Otto Freundlich

Eine große Fülle an Einflüssen und intellektueller Rezeption – ergänzt durch die Unsinnsakrobatik der Berliner und Kölner Dadaisten und die Zusammenarbeit mit dem utopischen Architekten Bruno Taut in Berlin um 1919/20 - charakterisieren Otto Freundlichs geistigen Horizont. Posthum ist er 1964 auf der documenta III vertreten. Seine künstlerischen Visionen rezipieren die Fluxus-Aktivisten der 60er Jahre sowie Joseph Beuys in seinen Aktionen.

Otto Freundlich wird am 10. Juli 1878 in Stolp in Pommern (heute Slupsky, Polen) geboren. Sein Vater ist als Jude zum Protestantismus übergetreten und Freundlich erhält eine streng protestantische Erziehung. Das Gymnasium verlässt er 1892 ohne Abiturabschluss. Freundlich schreibt 1941 in seiner »Biographischen Notiz des Malers und Bildhauers Otto Freundlich, von ihm selbst verfasst« über seine Jugend ganz lapidar: »… Als Kind habe ich viel gezeichnet, aber mit Beginn der Schule verlor sich das Talent. Ich wurde kaufmännischer Lehrling [1892 — 1901 im Hamburger Holzhandel des Bruders] und sogar Angestellter, aber nach Aufgabe dieser Tätigkeit habe ich in München Kunstgeschichte [u.a. bei Heinrich Wölfflin] studiert. Als Student der Kunstgeschichte begann ich in Florenz [und Rom 1906/07] mit der Bildhauerei und Malerei, ich war damals siebenundzwanzig Jahre alt. Nach zwei Jahren Arbeit begann ich, unabhängig von jeder Schule, in der Malerei farbige, klare und rein konstruktive Flächen zu verwenden, ohne naturalistische oder impressionistische Elemente, und dieser Technik bin ich seit 1908 treu geblieben. (…) 1908 kam ich zum ersten Mal nach Paris. Am Montmartre fand ich ein Atelier im selben Atelierhaus, in dem Picasso damals wohnte. In der Galerie Sagot, Rue Lafitte, stellte ich meine Bilder aus.«

Mit großer Bescheidenheit unterschlägt Otto Freundlich verschiedene Details seiner Biografie – seinen seit 1904 bestehenden Briefwechsel mit Herwarth Walden, der überwiegend ein musiktheoretischer Austausch ist, seine Bekanntschaft und Nähe zu den Expressionisten und sein 1907 in Berlin bei Arthur Lewin-Funke aufgenommenes Studium der Bildhauerei. Bereits bekannt mit der Pariser Bohéme – den Delaunays, Picasso, Braque, Brancusi, Modigliani, Max Jacob und Appollinaire –, ist er nun auch dicht mit der Berliner Avantgarde vernetzt. Er findet in Berlin mäzenatische Unterstützung durch den im Jugendstil verhafteten Kunsthistoriker Wilhelm Niemeyer. Aber auch in Hamburg, wo er die Kunsthistorikerin Rosa Schapiro kennen lernt und in Köln steht er seit 1912 in Kontakt zur Künstlergruppe der »Unisten«, zu der u.a. Max Ernst gehört, ist aber auch mit den modernsten Rezipienten und Künstlern verwoben. Mit Ausstellungsbeteiligungen an den Berliner Secessionen ist er in den Jahren 1910 — 14 dort präsent, sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ist in diesen Jahren jedoch Paris.

