Michelangelo Pistoletto

Sein konzeptueller Kunstbegriff macht ihn zu einem wichtigen Ideengeber für die Künstlergruppe der Arte Povera, die von dem Kunstkritiker Germano Celant 1967 mit kuratorischem Elan in Ausstellungen und Manifesten vertreten wird. Insbesondere das künstlerische Material und die in ihm stets aufs neue erforderliche Erfahrbarkeit der Kunst beschäftigt sowohl Pistoletto als auch die anderen Künstler dieser Gruppe.

Michelangelo Pistoletto wird 1933 in Biella / Piemont geboren. Von 1947 bis 1958 arbeitet er als Gemälderestaurator, ab 1956 entstehen erste Selbstporträts – eine Bildgattung, mit der sich der Künstler insbesondere in den kommenden Jahren befasst. Sie bietet ihm Anlass und Reflexionsgrund für die Frage nach der Abbildhaftigkeit und Selbstbezüglichkeit seiner Kunst. Pistoletto gehört zu den frühen Protagonisten in der Turiner Kunstszene, die von der Abkehr vom Informel und der Auseinandersetzung mit den Arbeiten Francis Bacons und Jackson Pollocks geprägt ist. Bereits 1960 wird Pistolettos erste Einzelausstellung in der renommierten Galleria Galatea in Turin gezeigt, 1967 erhält er den Großen Preis der Biennale São Paulo.

Das Bedürfnis nach sinnlicher Erfassung des eigenen Porträts und der Wunsch nach größtmöglicher Objektivierung seines bildhaften Gegenüber, das zu steter Auseinandersetzung mit dem eigenen Spiegelbild führt, lenkt das Interesse Pistolettos bereits früh auf Techniken, die den spiegelnden Umraum der Figur auch im Bild sichtbar machen können: die ersten seiner sogenannten »Spiegelbilder« entstehen ab 1960/61. Hier experimentiert er zunächst mit Silber- und Goldgründen auf die er schmale stehende lebensgroße Porträts aufbringt, bis er zu spiegelnden schwarzen Lackflächen (Autoritratto in Camicia, 1961; Uomo di schiena il presente, 1961) und schließlich polierten Stahlblechen findet (Alpino, 1961), die nun tatsächlich gemalte Figuren repräsentieren und zugleich den Ausstellungsraum spiegeln. Erst ab 1973 arbeitet er auch mit Siebdrucken nach Fotografien, so dass die Illusion von realen Figuren erzeugt wird, die den Raum mit den Betrachtenden teilen (Sacra Conversazione, 1973; L’Etrusco, 1976): »Die Leinwand selbst wurde zum Spiegel. Und ich erkannte, dass anstelle eines gemalten Hintergrundes die lebendige Welt erschien. Im Bild sah ich hinter meinem Abbild die Wand des Zimmers, in dem ich mich aufhielt, und jeder andere konnte sich selbst in diesem Spieglraum sehen. Ich begriff, dass ich jener perfekten Spiegelung eine möglichst objektive Darstellung zuzuordnen hatte, und ich fand diese Qualität in der Fotografie.« (Pistoletto, in: Ausst.-Kat. Mailand 1984)

Pistolettos konzeptueller Kunstbegriff macht ihn zu einem wichtigen Ideengeber für die Künstlergruppe der Arte Povera, die von dem Kunstkritiker Germano Celant 1967 mit kuratorischem Elan in Ausstellungen und Manifesten vertreten wird. Insbesondere das künstlerische Material und die in ihm stets aufs neue erforderliche Erfahrbarkeit der Kunst beschäftigt sowohl Pistoletto als auch die anderen Künstler dieser Gruppe. Hier steht das Abkommen von ikonographischen Deutungstraditionen und institutionellen Rahmenbedingungen im Vordergrund, die Nähe zum Alltagsleben und zugleich die distanzierte Verfremdung des Gewohnten gilt als wichtige Maxime zur Überschreitung abgeschotteter Kunstvorstellungen. Beispielweise entsteht mit der Venere degli stracci (1967) eine Arbeit, die eine klassische Venusstatue mit einer Anhäufung von gebrauchten Kleidungsstücken präsentiert. Dass Pistoletto sein Atelier 1967 für andere Künstler öffnet und 1968 bis 1970 mit dem Straßentheater Lo Zoo, mit Aktionen und Happenings in Mailand, Rom und Turin auftritt, gehört ebenso zum revolutionären Pathos seiner Kunstäußerungen. Mit seinen Plexiglasarbeiten gelingt ihm ein weiterer Schritt hin zur Verlebendigung des Museumsraumes. So erzeugen auf Plexiglasscheiben gemalte Leitern den Eindruck realer Gegenstände und beziehen damit den sonst nicht wahrgenommenen musealen Umraum mit ein (Scala doppia appogiata al muro, 1964). In der Serie Le Stanze von 1975/76 führt Pistoletto die Betrachtenden in die Unendlichkeit sich stets wiederholender räumlicher Formationen, die allein Produkt der Wahrnehmung sind.

