Oskar Schlemmer

Sein eigenes künstlerisches Ziel formuliert Schlemmer folgendermaßen: »Ich will Menschen-Typen schaffen und keine Porträts, und ich will das Wesen des Raumes und kein Interieur« (zit. n.: T. Schlemmer (Hg.): Oskar Schlemmer, Briefe und Tagebücher, Stuttgart 1977, 163f.).

Oskar Schlemmer wird am 4. September 1888 in Stuttgart geboren. Die Eltern versterben früh, so dass Schlemmer ab 1899 bei seinen älteren Schwestern Wilma und Henriette in Göppingen aufwächst. Aus finanziellen Gründen muss er 1903 die Realschule verlassen und geht als 15-Jähriger als kunstgewerblicher Zeichner bei der Stuttgarter Intarsienwerkstatt Wölfel & Kiesser in die Lehre. Ab 1904 nimmt er zusätzlich Unterricht im Figurenzeichnen und Stilkunde an der dortigen Fortbildungsschule. Aus dem Jugendstil entwickelte Konturschönheit und Figurendarstellung, durchaus durch die Puppen- und Marionettenmacherei beeinflusst, durchziehen das gestalterische Werk von Schlemmer. Als Stipendiat an der Stuttgarter Akademie der Künste trifft er 1906 auf Willi Baumeister und Otto Meyer-Amden, mit denen ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. 1909 wechselt Schlemmer in die Kompositionsklasse von Friedrich von Keller und ist schließlich 1911 Meisterschüler bei Adolf Hölzel.

In diese Jahre fallen erste choreografische Arbeiten Schlemmers, die sich 1913 durch die Bekanntschaft mit dem Tänzerpaar Albert Burger und Elsa Hötzel zu ersten Entwürfen für das Triadische Ballett konkretisieren. Zusammen mit Willi Baumeister und Hermann Stenner erarbeitet er 1914 zwölf Wandbilder für den Hauptsaal der Werkbundausstellung in Köln. Hier trifft Schlemmer erstmals auf Walter Gropius. 1914 ist er Kriegsfreiwilliger, wird mehrfach verwundet und vom Dienst frei gestellt, so dass er weiterhin künstlerisch arbeiten kann. Durch Hölzel und Baumeister mit der frühen Abstraktion vertraut, wird Schlemmer, vermittelt durch Meyer-Amden mit der Jugendstil nahen Reformbewegung konfrontiert, die – wie die Gruppe des Monte Veritá, die Anthroposophen oder Meyers eigene Künstlerkolonie in Amden in der Schweiz – eine neue Einheit von Körper und Seele propagiert. Der hier gefundene Dualismus von Körpergefühl und verstandesgemäßer Rationalität bzw. Konstruktion wird von nun an Kernthema in der Kunst Schlemmers. 1919 ist er Mitbegründer der Stuttgarter Gruppe »Üecht« (alemannisch altdeutsch für »Morgendämmerung«), die die Kunstlehre reformieren und Paul Klee an die Stuttgarter Akademie befördern will. Im gleichen Jahr ist Schlemmer mit einer Einzelausstellung in Herwarth Waldens Galerie Der Sturm in Berlin präsent und kann sich dort mit Konstruktivismus, kubistischen Abstraktion und der Dada-Bewegung auseinander setzen.

1920 begegnet Schlemmer dem jungen Komponisten Paul Hindemith in Frankfurt/ M. und findet in ihm den Musiker, der sein schon lange geplantes Triadisches Ballett vertont. Begleitet von der Orgelmusik Hindemiths, wird es 1922 in Stuttgart uraufgeführt. Kostüme, Choreografie und Formenrepertoire dieses Balletts verdeutlichen Schlemmers programmatischen Ansatz. Die Triade ist ein Dreiklang, also ein dreistimmiger Akkord, der alle Strukturen bestimmt. Drei Tänzer, zwei männliche und eine weibliche treten in zwölf Tänzen auf und führen achtzehn Kostüme vor. Vier Tanzarten laufen ab, der Metall-, der Glas-, der Reifen- und der Kulissentanz. Damit bringt Schlemmer vier Konditionen auf die Bühne – die Choreografie mit Kostüm, Bewegung und Musik als gestalterisches Konstrukt, die dazu gehörigen physischen Attribute wie Raum, Form und Farbe, die gelebte Dreidimensionalität mit Höhe, Breite und Tiefe, die drei geometrischen Grundfiguren von Kreis, Dreieck und Quadrat und letztlich die drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Hier ist Schlemmer unter Beteiligung Hindemiths uneingeschränkt der Deus ex Machina seiner eigenen Welt, was er in seiner malerischen Artikulation und seiner Lehrintention ungebrochen fortführt.

