Norbert Radermacher

In einem Gedicht beschreibt Radermacher die wesentlichen Vorgaben, die seine ersten Arbeiten motiviert haben: »[…] Zwölf Monate, zwölf Tore, ein Jahreskreis / Etwas dalassen für alle, die dort ein- und ausgehen / Oder für die, die ohne zu fragen finden können.« (Radermacher 1980).

Norbert Radermacher wird 1953 in Aachen geboren. Nach dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf u.a. bei Fritz Schwegler von 1973 bis 1979 wird für ihn ein einjähriger Parisaufenthalt zum entscheidenden Ausgangspunkt der weiteren künstlerischen Tätigkeit. Er nimmt sich vor, die architektonische Struktur dieser prototypischen europäischen Großstadt wandernd zu erschließen. Vom Stadtrand aus beginnt er seine künstlerische Arbeit, markiert die zwölf Tore der Stadt, hinterlässt dort künstlerische Spuren. Zu diesen gehört u.a. die zweckentfremdende Bestückung einer verlassenen Infobox an der Porte Pantin mit der Fotografie eines Schiffes. Eine Friedhofsmauer des Cimetière de Montrouge in der Nähe der Porte de Châtillon erhält einen Spiegel, der Himmel und Blattgrün reflektiert (L’Image du Ciel, 1980). Der beiläufige Charakter dieser Arbeiten zeigt sich nicht allein darin, dass sie anonym bleiben, sondern ebenso dadurch, dass ihnen keine konservatorische Aufmerksamkeit geschenkt wird. Sie sind heute größtenteils wieder verschwunden. In einem Gedicht beschreibt er die wesentlichen Vorgaben, die diese ersten Arbeiten motiviert haben: »[…] Zwölf Monate, zwölf Tore, ein Jahreskreis / Etwas dalassen für alle, die dort ein- und ausgehen / Oder für die, die ohne zu fragen finden können.« (Radermacher 1980).

Später benennt Radermacher diese Eingriffe und Hinzufügungen in den städtischen Raum als Stücke für Städte, so trägt eine Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien im Jahr 1985 bereits diesen Titel. Das Material der so bezeichneten Arbeiten wählt der Künstler in den Folgejahren sorgfältig aus, verwendet nun meist beständige Stoffe, Bronze, Beton und Marmor. Er gestaltet kleine objekthafte Skulpturen, die Formgebungen von Alltagsgegenständen des öffentlichen Raumes aufnehmen, wiederholen oder kommentieren. Zu ihnen gehört u.a. ein kleinformatiger Betonpolyeder, der auf dem gepflasterten Boden einer Unterführung in Düsseldorf zwischen zwei Eisenträger gesetzt ist, und das Beton-Relief des Chartreser Labyrinths trägt (Das Labyrinth (Chartres), 1982). Das mythische und symbolbeladene Zeichen mutet sonderbar an diesem düsteren und vom Verkehrsstrom verschmutzten Ort an. Im Vorbeigehen ist es kaum wahrnehmbar. Doch spielen gerade die frühen skulpturalen Objekte und Installationen Radermachers mit dem kultischen Eigenwert, den diese an bestimmten Orten, die ansonsten als neutrale Passagen, Sperren, Träger oder Schwellen im städtischen Bewegungsfluss dienen, entfalten können. Vornehmlich an diesen »Unorten« der zeitgenössischen Städte, die von zerfaserten und dezentralen Strukturen, unbelebten Zwischenräumen in Parkbereichen, Unterführungen und Treppen bestimmt werden, platziert Radermacher seine Objekte. Verchromte Messingvasen (Die Gefäße, 1988) zieren beispielsweise die Absperrung einer Parkgarage. Die Truhe(1985), ein hölzerner und blaugrau gestrichener abschließbarer Behälter im Bereich der Bonner Adenauerallee, verbindet zwei Parkbänke aus Beton und wiederholt deren kubisches Formenrepertoire in perfekter Angleichung. Schließlich zählt dazu auch Das Tor (1985), ein winziges Rundbogentor, das in Berlin zwei Parkpoller verbindet und zugleich deren Zwischenraum erneut öffnet, sich dem Material Beton vollständig angleicht und in einem Akt der Mimikry vortäuscht, schon immer für diesen Ort des Abtrennens und Absperrens vorgesehen zu sein.