Gleichzeitig mit den Spiegelbildern widmet Pistoletto sich insbesondere dem künstlerischen Objektbegriff und behandelt in zahlreichen Arbeiten mögliche Verfremdungsformen von Gegenständen im Ausstellungsgeschehen. Bei den sogenannten Oggetti in Meno (Minusobjekte), denen der Künstler ausführliche theoretische Erörterungen widmet, handelt es sich um Alltags- und Kunstgegenstände, die Pistoletto seit 1965 sammelt und 1966 erstmals ausstellt. Die Objekte sind ganz unterschiedlicher Provenienz, bei ihrer Auswahl proklamiert Pistoletto vor allem deren beliebige Materialität (hölzerne Madonnenfiguren, Bettgestelle, Badewannen, Plexiglasarbeiten, etc.): »Meine Arbeiten wollen nicht die Konstruktion oder der Bau neuer Ideen sein, wie sie auch nicht Objekte sein wollen, die ich anderen aufdrängen oder mit denen ich mich anderen aufdrängen will, sondern es sind Objekte, durch welche ich mich von etwas befreie – es sind keine Konstruktionen, sondern Befreiungen – ich betrachte sie nicht als hinzugefügte, sondern als Minus-Objekte, womit ich meine, dass sie eine Wahrmehmungserfahrung mit sich bringen, die endgültig in die Außenwelt gedrängt worden ist.« (Pistoletto, in: Ders.: Die Minusobjekte, 1966).

Nach einem USA-Aufenthalt von 1979 bis 1981 wendet Pistoletto sich zu Beginn der 1980er Jahre nochmals der Skulptur zu. Monumentale Köpfe und Torsi, aber auch Reliefs aus Marmor und Schaumstoff mit schroffen, kantigen Oberflächen entstehen (Dietrofront, 1981 — 84; Trittico-bassorilievo, 1985).
Pistoletto nimmt an der Documenta 7, 9 und 10 (1982, 1992, 1997) teil. Seine Arbeiten werden in großen Einzelausstellungen in Baden-Baden (1988), Bern (1989), Hamburg (1992) und Wien (1995) gezeigt. Mit dem engagierten »Progetto Arte« gründet Pistoletto in den 1990er Jahren ein öffentliches Forum der Kommunikation, das in den Schnittbereichen von Architektur, Mode und Design angesiedelt ist und auf die Kunst im öffentlichen Raum Einfluss nimmt.

Michelangelo Pistoletto lebt und arbeitet in Turin.

Literaturauswahl

Bätzner, N.: Arte povera. Zwischen Erinnerung und Ereignis. Giulio Paolini, Michelangelo Pistoletto, Jannis Kounellis, Nürnberg 2000

Michelangelo Pistoletto – Azioni materiali: Ausst.-Kat. Innsbruck, hg. v. S. Eiblmayr, Köln 1999

Michelangelo Pistoletto – Memoria, Intelligentia, Praevidentia: Ausst.-Kat. Städt. Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, hg. v. H. Friedel, Ostfildern 1995

Michelangelo Pistoletto. Gli oggetti in meno, lo specchio, la gabbia: Ausst.-Kat. Deichtorhallen Hamburg, hg. v. F. Zdenek, Hamburg 1992

Michelangelo Pistoletto: Ausst.-Kat. Staatl. Kunsthalle Baden-Baden, hg. v. J. Poetter u. R.E. Pahlke. Baden-Baden 1988

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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