Michael Croissant

Das stete Changieren seiner Skulpturen zwischen Konstruktion und Irregularität, zwischen exakter geometrischer Stereometrie und bio- bzw. anthropomorpher Kurven, Schwellungen und Einbuchtungen zeigen immer seine künstlerische Haltung zwischen Prä- und Postfigurativen. Michael Croissants Skulpturen, da ohne Sockel aufgestellt und so wie naturgegeben wirkend, zeigen in ihrem Minimalismus höchste künstlerische Konzentration.

Michael Croissant wird am 7. Mai 1928 in Landau/Pfalz geboren. Er ist damit in achter Generation ein weiterer Vertreter der pfälzischen Familie Croissant, die als glaubensflüchtige Hugenotten aus dem Elsass seit Mitte des 17. Jahrhunderts eine in der Pfalz ansässige Handwerker- und Künstlerfamilie sind. Croissants Vater ist Kunstmaler in Berlin, wo er seine Kindheit verbringt. In den Jahren 1934 bis 1938 lebt die Familie in Wien, zieht mit dem Kriegsausbruch nach Landau zurück. Dort beginnt Croissant 1942 eine Steinmetzlehre. Nach einem Jahr wechselt er an die Schule des deutschen Handwerks in Kaiserslautern, die er bis 1946 besucht. Er geht anschließend nach München, nimmt dort zunächst an einer privaten Kunstschule Unterricht. Sein eigentliches akademisches Studium der Bildhauerei beginnt Croissant im Jahr 1948 an der Münchner Akademie in der Klasse von Toni Stadler. Dieser repräsentiert einerseits die von Adolf von Hildebrand gegründete und geprägte Münchener Bildhauerschule, andererseits vermittelt Stadler, der in Berlin bei dem Tierplastiker August Gaul (1868 — 1921) studiert hat, auch den Stil der Berliner Akademie. Zugleich orientiert sich Croissant an den älteren Zeitgenossen, an Pablo Picasso, Germaine Richier (1904 — 1959) und ihren Tierskulpturen und an Henry Moores Kopf- und Helm-Skulpturen. In den Jahren 1953, in diesem Jahr schließt Croissant sein Studium ab, bis 1966 lebt und arbeitet er als freier Bildhauer in München und erhält ab 1963 bereits die ersten Auszeichnungen für seine Skulpturen.

In der ersten Münchner Zeit setzt er sich intensiv mit einer zeitgemäß abstrahierten, plastischen Tierdarstellung auseinander. Picassos Stierkopf, seinen Lammträger als Vorbild und Henry Moores Tierschädel rezipierend entstehen vor allem Ziegen, Schafe und Insekten (G. Richiers Gottesanbeterin) sowie Hirsch- und Pferdeschädel. In den 60er Jahren ist für Croissant das zentrale bildhauerische Thema und Motiv der menschliche Körper als Ganzfigur, Torso oder als Kopf-Schulterfiguration. Technisch bereitet Croissant seine Skulpturen durch Zeichnungen, Gips-, Wachs- oder Tonmodelle vor, danach entsteht der Guss in Bronze. Kompositorisch arbeitet er in strenger stereometrischer Reduktion. Es entstehen eher lebensgroße, anthropomorphe Blöcke oder menschliche Figurinen, deren Oberfläche wie von Innen her pulsierende, leicht bewegte Haut erscheinen. Der Wechsel von konvexen zu konkaven Flächen, die leichte Torsion senkrechter und waagrechter Achsen und Konturen vermitteln biomorphe Bewegtheit im so starr hermetischen Material der Bronze. Croissant erstellt – und das ist seine größte Naturnähe – eine von Innen her logische Außenform. Kopf, Schulter, Rumpf, Taille und Unterkörper sind trotz aller geometrisch strengen Formkonzentration noch lesbar. Wie eng bandagierte Mumienkörper – Croissant setzt sich bewusst mit dem altägyptischen Totenkult auseinander – , erscheinen seine Ganzkörperskulpturen oder -reliefs. Mit der Serie seiner Helmköpfe gelingt Croissant ein weiterer Schritt in die Abstraktion aus geometrischen Grundformen aufgebauter biomorpher Formen.

Ab den 70er Jahren nutzt Croissant als Werkstoff industriell vorgefertigte Stahlplatten, die er zuschneidet und zu stereometrischen Körpern verschweißt. Er lässt die Schweißnähte wenig geglättet wie Vernarbungen seiner Stahlkörper stehen. Monumentale Wirkung erreicht Croissant durch seine Materialwahl, seine Dimensionierungen der Skulpturen und der stets sich steigernden Minimalisierung des Anthropomorphen. Letztlich erreicht Croissant mit seinen Kopf-Schulter-Skulpturen und seinen hochrechteckigen »Kastenmenschen« eine grundlegend architektonische Form, die den Menschen und seine Proportionen wie in der Renaissance zum Maßstab hat. Alles Deskriptive, Narrative vermeidet Croissant in seinem Spätwerk, was auch Zeichnungen und Tonpapiercollagen die klar architektonischen Charakter haben, in den 80er und 90er Jahren zeigen. Das stete Changieren seiner Skulpturen zwischen Konstruktion und Irregularität, zwischen exakter geometrischer Stereometrie und bio- bzw. anthropomorpher Kurven, Schwellungen und Einbuchtungen zeigen immer seine künstlerische Haltung zwischen Prä- und Postfigurativen. Croissants Skulpturen, da ohne Sockel aufgestellt und so wie naturgegeben wirkend, zeigen in ihrem Minimalismus höchste künstlerische Konzentration. Croissant selbst sagt (1978) über seinen Schaffensprozess: »Die Erfahrung mit eigenen Arbeiten zeigt, dass nur das zählt, was abweicht – das Unvorhergesehene. Ihre Rechtfertigung mag sie darin finden, dass es keine Wahl sie anders zu machen gegeben hat«.

Ab 1960 erhält Croissant in nahezu jährlicher Folge alle wichtigen öffentlichen Preise für Bildhauerei in Deutschland. 1966 ist er zu einer Professur für Bildhauerei an der Städelschule in Frankfurt/M. berufen. Er nimmt an und vertritt die Professur für 22 Jahre bis 1988. In diesem Jahr kehrt er nach München zurück, wo er Mitglied der Neuen Gruppe ist und seit 1972 als Mitglied der Akademie der Schönen Künste angehört.

Am 21. September 2002 stirbt Michael Croissant in München.

Literaturauswahl

Michael Croissant, Figuren und Köpfe: Ausst.-Kat. Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, hg. v. B. Buhlmann, Kaiserslautern 2008

Michael Croissant und seine Schüler: Ausst.-Kat. Kunstverein Speyer, bearb. v. H. Dellwing, Speyer 2008

Gabler, J. (Bearb.): Der Bildhauer Michael Croissant (1928 — 2002) mit dem Werkverzeichnis seiner Skulpturen, Berlin 2003

 

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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