1911 entsteht dort Fruendlichs erste abstrakte Komposition. Er liefert Entwürfe für Webteppiche, die das niederländische Künstlerpaar Adya und Otto van Rees ausführen. Die künstlerische Nähe und formale Affinität zu Sonja und Robert Delaunay ist unverkennbar. 1914 arbeitet Freundlich in einem Atelier im Nordturm der Kathedrale von Chartres. Über diese Zeit sagt er: »Ich war circa fünf Monate der Welt Chartes verfallen und bin für mein Leben lang gezeichnet daraus hervorgegangen.« Das Studium der gotischen Glasmalerei am Originalbestand in Chartres ist nicht nur einschneidend für seine malerische Entwicklung. Es verweist auch auf das theosophisch, philosophisch, anthroposophisch und strukturanalytisch geprägte methodische Denken Freundlichs, das er ab 1916 kontinuierlich bis zu seiner Internierung 1943 schriftlich dokumentiert. Freundlichs methodischer Ansatz ist geschult an der Auseinandersetzung mit religiöser Mystik (Meister Ekkehard), der Gnosis, mit der Kantschen Philosophie und der Nietzsches, mit Theosophie, Anthroposophie und sozialen Utopien (Marxismus) und letztlich, vermittelt durch einen Cousin, der als Physiker in Postdam in unmittelbarer Nachbarschaft zu Einstein forscht, auch mit den aktuellsten Erkenntnissen über die Relativität von Raum, Zeit und Materie. Diese Fülle an Einflüssen und intellektueller Rezeption – ergänzt durch die Unsinnsakrobatik der Berliner und Kölner Dadaisten und die Zusammenarbeit mit dem utopischen Architekten Bruno Taut in Berlin um 1919/20 – charakterisieren Freundlichs geistigen Horizont. All dies akkumuliert Freundlich 1938 in seiner Schrift »Der bildhafte Raum«, in der er grundlegend sein zeiträumliches Kunstwollen mit seinem bildarchitektonischen Denken darlegt.

Neben Zeichnungen, Holzschnitten, Zinkgravuren, Gemälden entsteht 1912 Freundlichs erste Monumentalskulptur Der neue Mensch, ein mehr als 1,30 Meter hoher Kopf auf kurzem zylindrischen Hals, den Schädel so in den Nacken gelegt, dass eine fast aggressiv visionäre, in die Weite gerichtete Blickachse entsteht. Als Vergleich zu Freundlichs hier eingesetztem Formenvokabular werden immer die historischen Moais-Skulpturen der Osterinseln angeführt. Doch die spezifische Art der wie gehackt erscheinenden Abbreviatur der Physiognomie zeigen sowohl Verbindungen zu Modiglianis Kopfskulpturen als auch zur figürlichen Plastik der Brücke-Künstler. Der neue Mensch bündelt nicht nur energisch Freundlichs utopisch-visionären Kunstansatz, sondern hat sicher auch Picassos bildhauerisches Gestalten beeinflusst und gewinnt als Titelabbildung der nationalsozialistischen Ausstellung »Entartete Kunst« 1937 traurige Berühmtheit. So geht dieser dieser Monumentalkopf während der denunzierenden Wanderausstellung verloren und bleibt bis heute verschollen, worauf heute die leere Präsenzstelle im Jüdischen Museum in Berlin hinweist.

Zwischen dem Ende des I. Weltkrieges und 1925 pendelt Freundlich zwischen Berlin und Köln, Paris besucht er immer wieder. In Berlin ist er 1918 Gründungsmitglied der »Novembergruppe«. Durch den Kölner Sammler und Mäzen Josef Feinhals in Auftrag gegeben, entsteht 1918/19 Freundlichs Mosaik Die Geburt der Menschheit – dort im Foyer der Städtischen Bühnen. Bei der 1. Kölner Dada-Ausstellung ist Freundlich neben Max Ernst vertreten, bei den Ausstellungen der »Salons des Indépendants« ist er stets präsent. Ab 1925 ist Paris wieder sein zentraler Arbeitsort. 1931 ist Freundlich Gründungsmitglied der Pariser Gruppe»Abstraction-Création«. Dort entwickelt das er das monumentale Projekt einer Straße der Brüderlichkeit und der menschlichen Solidarität, das pazifistisch motiviert, die Städte Paris und Moskau durch eine Skulpturenstraße verbinden will. Diese Straße des Friedens wird erst 1971 durch den Bildhauer Leo Kornbrust im Saarland ansatzweise realisiert, von Paul Schneider 1985 fortgesetzt und schließlich von Gerd Winner in den Jahren 1999 — 2006 als Hommage an Freundlich weitergeführt. Ein anderes von Freundlich entworfenes Monumentalprojekt ist seine Skulptur Ascension von 1929. Die Gips- und späteren Bronzemodelle (1962 gegossen) zeigen einen großen Obelisken, um dessen Fuß Architekturfragmente lagern. Die nie realisierte Metallskulptur sollte 20 bis 30 Meter Höhe erreichen und wäre so zum gigantischen Fanal und zur Symbolfigur der architektonischen Utopien der klassischen Moderne und ihrer sozialen Visionen geworden.

