Mike Kelley

Er sucht nach den obszönen und kindlichen Verdrängungsmustern der modernen Gesellschaft, deren psychologische und intellektuelle Inhalte er in alltäglichen Relikten und Artefakten fasst. Mike Kelley kreiert Szenarien des Unheimlichen und Grotesken, deren psychoanalytische Belegungen ihn interessieren.

Mike Kelley wird 1954 in Wayne bei Detroit (USA) geboren. Er studiert zunächst 1972 — 1976 an der Universität von Ann Arbor / Michigan und wechselt anschließend an das California Institute of the Arts in Valencia zu Douglas Huebler und John Baldessari. 1978 macht er dort seinen Abschluss. Beeindruckt vom literarischen Werk William Burroughs und Charles Bukowskis interessieren ihn schon früh die theatralischen Inszenierungen der europäischen Aktionskunst der 70er Jahre. Mehr als die minimalistischen Vorstellungen der zeitgleichen amerikanischen Kunstszene ziehen ihn die politisch motivierten Arbeiten und Performances der Fluxusbewegung und der Wiener Aktionisten in Bann. Der Installations- und Performance-Künstler Kelley, der auch als Musiker auftritt, ist fasziniert von den ästhetischen Randbereichen in Sub- und Trashkultur und den Arbeiten der Hippiebewegung. Vorbilder werden ihm Künstler wie Laurie Anderson, Bruce Nauman und Jonathan Borofsky. Erste Kontakte zur europäischen Kunstszene ergeben sich im Jahr 1979. Kelley begleitet als Musiker einer Noise-Music-Gruppe die Aufführung von Nitschs Mysterientheater in Los Angeles. Kelleys erste Performances entstehen 1979 (Poltergeist, Los Angeles). Die Inszenierung, die mit den Ängsten spielt, die der gleichnamige Kinofilm erst 1982 massenwirksam erzeugen wird, macht ihn einem größeren Publikum bekannt. In zahlreichen Einzelausstellungen ist er u.a. 1982 in der Metro Pictures Gallery New York zu sehen. Im Jahr 1981 tritt er erstmals mit einer Performance (Confusion) in New York auf.

Kelley sucht nach den obszönen und kindlichen Verdrängungsmustern der modernen Gesellschaft, deren psychologische und intellektuelle Inhalte er in alltäglichen Relikten und Artefakten fasst. Er kreiert Szenarien des Unheimlichen und Grotesken, deren psychoanalytische Belegungen ihn interessieren. Der Kunstkritiker Colin Gardener bezeichnet seine Werke als eine »Mischung von Ferdinand Saussure und Sesamstraße« (Art Week 1983). Damit benennt er vor allem Kelleys Umgang mit den Deutungsmustern einer von Massenwaren durchzogenen Alltagswelt und die scheinbar naiv-spielerischen Umsetzungen des Künstlers. In seiner PerformancePlato’s Cave, Rothko’s Chapel, Lincoln’s Profile, die er 1985 in New York aufführt, bilden scheinbar absurde Bezugnahmen und Wortspiele vereint mit bildhaft theatralischen Elementen, Zeichnungen Skulpturen und Fotografien eine komplexe, auf Politik, Kunst und Philosophie bezogene Bedeutungsstruktur. Massenmediale Gattungen wie Comic, Cartoon und ebenso Videofilme nutzt er als plakative Bildmittel.

Ab 1986 vereinfachen sich Kelleys Arbeiten. Weniger räumlich-zeitliche und mehr an Einzelementen orientierte Projekte überwiegen nun. Zunehmend gewinnen einheitliche Werkgruppen und Serien an Bedeutung, u.a. das Projekt Half a Man (1987). Mit der Installation Pay for Your Pleasure (1987) inszeniert Kelley 40 Gemälde nach Fotografien von Dichtern, Denkern und Philosophen. Den Porträts der bekannten Persönlichkeiten fügt er deren Zitate zur Verflechtung von Kunst und Verbrechen bei. Als auratisches und voyeuristisches Ziel dieser Bilderflucht wählt er das Gemälde eines Mörders. Ästhetik und Philosophie, so Kelleys Lektion, konstruieren rationale Vorwände, um letztlich den Genuss des Grusels zu sanktionieren.

Plüschspielzeug nimmt in Kelleys Arbeiten einen großen Stellenwert ein. Ab 1986 verwendet er es häufig in seinen Installationen. Die Stofftiere nutzt er als befremdliche Artefakte eines industriell hergestellten Kindheitsstadiums, dessen mögliches sentimentales Verständnis er durch Gebrauchs- und Abfallspuren aber auch durch Verstümmelungen und absichtsvolle Inszenierungen (Lumpenprole 1991) konterkariert. In seiner Installation Heidi (1992), die Mike Kelley gemeinsam mit Paul McCarthey umsetzt, gerät das Idealbild der Natur ins Zentrum seines beißenden Spottes: In hölzernen Modellbauten imitiert er Alpenhütte und Stallidylle und durchsetzt die heile Welt mit skulpturalen und bildhaften Absurditäten.

Ebenfalls 1992 nimmt Kelley an der Documenta 9 teil, 1993 widmet ihm das Whitney Museum of American Art New York eine große Retrospektive. 1995 liefert Kelley mit Educational Complex eine bösartige Rekonstruktion seines eigenen Erziehungs- und Ausbildungsweges.

Mike Kelley stirbt am 31. Januar 2012 in Los Angelos.

Literaturauswahl

The uncanny by Mike Kelley, artist: Ausst.-Kat. Tate Liverpool, hg. v. Christoph Grunenberg, Köln 2004

Welchman, John C.; Graw, Isabelle; Vidler Anthony: Mike Kelley, London 1999

Mike Kelley, Catholic Tastes: Ausst.-Kat. Whitney Museum of American Art, New York 1993

Bartman, W. S.; Barosh, M. (Hg.): Mike Kelley, Art Resources Transfer, New York 1992

Mike Kelley: Ausst.-Kat. Kunsthalle Basel, Basel, Frankfurt/M. u.a. 1992

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat