigt sie bei ihren typischen Arbeiten und stellt Stillleben mit den Erzeugnissen aus der Feldarbeit zusammen. Seine Bilder entwickeln sich zu immer autonomeren Farbkompositionen, die sich zunehmend von jeglichem Gegenstandsbezug lösen.

Neben dem Carola-Torniamentischen Reisepreis der Akademie der Bildenden Künste in Dresden, den er zu Beginn des Jahrzehnts für das Bild Meine Eltern erhält, wird ihm 1928 der Dürer-Preis der Stadt Nürnberg verliehen. In dieser Zeit beginnt Böckstiegel ebenfalls mit großem Engagement, der Arbeiterschaft in seiner westfälischen Heimat seine Kunst zu vermitteln. Da es in Bielefeld und Umgebung nur wenig öffentlich zugängliche Sammlungen und Museen gibt, sorgt der Maler persönlich dafür, dass seine Werke zu verschiedenen Plätzen transportiert werden, wo er Interessierten seine Bilder erläutert, und lädt sie ein, ihn in seinem Atelier im elterlichen Bauernkotten zu besuchen. Zum Ende des Jahrzehnts entdeckt Böckstiegel für sich die Tonplastik und erweitert damit das Repertoire seiner Techniken, das neben der Malerei auch druckgrafische Verfahren (Holzschnitt, Kaltnadelradierung und Lithografie) umfasst.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird die Kunst Böckstiegels als »entartet« eingestuft, er wird mit einem Ausstellungsverbot für Berlin belegt, viele seiner Werke werden aus Museen entfernt und teilweise verbrannt. Besonders schmerzlich ist die Zerstörung seines Ateliers am Antonplatz 1 während der Bombardierung Dresdens am 13./14. Februar 1945, bei der mehr als 1000 seiner Arbeiten vernichtet werden. Kurz darauf entschließt sich die Familie, ihren Hauptwohnsitz nach Arrode zu verlegen. Böckstiegel gestaltet dort das leerstehende Haus seiner verstorbenen Eltern nach seinen Vorstellungen um und erweitert das Gebäude durch einen Atelieranbau. Farbakzente und Schnitzereien verwandeln das Eigenheim, das heute als Museum für Besucher geöffnet ist, in ein eigenständiges Kunstwerk.

Nach seiner Ernennung zum Ersten Vorsitzenden der »Westfälischen Sezession 1945« im Jahr 1947 beteiligt sich Böckstiegel an der Wiederbelebung der künstlerischen Kräfte in Westfalen. 1950 findet seine erste umfassende Einzelschau in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden statt. Am 22. März des darauf folgenden Jahres verstirbt Böckstiegel in seinem Elternhaus. Seine in der Zurückgezogenheit Arrodes entstandenen Arbeiten werden europaweit und in den USA ausgestellt.

Literaturauswahl

Kösters, Klaus (Hg.): Peter August Böckstiegel, die Bauern und die Kunst, Münster 2009

Conrad Felixmüller – Peter August Böckstiegel. Arbeitswelten: Ausst.-Kat. Städtische Galerie Dresden; Kunsthalle Bielefeld, hg. v. Jutta Hülsewig-Johnen, Köln 2006

Wedel, Vita von: Peter August Böckstiegel. Werkverzeichnis der plastischen und dekorativen Werke, Bielefeld 2003

Wedel, Vita von: Peter August Böckstiegel. Werkverzeichnis der Pastelle, Aquarelle und Zeichnungen, Bielefeld 2001

Wedel, Vita von: Peter August Böckstiegel 1889 1951. Beschreibendes Werkverzeichnis der Ölgemälde, Hamburg [Univ. Diss.] 1986

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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