Von Gropius 1921 ans Bauhaus berufen, folgt Schlemmer diesem bis 1929 von Weimar nach Dessau, jeweils verantwortlich für die Klasse Holz- und Steingestaltung und Wandmalerei, wobei in Dessau die Bauhausbühne hinzutritt. Natürlich beeinflussen ihn Bauhauskollegen wie Paul Klee und Lionel Feininger, doch ist Schlemmer von vornherein überzeugt, dass Piet Mondrian der eigentliche »Gott des Bauhauses« sei. Sein eigenes künstlerisches Ziel formuliert er folgendermaßen: »Ich will Menschen-Typen schaffen und keine Porträts, und ich will das Wesen des Raumes und kein Interieur« (zit. n.: T. Schlemmer (Hg.): Oskar Schlemmer, Briefe und Tagebücher, Stuttgart 1977, 163f.). Hier folgt Schlemmer in aller Klarheit der grundlegenden, utopischen Forderung des Bauhauses: die zeitgemäße Verzahnung von gebautem und ausgestattetem Raum für den modernen Menschen. Mittlerweile feiert Schlemmers Triadisches Ballett internationale Erfolge. 1930 erhält er den Auftrag, den Brunnensaal des Folkwang Museums in Essen auszumalen. Zugleich entstehen zwei Bühnenbilder für Kurzopern von Igor Strawinsky und eine für das musikalische Drama Die glückliche Hand von Arnold Schönberg. Bald bindet ihn eine Freundschaft an Julius Bissier, der allenfalls auf das leichtere, transparentere Kolorit Schlemmers Einfluss nimmt.

Mit 42 Jahren ist Schlemmer im Jahr 1930 europaweit und auch in den USA (New York) in Ausstellungen präsent. 1931 zeigt die Berliner Galerie Flechtheim eine Einzelausstellung, die nach Krefeld und Zürich wandert. 1932 wird die Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe, an der Schlemmer seit 1929 lehrt, geschlossen. 1932 malt er mit Bauhaustreppe (heute im Museum of Modern Art in New York) sein zentrales Gemälde. In Berlin einen Lehrauftrag an den Vereinigten Staatsschulen für Kunst und Kunstgewerbe annehmend, von dem er 1933 fristlos entlassen wird, ist auch Schlemmers Werk 1937 in der Naziausstellung »Entartete Kunst« vertreten. Nun beginnt für Schlemmer die Zeit ungesicherter Orts- und Berufswechsel – zunächst als Mitarbeiter des Stuttgarter Malerbetriebes Albrecht Kämmerer, in dem er Kriegscamouflagen malt, dann für den Wuppertaler Lackfabrikanten Kurt Herberts. Während des Naziregimes betätigt sich dieser als Mäzen nicht nur für Schlemmer, für seine Lackforschungen arbeiten u.a. auch Willi Baumeister oder Georg Muche. In Wuppertal entsteht auch Schlemmers letzter malerische Zyklus seiner Fensterbilder, kleine In- oder Exterieurs, immer im Rahmen eines Fensters, letzte Ein- und Ausblicke.

1943 stirbt Oskar Schlemmer in Baden-Baden.

Literaturauswahl

Laboratorium Lack. Baumeister, Schlemmer, Krause 1937 — 1944: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Stuttgart, hg. v. M. Ackermann, A. Matyssek, Berlin 2007

Modulation und Patina. Willi Baumeister, Oskar Schlemmer, Franz Krause: Ausst.-Kat. Museum für Lackkunst Münster, hg. v. K. Wendt, Münster 2004

Wingler, H.M. (Hg.): Die Bühne im Bauhaus, 4. Aufl., Berlin 2003

Rousier, C. (Hg.): Oskar Schlemmer: L’homme et la figure d’art, Pantin 2002

Schlemmer, O. u. T.: Werkbiographie O.S. mit Briefauszügen und Originaltexten, Villingen-Schwenningen 1998

Maur, K. v.: Oskar Schlemmer, Monographie u. Œuvrekatalog, 2 Bde., München 1979

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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