Ossip Zadkine

Sein ?uvre findet bereits früh Anerkennung, so u.a. 1933 mit einer Retrospektive im Palais-des-Beaux-Arts in Brüssel. Zadkine erfährt nach dem II. Weltkrieg besondere Auszeichnung und in den 1960er Jahren wird er zu einem Hauptverteter figuraler Skulptur der Nachkriegszeit.

Der Bildhauer und Maler Ossip Zadkine wird 1890 in Witebsk, Weißrussland geboren. Als Jugendlicher reist er 1905 nach Nordengland, in das Herkunftland seiner Mutter und studiert dort zunächst bis 1906 an der Sunderland Art School, bevor er an die Londoner Central School of Arts and Crafts wechselt, an der er sich mit der Holzplastik befasst. Doch erst mit seiner Reise nach Paris, wo er ab 1909 lebt, findet Zadkine Kontakt zur avantgardistischen Kunstszene. Nur kurz verweilt er an der École des Beaux-Arts, ab 1911 nimmt er an den jährlich stattfindenden Salons und Kunstausstellungen teil, präsentiert eigene Arbeiten beim Salon d’Automne und dem Salon des Indépendants. Zadkines frühe, meist polierten Holz-Skulpturen sind noch stark dem Art Nouveau und dessen Prinzipien stilisierender Linienführung verbunden (Die Heilige Familie 1912, Die Jungfrau 1914). Bald machen sich aber auch die Einflüsse Picassos, bzw. der zeitgleichen, u.a. von Joachim Costa vertretenen Bildhauerbewegung bemerkbar, die in der Nachfolge Gauguins die direkte Stein- und Holzbearbeitung (»taille directe«) als Aufleben »primitiver« Handwerkstechnik verfolgt. Zadkines Skulpturen gewinnen, ähnlich denen Archipenkos und Lipchitz’ kantige geglättete Profile, operieren mit der Facettierung der Oberflächen, der tektonischen Körpergliederung. Zadkine geht zu Steinskulpturen über (Kopf eines Mannes, 1914) und sucht Annäherungen an Gauguins exotistische Holzskulpturen (Prophet 1918). Er nutzt das erarbeitete Formenvokabular auch im Bronzeguss (Akkordeonspieler, 1918). Bereits jetzt zählt Zadkine zu den bekanntesten Bildhauern der École de Paris.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verfolgt Zadkine diese dekorative Figuration zunächst weiter. Seine oftmals reliefartigen, erzählerisch gruppierten Skulpturen bieten ornamentale Effekte, brechen das Licht auf ihren spiegelnden Oberflächen (Formen und Lichter, 1921/22; Die Dame mit dem Fächer, 1923; Trio Musical, 1923). Bald wendet der Künstler sich jedoch, ähnlich wie auch Henri Laurens, dem weiblichen allegorischen Körper zu. Er übernimmt damit auch ein wesentliches Medium des »Retour à l’ordre«, der konservativen kulturpolitischen Ausrichtung der 1920er Jahre. Konstruierte schwerfällige weibliche Figuren entstehen, meist mythische Assoziationen evozierend, die auf antike Vorbilder verweisen (Demeter 1918, Venus 1922/23). Zadkines Griechenlandreise unterstreicht 1931 nochmals sein Interesse an der antiken Skulptur und ihrem klassisch-archaischen Formenrepertoire. Dennoch greift er auch immer wieder auf das hochformatige Figurenrelief zurück. Gruppierte Szenen und Verweise auf die antike ikonographische Tradition liefern bildhafte Assoziationen zur antiken Bildungstradition (Homo Sapiens 1933;Entwurf eines Denkmals für Guillaume Apollinaire, 1937).

Die Kriegsjahre verbringt Zadkine von 1941 — 44 in New York. Nach seiner Rückkehr übernimmt er 1945 eine Professur an der Académie de la Grande Chaumière in Paris. Er gestaltet nun großformatige Skulpturengruppen, die das Prinzip der reliefartigen Schichtung fortführen: Das Ineinandergreifen der Gliedmaßen, Durchbrüche und Fragmentierungen führt zu komplexen Formauflösungen, die Zadkine als Deutungsmuster künstlerischer Schöpferkraft (Geburt der Formen, 1947) versteht, aber auch in surrealistischer Verfremdung als Sinnbild biomorphen Vitalismus nutzt (Menschenwald, 1948; Statue für einen Berg 1958, Baum der Grazien, 1962/63). Vereinzelt wendet sich Zadkine in der Nachkriegszeit auch expressiveren plastischen Formen zu, nutzt die Körper-Verfremdung und das gestische Vokabular der stehenden vollplastischen Figur im pathetischen Monument (Zerstörte Stadt, 1953).

Zadkine, dessen Œuvre bereits früh Anerkennung findet, so u.a. 1933 mit einer Retrospektive im Palais-des-Beaux-Arts in Brüssel, erfährt nach dem II. Weltkrieg besondere Auszeichnung. 1949 erhält er eine Retrospektive im Musée National d’Art Moderne in Paris und wird international ausgestellt. So nimmt er u.a. 1950 an der Biennale von Venedig und 1959 an der Documenta teil. In den 1960er Jahren wird er zu einem Hauptverteter figuraler Skulptur der Nachkriegszeit.

Ossip Zadkine stirbt 1967 in Paris. Seine Frau, die Malerin Valentine Prax, übergibt 1978 die ehemaligen Ateliergebäude und den Großteil seines Œuvres der Stadt Paris, was zur Gründung des 1982 eröffneten Zadkine-Museums führt.

Literaturauswahl:

Lecombre, S.: Ossip Zadkine: L’œuvre sculpté, Paris 1994

Marchal, G.-L.: Ossip Zadkine. La sculpture … toute une vie, Rodez 1992

Zadkine: bois et pierres: Ausst.-Kat. Musée Réattu Arles, Arles 1992

Lichtenstern, Chr.: Ossip Zadkine. 1890 — 1967. Der Bildhauer und seine Ikonographie, Berlin 1980

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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