In der Bildhauerei arbeitet Freundlich mit Gips und Bronze. Seine malerische Entwicklung festigt sich nach seinem Chartreserlebnis zur schönfarbigen, flächenfüllenden Anordnung rechteckiger und polygonaler Farbfelder, die immer klar durch einen subtil flackernden Farbgrenzverlauf von einander geschieden sind. Kompositionell sind diese »Muster«-Bilder an den Hauptachsen des Formats orientiert. Freundlichs mehrschichtiger Farbauftrag verleiht der Farbwirkung sowohl Raum wie durchlichtete Transparenz. Die dicht ineinander verwobenen Farbformkonstellationen strahlen eine wie melodiös variierte, reigenhaft tänzerische Bewegung aus.

Der Kriegsausbruch 1939, die Besetzung Frankreichs durch die Nazis 1940 sind ebenso schicksalhaft tragisch für Freundlich wie die Brandmarkung seiner Kunst als Entartung von 1937. Seit 1930 lebt er mit der deutschen Künstlerin Hannah (Jeanne) Kosnick-Kloss (1892 — 1966) zusammen. 1940 ist Freundlich in Paris interniert, auf Betreiben Picassos gelangt er im Juni wieder frei und findet in dem Pyrenäendorf Saint-Paul de Fenouillet ein Versteck, wird jedoch denunziert, was am 23. Februar 1943 zu seiner Verhaftung führt. Zunächst im Übergangslager Degostinet bei Paris interniert, ist er am 4. März 1943 als Nr. 197 auf einem Transport ins Konzentrationslager Lublin-Majdanek dabei und wird am Tag seiner Ankunft, dem 9. März 1943, dort erschossen. Posthum ist Otto Freundlich 1964 auf der documenta III vertreten. Seine künstlerischen Visionen rezipieren die Fluxus-Aktivisten der 60er Jahre sowie Joseph Beuys in seinen Aktionen.

Literaturauswahl

Esser, T.M.: Die Gruppe »Kölner Progressive« und ihr künstlerisches Umfeld (1920 — 1933), Weimar 2008

Otto Freundlich – 1878 — 1943. Artyska ze Slupsk. Ein Künstler aus Stolp: Ausst.-Kat.: Mittelpommersches Museum, Slupsk 2008

Otto Freundlich – Bilder einer sozialen Utopie: Ausst.-Kat. Pinakothek der Moderne, München 2008

Otto Freundlich und die rheinische Kunstszene: Ausst.-Kat. August-Macke-Haus, hg. v. J. Heusinger von Waldegg, Bonn 2006/07, Bonn 2006

Otto Freundlich, Kräfte der Farbe: Ausst.-Kat. Westfälisches Landesmuseum, hg. v. E. Franz, Köln u.a. 2001

Lütge, K.: »In der Malerei wird die Materie zum Geist«. Otto Freundlich zwischen Jugendstil, Expressionismus und Konstruktivismus, Weimar 1997

U. Bohnen, U.: Ein Wegbereiter der gegenstandslosen Kunst. Otto Freundlich – Schriften, Köln 1982

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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