Das ironische Kennzeichnen, die Akte der Täuschung und Nachahmung unterlaufen die Selbstgewissheit öffentlicher Autorität mit postmodernem Gestus. Eine Reihe von Arbeiten Radermachers bezieht sich noch deutlicher auf eine gesellschaftskritische Deutung von Zeichen und Konventionen im öffentlichen Raum, verweist auf geschichtliche Erinnerung und kulturelle Bestimmungen. Ein von rot-weißen Sperrgittern abgegrenztes Fliesenstück in einem vornehmlich von türkischen Migranten bewohnten Viertel Kölns nimmt das Fußbodenmuster der Istanbuler Hagia Sophia auf (Das Ornament, 1983), während der Grundriss des selben Gebäudes in Fassadenfarbe an einer Straßenmauer zwischen beschmierten Plakatwänden zu sehen ist (Der Grundriss, 1983). Das Sperrgitter selbst wird schließlich in einer weiteren Arbeit in Ludwigshafen am Rhein zum Bedeutungsträger. Aufgebaut vor der dortigen Ludwigskirche wird das Gestänge nun von einem Gitter ausgefüllt, dessen Raster mit einem durchlässigen und schräg versetzten grundrissartigen weißen Liniengebilde bemalt ist. In dessen Mitte ist der Davidstern zu erkennen, ein Hinweis des Künstlers auf die Synagoge, die in der NS-Zeit zerstört wurde und im Gegensatz zur dort sichtbaren Kirche eben nicht mehr aufgebaut wurde.

Im Jahr 1987 nimmt Radermacher an der Documenta 8 in Kassel teil. Norbert Radermachers Arbeiten verstehen sich nicht ausschließlich als konzeptuelle Beiträge, sie verdanken der Sinnlichkeit des Materials und dem objekthaften Dasein ihrer skulpturalen Gegenwart einen Großteil ihrer Wirkung: »Mir würde es nicht genügen, eine Plakette anzubringen im Innenhof, auf der steht: Stellen Sie sich eine Vase vor, die an der Wand ist. Das ist mir zu kopflastig. Ich will dann schon, dass das Stück richtig greifbar, zerstörbar da ist. Ich glaube auch, dass dies für jedermann eine Möglichkeit darstellt, die Sache zu verstehen. Ob es von jedermann wahrgenommen, aufgenommen wird, das sei dahingestellt.« (in: Gespräch zwischen Bernd Schulz und Norbert Radermacher, 1987).

Seit 1992 hat Radermacher die Professur für Kunst im Kontext an der Kunsthochschule Kassel inne. Überdies gestaltet er seit 1999 sakrale Räume und Insignien (Meditationsraum im Canisius-Kolleg, Berlin, 2000; Kapelle im Haus der Deutschen Bischofskonferenz, Berlin, 2000). Seine jüngsten Arbeiten entstehen ebenfalls in Berlin, so die Installation eines winzigen Bergmodells auf einer Betonmauer vor dem Roten Rathaus (Der Berg, 2007).

Norbert Radermacher lebt und arbeitet in Berlin.

Literaturauswahl

Norbert Radermacher – Die Stäbe: Ausst.-Kat. Sprengel Museum Hannover, 1995//

Norbert Radermacher: Ausst.-Kat. Museum Wiesbaden u.a., Nürnberg 1993

Norbert Radermacher: Ausst.-Kat. Staatsgalerie Moderner Kunst, München, hg. v. U. Bischoff, C. Segieth, München 1991

Stücke für Städte: Ausst.-Kat. Künstlerhaus Bethanien, Berlin 1985

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

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