Meret Oppenheim

Mitte der 1970er Jahre wird Oppenheim, deren Arbeit und Leben sie gleichermaßen unter dem Motto »Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen« fasst, vor allem von der feministischen Künstszene entdeckt und rezipiert. Zahlreiche Ausstellungen widmen sich seitdem den Werken der Künstlerin, die im Kontext von Surrealismus und Objektkunst wesentliche Ansätze entwickelt hat.

Meret Elisabeth Oppenheim wird am 6. Oktober 1913 in Berlin-Charlottenburg als erste Tochter des Hamburger Arztes Erich Alphons Oppenheim und seiner Schweizer Frau Eva Oppenheim-Wenger geboren. Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges wird der Vater zum Militärdienst eingezogen, die Mutter übersiedelt mit Meret nach Delémont in ihr Schweizer Elternhaus. Besonders die Großmutter Lisa Wenger-Ruutz, die eine der ersten weiblichen Absolventinnen der Düsseldorfer Kunstakademie war, prägt als illustrierende Künstlerin, Autorin und Frauenrechtlerin die Enkelin. Auch die Tante Ruth Wenger, die Sängerin, Malerin und einige Jahre mit Hermann Hesse verheiratet ist, prägt das literarische un künstlerische Klima in der Familie. Meret Oppenheims Vater vermittelt ihr überdies früh die Lehren von C.G. Jung. Dessen Traumdeutung und Archetypen des Männlichen und Weiblichen spielen nicht nur in Oppenheims immer wieder von Depressionen überschatteten Privatleben, sondern auch in ihrer Arbeit eine wichtige Rolle. 1929 sieht Oppenheim beeindruckt eine Ausstellung von Werken Paul Klees und manifestiert in ihrem Mathematikheft x=Hase als ihre erste künstlerische Manifestation. 1931 erlauben ihr die Eltern, das Gymnasium zugunsten einer Kunstausbildung zu verlassen. Sie entscheidet sich für Paris als Studienort. Zuvor entsteht ihr erstes eigenständiges Aquarell ExVoto. Würgeengel.

Mit der Tänzerin Irène Zurkinden geht Meret Oppenheim 1932 nach Paris und schreibt sich dort an der Akadémie de la Grande Chaumière ein. Ein Hotelzimmer am Montparnasse ist ihr zugleich Atelier. Durch die Schweizer Künstler Albero Giacometti und Hans Arp findet sie Aufnahme in den Kreis der Surrealisten um André Breton und avanciert zu deren »femme-enfant«. Ihre freiheitliche Lebenseinstellung und Experimentierfreude werden zu auch für ihr Werk entscheidenden Bedingungen. 1933 entsteht die Arbeit Einer der zuschaut, wie ein anderer stirbt, die später Vorlage für zwei skulpturale Fassungen ist (1956 Holz und Kupfer; 1976 Serpentin und Vergoldung). Nahezu alle nach 1954 entstandenen Werke fußen auf Ideen der 30er Jahre in Paris.

An einer Ausstellung des Salon des Surindépendants nimmt Oppenheim erstmals 1933 teil. Im gleichen Jahr stellt sie sich Man Ray als Aktmodell zur Verfügung, dabei entsteht u.a. die Musenikone des »Zeitalters der technischen Reproduzierbarkeit«: Meret Oppenheim steht als Halbfigurenakt hinter einem Druckpressenzahnrad im Atelier von Louis Marcoussis, die geschwärzte linke Hand erhoben. Die androgyne Sexualität, die sie wie auch in vielen anderen Fotografien selbst inszeniert, und auch ihre idealen weiblichen Gesichtszüge stellen im Bild »nackter Mensch und Maschine« eine suggestive Einheit dar. Max Ernst widmet Oppenheim das Aquarell Husch-Husch, der schönste Vokal entleert sich. 1935/36 stellt sie mit den Surrealisten in Paris, in Kopenhagen, London und New York aus.

Die Eltern übersiedeln 1936 aus politischen Gründen vom bayerischen Steinen nach Basel. Hier verschärft sich die finanzielle Situation für die gesamte Familie. Oppenheim versucht daher, Entwürfe für Modeschmuck und Kleidern bei Pariser Modeschöpfern zu lancieren. 1936 experimentiert sie mit fellbezogenen Metallreifen, die sie selbst als Armbänder trägt, auch bei einem Treffen mit Dora Maar und Picasso im Café de Flore, bei dem der Künstler feststellt, man könne alles mit Pelz überziehen, auch die Tassen im Café. Als wenig später eine Ausstellung in der Galerie Charles Ratton ansteht, erinnert sich Oppenheim dieses Bonmots, kauft eine Teetasse mit Untertasse und Löffel und überzieht die gesamte Oberfläche der Dinge blickdicht mit dem Fell einer chinesischen Gazelle. Die Pelztasse – Le Déjeuner en fourrure, wie André Breton sie bedeutsam nennt – wird zur meist zitierten Inkunabel der Surrealisten, die noch in der Ausstellung von Alfred Barr jr. für 250 Schweizer Franken für das Museum of Modern Art in N.Y. erworben wird. Ebenfalls 1936 entsteht Oppenheims zweites, surreales Objekt ma gouvernante – my nurse – mein Kindermädchen. Auf einer Silberplatte liegen ein Paar weißer Pumps, wie ein Paket verschnürt auf der Seite, die Absätze sind wie Hähnchenkeulen mit Papiermanschetten zu einer Art »Braten« ummantelt – erneut eine absurd-surreale Objektkonstellation, die verschiedene Gebrauchs- und Funktionsbereiche der Gegenstände zusammenführt. Auf beide Objekte reagiert die konservative wie avantgardistische Kritik mit großem Unverständnis.

