Norbert Thomas

Seine Arbeiten sind auf internationaler Ebene auch unter den Begriffen Neo-Geo oder Hard-Edge-Malerei subsumierbar. Vor monochromen, oft weißen Bildgründen reiht Thomas Dreiecke in verschiedenen Winkelkonstruktionen, oder er lässt rechteckige Farbbänder sich überschneiden, überlagern und unterschneiden, so dass hochkomplexe geometrische und raumhaltige Strukturen entstehen.

Norbert Thomas wird 1947 in Frankfurt/ M. geboren. Von 1969 bis 1974 studiert er an der Hochschule für Bildende Künste und an der Gesamthochschule in Kassel. Bereits 1970 fällt seine künstlerische Grundentscheidung, sich im Sinne der konkreten Kunst der konstruktiven Winkelproblematik der Geometrie zu zuwenden. Er zählt so zu der dritten Generation konkret arbeitender Künstler und setzt mit seinen 360°-Winkelvariationen ebenso die Forderungen Theo van Doesburgs nach funktionalen, einfachen und identischen geometrischen Grundformen in visuell nachvollziehbarer Gestaltung und exakter Technik, wie die spätere »mathematische Denkweise« eines Max Bill konsequent fort.

Thomas Arbeiten sind auf internationaler Ebene auch unter den Begriffen Neo-Geo oder Hard-Edge-Malerei subsumierbar. Vor monochromen, oft weißen Bildgründen reiht er Dreiecke in verschiedenen Winkelkonstruktionen, oder er lässt rechteckige Farbbänder sich überschneiden, überlagern und unterschneiden, so dass hochkomplexe geometrische und raumhaltige Strukturen entstehen. Oft beschränkt er sich, das Kolorit von Piet Mondrian aufgreifend, auf die Buntfarben Gelb, Blau und Rot und ergänzt diesen Farbdreiklang um die Nichtfarben Schwarz und Weiß. In logischer gestalterischer Fortsetzung dieser malerischen Winkel- und Flächenvariationen erstellt Thomas konkret konstruierte Wandreliefs und überführt die 360°-Möglichkeiten auch in die frei stehende Skulptur.

Mit exakt verkanteten, gebürsteten Edelstahlrohren, die auch monochrom farbig gefasst sein können, entwickelt Thomas ab den 1980er Jahren raum-formen, deren dynamischer Richtungswechsel scheinbar die Achsialität der Gravitationsgesetze außer Kraft setzen. Einzig seine gerissenen, collagierten Papierarbeiten zeigen innerhalb der meist quadratischen Bildflächen mäandernd aufgebrochene Konturen, die Außenränder sind auch hier exakt formstringent. Mit seinen verwinkelten Stahlrohrskulpturen, die wie Raumzeichen wirken, ist Thomas auch im öffentlichen Raum präsent.

Ein grundlegender Begriff für alle Arbeiten von Thomas ist der des gelenkten Zufalls. Damit meint Thomas, dass er für eine Form, eine Fläche, eine Linie aus dem Winkelfundus von 1°-360° aleatorisch einen numerischen Wert wählt und dieser die Kompositionsfolge bestimmt. Seine Kompositionen sind jedoch derart präzise auf das Bild- oder Raummaß hin kalkuliert und sowohl Licht als Raum erzeugend platziert, dass das Aleatorische nur für eine der Formen, Flachen, Farbbänder oder Linien angenommen werden kann.

Thomas absolviert seit den 1980er Jahren immer wieder ausgedehnte Studien- und Arbeitsphasen im Ausland: Auf Santa Cruz/ Teneriffa (1982 — 85) folgt 1995 New York, 2000 Madrid, 2004 Istanbul, 2009 Berlin und 2010 erneut Istanbul. Von 1987 bis 1991 hat Thomas eine Professur für Gestaltungslehre an der Fachhochschule in Bielefeld. Seit 1991 ist er Professor für die Grundlagen künstlerischen Gestaltens an der Bergischen Universität in Wuppertal. Zahlreiche, auch internationale Ausstellungen in Galerien und Museen und deren Publikationen dokumentieren sein künstlerisches Schaffen.

Norbert Thomas lebt und arbeitet in Essen.


Literaturauswahl


// Norbert Thomas, Monographie, 2 Bde, mit Texten von E. Gomringer, U. Grevesmühl, H.-P. Riese, Bönen 2003

Norbert Thomas – Ausgewählte Arbeiten auf Papier 1970 — 2001: Ausst.-Kat., hg. v. S. Gnichwitz, o. O. 2002

A. Fink: Kalkül und Zufall – Neue Arbeiten von Norbert Thomas, in: Ausst.-Kat.: Hannover Messe im Thyssen-Krupp-Pavillon, Essen 2000

E. Gomringer: Ein Statement zur Erprobung vielfältiger Verhaltensweisen in der konkreten Kunst, in: Ausst.-Kat.: Norbert Thomas – System und Zufall, Bielefeld 1992

Norbert Thomas – System und Zufall: Ausst.-Kat. Museum für konkrete Kunst Ingolstadt, Ingolstadt 1992

S. Gnichwitz: Norbert Thomas – die konstruktive Ästhetik des gelenkten Zufalls, in: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Museum Folkwang, Essen; Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, 1990

Sammlung Etzold. Ein Zeitdokument: Bestandskatalog Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach 1986

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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