Nam June Paik

1962 nimmt Paik an den Fluxus-Festspielen neuester Musik in Wiesbaden teil und bezieht auch das Fernsehen in seine Aktionen ein, die auf die Visualisierung der Grundlagen der elektronischen Musik zielen. Neben Beuys und Maciunas wird er eine der zentralen Figuren der Fluxus-Bewegung.

Nam June Paik wird 1932 in Seoul / Korea geboren. Bei Ausbruch des Koreakriegs flieht die Familie über Hongkong nach Tokio, wo Paik 1952 — 1956 an der Universität westliche Ästhetik, Musik- und Kunstwissenschaft studiert und mit einer Arbeit über Arnold Schönberg abschließt. Ab 1956 setzt er seine musikgeschichtlichen Studien an der Universität München fort und studiert bis 1958 an der Freiburger Musikhochschule bei Wolfgang Fortner Komposition. Im Anschluss an das Studium arbeitet Paik zunächst gemeinsam mit Karlheinz Stockhausen im WDR-Studio für Elektronische Musik.

Die Begegnung mit John Cage 1958 in Darmstadt wird zu einem wichtigen Erlebnis für Paik, das im folgenden Jahr zunächst zur Mitwirkung an der Hommage á John Cage führt. Paik verfolgt hier erstmalig das Konzept seiner Aktionsmusik, die sich auf die neuen Medien und ihre interdisziplinären Möglichkeiten gründet und gleichermaßen zufällig erzeugte Töne und Geräusche, Instrumentenklänge und Stillesequenzen einbezieht. Seine bewusst provokant angelegten Aktionen, z.B. der Instrumentenzertrümmerung, rufen starke Publikumsreaktionen hervor.

1962 nimmt Paik an den Fluxus-Festspielen neuester Musik in Wiesbaden teil und bezieht nun auch das Fernsehen in seine Aktionen ein, die auf die Visualisierung der Grundlagen der elektronischen Musik zielen. Neben Beuys und Maciunas wird er eine der zentralen Figuren der Fluxus-Bewegung. Erste Einzelausstellungen von Paiks modifizierten und auf die Außen- bzw. Betrachtermitwirkung angelegten Instrumenten, Appparaten und – von nun an vor allem – Fernsehern folgen (Galerie Parnass Wuppertal, 1963). Mit dem Elektroingenieur Shuya Abe experimentiert Paik 1963/64 in Japan auch an der Entwicklung technisch produzierter Malerei und baut einen ersten Roboter.

Paik siedelt 1964 nach New York über, lebt dort bis 1967 und lernt die Cellistin Charlotte Moorman kennen. Mit ihr arbeitet er mehrere Jahre an Musikstücken und Videoinstallationen und stellt diese in unkonventionellen Konzerten und Performances in den USA und Deutschland vor. Für Moormann entwickelt er auch zahlreiche Objekte (TV-Büstenhalter, TV-Cello). Beide nehmen 1965 an dem Happening 24 Stunden mit Joseph Beuys, Wolf Vostell u.a. in der Wuppertaler Galerie Parnass teil. Dort äußert Paik sich auch zu dem nun zentralen Medium des Fernsehers: »Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert, jetzt schlagen wir zurück …, nun machen wir unser Fernsehen selbst.« Paiks Installation TV-Cross, in der er erstmals mehrere Fernseher zu einer Skulptur verbindet, wird 1966 im Stockholmer Museum of Technology ausgestellt. Mit elektronisch bearbeiteten Videobändern (Electronic Opera No. 1, 1969) knüpft Paik an den abstrakten Film der 20er Jahre an. Mit der Technologie von Video-Synthesizer, Computer und digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten, z.B. elektromagnetischen Manipulationen an Farbfernsehern, werden Ende der 60er Jahre unmittelbarere Umsetzungen seiner Ideen möglich, die auch in der auf die Konfrontation von Kultur und Technologie zielenden Werkserie derClosed curcuits (Video-Buddha, ab 1970) münden.

1979 erhält er eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf, die er bis 1996 innehat. Eine erste Retrospektive von Paiks Werk findet 1982 im Whitney Museum of American Art, New York statt. Paik arbeitet in immer größeren Dimensionen und entwickelt für diese eine erste architektonische Video-Installation, V-yramid, die in Form einer Pyramide aufgebaut ist. Auch seine bekannte, aus 384 Monitoren bestehende Installation für das Pariser Centre George Pompidou und das Tricolor Video verfolgen die Idee der Multi-TV-Installationen weiter.

In Aktionen der 80er Jahre nutzt Paik die Satellitentechnik, um elektronische Bilder weltweit simultan zu übertragen und Künstler und Musiker von verschiedenen Orten aus zu beteiligen. Good Morning, Mr. Orwell von 1984, an der Joseph Beuys, Ben Vautier, Yves Montand, Laurie Anderson, Peter Gabriel, Charlotte Moorman u.a. vielenorts beteiligt waren, zählt ebenso zu diesen Arbeiten wie der spätere, aus 1003 Monitoren zusammengesetzte und von Fernsehstationen aus 12 Ländern belieferte Medienturm The more the better, der anlässlich der Olympischen Spiele 1988 in Seoul errichtet wird. Zugleich knüpft Paik aber auch an frühere Entwicklungen mit Shuya Abe an und verwendet 1986 Videomonitore und Video Disc Player in seiner Arbeit Family of Robot.

1987 wird Paik Mitglied in der deutschen Akademie der Künste in West-Berlin. Er lebt nun in New York und Wiesbaden. 1975 nimmt Paik an der Biennale São Paulo, 1977 und 1987 an der documenta 6 und 8 (Beuys-Voice) teil. In der Wanderausstellung »Video Time – Video Space« (1991/92) in Düsseldorf, Basel, Zürich und Wien arbeitet er erneut mit Multi-TV-Installationen, die hier in räumlichen Konstellationen auftreten. 1993 stellt er Videoarbeiten (Sixtinische Kapelle; Liegender Buddha) im deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig aus, 1997 beteiligt er sich an der großen Kunstausstellung »Die Epoche der Moderne – Kunst im 20. Jahrhundert« in Berlin.

Nam June Paik stirbt 2006 im Alter von 73 Jahren in Miami.

Literaturauswahl

Nam June Paik, Fluxus und Videoskulptur: Ausst.-Kat. Stiftung Wilhelm-Lehmbruck-Museum, hg. v. Christoph Brockhaus, Duisburg 2002

Nam June Paik. Fluxus, Video: Ausst.-Kat. Kunsthalle Bremen, hg. v. Wulf Herzogenrath, Bremen 1999

Esser, E. (Hg.): Nam June Paik und Charlotte Moormann, MedienkunstVisionen, CD-Rom, Köln 1997

Bußmann, K. u. Matzner, F. (Hg.): Nam June Paik. Eine Database, Stuttgart 1993

Decker, Edith (Hg.): Nam June Paik. Niederschriften eines Kulturnomaden, Köln 1992

Nam June Paik. Video Time – Video Space: Ausst.-Kat. Kunsthalle Basel u.a., hg. v. T. Kellein u. T. Stoos, Stuttgart 1991

Decker, Edith: Paik, Video, Köln 1988

Nam June Paik, Fluxus, Video: Ausst.-Kat. hg. v. Wulf Herzogenrath, München 1983

Nam June Paik, Werke 1946 — 1976, Musik, Fluxus, Video: Ausst.-Kat. Kölnischer Kunstverein, Köln 1976

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat