Paul McCarthy

In radikalen Performances, meist von Video begleitet dekonstruiert McCarthy soziale Rollenkonzepte, sexuelle Normen. Die Verwendung von Kostümen und Masken, die parodistische und exzesshafte Überschreitung konventioneller Grenzen im Einsatz von Körper(flüssigkeiten), Lebensmitteln, v.a, Ketchup, Schmutz und auch die Inszenierung von Gewalt und Pornographie dienen ihm hierbei als skandalträchtige künstlerische Mittel.

Der Aktionskünstler Paul McCarthy wird am 4. August 1945 in Salt Lake City geboren. Nach seiner künstlerischen Ausbildung an der Universität von Utah von 1966 — 68 setzt er das Studium am San Francisco Art Institute bis 1969 fort. Seinen Studienabschluss absolviert er an der University of Southern California1973. Während seiner dortigen Ausbildungszeit befasst er sich insbesondere mit dem Medium Film bzw. Video. Seit 1982 ist McCarthy Professor für Video, Installationen und Geschichte der Kunstdarbietungen an der UCLA.

Die Anfänge seiner künstlerischen Arbeit um 1966 sind geprägt von aktionistischen Tendenzen, der Auseinandersetzung mit dem Farbmaterial und den Prozessen des Farbauftragens, die oftmals Akte der Zerstörung einbeziehen. In seinen Black Paintings (1966 — 68) nimmt er zwar in der Titelgebung auf minimalistische Konzepte Bezug. Statt jedoch die subtilen Farbspuren der Bildobjekte Stellas aufzunehmen, bestreicht er mit seinen Händen Bildträger aus Leinwand und Holz mit Ölfarbe und Erde, zündet sie an. Die Radikalität der malerischen Aktion liefert eine eigenwillige Variante der Aktionskunst, die zunächst mit Alan Kaprow und Wolf Vostell, vor allem aber mit den Performance-Künstlern Gustav Metzger und Ralph Ortiz zeitgleich vertreten wird. McCarthy verfolgt seine malerischen Aktionen bis in die 90er Jahre weiter. Auch hier überwiegt der persönliche Körpereinsatz (Face Painting – Floor, White Line, 1972). Dabei spielen von Anfang an auch parodistische Elemente in die Performances mit hinein, die letztlich auch die aktuellen Künstlermythen des Action Painting untergraben (Penis Brush Painting, 1974, Painter 1995,Bossy Burger, 1991). Das Frühwerk zeichnet sich jedoch auch durch eine Reihe weiterer expliziter Bezugnahmen auf die zeitgenössische Kunstszene aus. Vor allem die Minimal Art bleibt lange ein wichtiger Fokus, deren reduzierte Objekte füllt McCarthy mit assoziativen anthropomorphen Deutungen auf (Hanging Hollow Torso1966 Skull with a Tail, 1978; The Three Boxes, 1972 — 84).

Mit Beginn der 1970er Jahre wendet McCarthy sich zunehmend politischen und soziologischen Fragen zu, die künstlerische Arbeit versteht er als Form gesellschaftlicher Radikalisierung, orientiert vor allem an den Thesen Gustav Metzgers zur »Destruction in Arts«. In radikalen Performances, meist von Video begleitet und zunächst ohne Publikum spielt und dekonstruiert McCarthy soziale Rollenkonzepte, sexuelle Normen. Die Verwendung von Kostümen und Masken, die parodistische und exzesshafte Überschreitung konventioneller Grenzen im Einsatz von Körper(flüssigkeiten), Lebensmitteln, v.a, Ketchup, Schmutz und auch die Inszenierung von Gewalt und Pornographie dienen ihm hierbei als skandalträchtige künstlerische Mittel. Er rekurriert dabei auf traditionelle Rollen- und Geschlechtsbilder, die in den Unterhaltungsmedien, vor allem in Film und Fernsehen verbreitet werden: Sie reichen von weiblichen Pornoqueens bis zu männlichen Seemannsmythen (Ma Bell, 1971; Sailors Meat, 1975).
In späteren Performances wird das Publikum selbst durch seine mitinszenierte An- oder Abwesenheit zum Teil der Aktion (San Francsico Shithole of the Universe, 1980; Death Ship, 1981). Auf die Vergleichbarkeit seiner Performances mit den Wiener Aktionisten befragt, sagt McCarthy selbst: »Meine Arbeit kommt aus dem Kinderfernsehen in Los Angeles. Ich habe als Teenager nicht den Katholizismus oder den Zweiten Weltkrieg durchgemacht. Europa war nicht mein Lebensumfeld. Leute verweisen auf die Wiener Kunst ohne die Tatsache in Frage zu stellen, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen Ketchup und Blut. Ich habe meine Arbeit nie als schamanistisch verstanden. Meine Arbeit geht mehr um das Dasein des Clowns als des Schamanen.« (McCarthy, in: Flash Art 170, 1993).
1983 beschließt McCarthy das Ende seiner Aktionen und beginnt in einem Akt der Selbstarchivierung Bühnenrelikte (»Props«) zu verpacken und in eigens hergestellten Boxes wegzuschließen. 1992 öffnet er sein Archiv und stellt Teile aus.

Kostümierte mechanische Puppen und Skulpturen mit assoziativen Verweisen auf Disney Land-Kultur und Pop (Bear and Rabbit, 1991, Spaghetti Man 1993) gestaltet McCarthy zunehmend ab 1984. Seit 1990 arbeitet McCarthy in vielen Performances auch mit Mike Kelley zusammen (Heidi, 1992). Neben dem kitschigen Alpen- und Nationsmythos interessieren ihn nun die großen Hollywood-Themen, die er in bitterbösen Inszenierungen bearbeitet, so insbesondere auch den Western (Saloon Theater 1995 — 96; Saloon Film 1995, Wagons 2003 — 05) und den Piratenfilmen (Caribbean Pirates, 2003 — 05). Dabei weiten sich die Performances zu großen Sets mit Bühneninstallationen aus, bei denen stets mehrere Akteure zu sehen sind, die jeweils in Video und Fotografie verfolgt werden.

Arbeiten McCarthys sind seit vielen Jahren auf zahlreichen internationalen Ausstellungen zu sehen, so zuletzt 1995 in der Kunsthalle Hamburg, 2001 im New York New Museum of Contemporary Art, 2003 im National Museum of Contemporary Art in Oslo, 2004 im Van Abbemuseum Eindhoven und 2005 im Haus der Kunst München.

Literaturauswahl:

Paul McCarthy, Between beauty and the beast, sculptures, drawings and photographs: Ausst.- Kat. Nyehaus, New York 2006

Paul McCarthy, Head shop, shop head, Works 1966 — 2006: Ausst.-Kat. Moderna Museet Stockholm u.a., Göttingen 2006

Lala land, parody paradise, Paul McCarthy: Ausst.-Kat. Haus der Kunst München, hg. v. S. Rosenthal, Ostfildern-Ruit 2005

Paul McCarthy, Brain box dream box: Ausst.-Kat. Van Abbemuseum Eindhoven, hg. v. E. Meyer-Hermann, Düsseldorf 2004

Blockhead + daddies bighead, Paul McCarthy at Tate Modern: Ausst.-Kat. Tate Modern London, 2003

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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