1936 in einer Schaffenskrise und erneut mit starken Depressionen kämpfend, kehrt Oppenheim nach Basel zurück und besucht dort für zwei Jahre die Allgemeine Kunstgewerbeschule, wo sie neben einer klassischen Malereiausbildung auch das Restaurieren erlernt, mit dem sie sich finanziell über Wasser hält. Zu dieser Zeit hat sie nur noch Kontakt zu Alberto Giacometti und ist der Baseler Gruppe 33 lose verbunden. 1943 verfasst Oppenheim ein Drehbuch über den verlorenen »Kaspar Hauser oder Die goldene Freiheit«. Bis dahin sind auch bereits viele Gedichte entstanden. 1949 ändert sich Oppenheims Situation. Sie heiratet Wolfgang La Roche, einen Pseudonymautoren und passionierten Harley-Davidson Fahrer. Im gleichen Jahr tritt sie in Kontakt mit der Berner Kunstszene um Daniel Spoerri, Dieter Roth und Jean Tinguely. Ihre Arbeitsblockade scheint überwunden.

Ab 1954 führt Oppenheim in Bern wieder ein eigenes Atelier und knüpft künstlerisch an ihre Vorkriegsarbeiten an. Nach wie vor entstehen Objekte, oft aus Fundmaterialien. Sie aquarelliert märchenhafte Szenen, nimmt sich sexuelle Symbole zum Motiv ihrer oft tiefenpsychologisch motivierten Arbeiten und dringt mitunter auch weit in die Abstraktion vor. 1956 entwirft Oppenheim die Kostüme und Masken für Picassos Stück »Wie man die Wünsche am Schwanz packt« in der Inszenierung von Daniel Spoerri. 1959 inszeniert sie ein »Nachtessen auf der nackten Frau« als Frühlingsfest für drei Paare. Für die Galerie Cordier in Paris wiederholt sie ihr Kannibalenfestmahl auf Drängen von Breton – ihr letzter Kontakt zu den Surrealisten.

In Stockholm wird Oppenheim 1967 eine große Retrospektive gewidmet, das Moderna Museet kauft ihr Objekt ma gouvernante…(1936) an. Mitte der 1970er Jahre wird Oppenheim, deren Arbeit und Leben sie gleichermaßen unter dem Motto »Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen« fasst, vor allem von der feministischen Künstszene entdeckt und rezipiert. Zahlreiche Ausstellungen widmen sich seitdem den Werken der Künstlerin (u.a. 1974/75 Stockholm, Winterthur, Duisburg), die im Kontext von Surrealismus und Objektkunst wesentliche Ansätze entwickelt hat. 1982 nimmt Oppenheim an der Documenta VII teil, 1986 werden ihre Arbeiten auf der Biennale di Venezia gezeigt. Zum 90sten Geburtag widmet ihr u.a. das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg 2003 posthum eine Ausstellung. 2006 zeigt das Kunstmuseum Bern Oppenheims Œuvre im Rahmen einer Retrospektive, 2008 widmet sich die Städtische Galerie Ravensburg ihrer Arbeit.

Meret Oppenheim stirbt am 15. November 1985.

Literaturauswahl

Krieger, V. (Hg.): Metamorphosen der Liebe: kunstwissenschaftliche Studien zu Eros und Geschlecht im Surrealismus, Hamburg 2006

Meret Oppenheim, Retrospektive: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern, hg v. Th. Bhattacharya-Stettler; M. Frehmer, Ostfildern-Ruit 2006

Kupper, W.: Meret Oppenheim als Künstlerin und Modell, in: Georges Bloch – Jahrbuch des Kunsthistorischen Instituts der Universität Zürich, S. 190 — 221, 9/10, 2002/03

Curiger, B.: Meret Oppenheim. Spuren durchstandener Freiheit. Zürich 2002

DU-Themenheft: Meret Oppenheim. Kunst von Sinnen, Heft 713, Februar 2001

Meyer-Thoss, Chr.: Meret Oppenheim: Buch der Ideen. Frühe Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe für Mode, Schmuck und Design. Mit Fotografien von Heinrich Helfenstein, Bern / Berlin 1996

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat