Menashe Kadishman

»Ich will, dass mein Werk alle Sinne anspricht. Sogar die, die die Kunst vernachlässigt. Geruch, Gehör, Tastsinn. (…) Ich will keine Kunst in Großbuchstaben, mit Ordnung und Disziplin, mit »richtig und falsch«.« (Kadishman, in: Ausst.-Kat. Suermondt Ludwig Museum Aachen, 1999).

Menashe Kadishman wird 1932 in Tel Aviv geboren. Nach Studien der Bildhauerei bei Moshe Sternschuss (1947 — 50) und Rudi Lehmann (1954) geht er 1959 nach London und besucht dort die St. Martin School of Art, an der er bei Anthony Caro und Reg Butler 1960 seine Ausbildung abschließt. 1972 kehrt Kadishman nach Israel zurück.

Seine künstlerische Arbeit beginnt Kadishman Mitte der 1960er Jahre mit der Gestaltung ephemerer Installationen in öffentlichen Gärten und Parks. Anlässlich eines Skulptur-Symposiums in Montevideo entdeckt er 1969 den Baum als natürliches Gestaltungsmaterial und zugleich als einen Symbolträger jüdischer Kultur. In unterschiedlichen Arbeiten wendet er sich in der Folge der kontrastierenden seriellen Interaktion reflektierender bzw. bildhafter minimalistischer Metallelemente und organischer Pflanzenstrukturen zu. In einem Eukalyptushain installiert Kadishman gelbe Stahlbleche an die Stämme und Äste der Bäume, die das einfallende Licht tageszeitorientiert reflektieren. Die Auseinandersetzung mit dem natürlichen/ künstlichen Formenvokabular setzt er im folgenden Jahr im Zusammenhang einer Ausstellung im Jewish Museum New York mit einer ähnlichen Installation im Central Park fort.

1975 überträgt Kadishman seine konzeptuelle Arbeit in den ungestalteten Außenraum, Environments im Naturraum entstehen: Er senkt u.a. Stahlplatten mit ausgeschnittenen Baumsilhouetten ins Meer bei Caesarea. Wasser und Wellenmuster generieren die reduzierte Vorstellung eines Baumes, ein Verfahren das auch als Akt der Landgewinnung gedeutet werden kann. Ähnliche Prinzipien nutzt er in seinem Canvas Forest (1975). Nun werden ihm 6 Meter hohe graue Leinwände zur Schnitt-Vorlage. Ausgesparte Baum-Silhouetten liefern die Negative einer stets veränderlichen Evokation von Natur.

Auf der Biennale in Venedig 1978 setzt Kadishman diesen Gedanken der Werkgenese im Austausch von Natur- und Kunstprozessen fort, indem er Schafe mit blau bemaltem Rücken im Rahmen des dortigen Themas »From Nature to Art – from Art to Nature« als lebende Bilder ausstellt. Ähnlich wie Jannis Kounellis sucht er mit der Ausstellung lebender Tiere die Grenzen des Kunstbegriffes aufzuheben: »Ich will, dass mein Werk alle Sinne anspricht. Sogar die, die die Kunst vernachlässigt. Geruch, Gehör, Tastsinn. Jetzt, in Venedig, im Pavillon voller Schafe, die sich bewegen, fressen und ausscheiden, übt der Besucher all seine Sinne, denn ich zeige einen Ausschnitt des wirklichen Lebens. Ich will keine Kunst in Großbuchstaben, mit Ordnung und Disziplin, mit ›richtig und falsch‹.« (Kadishman, in: Ausst.-Kat. Suermondt Ludwig Museum Aachen, 1999). Neben dem Wunsch nach einer Verschmelzung von Kunst und Leben nutzt Kadishman überdies den alttestamentarischen Symbolgehalt des Schafes als Opfertier und Sinnbild sozialer Gemeinschaft. In Bildern und Materialassemblagen setzt er das Schaf-Motiv ein, inszeniert die zu »Herden« gruppierten Leinwandbilder als bewegliche Objekte in Ausstellungsräumen, Gärten und Friedhöfen. Stets gestaltet er diese Bild-Objekte in thematischen Serien, die er über Jahre hinweg modifiziert (Die Herde, 1995 — 99).

Seit 1977 beschäftigt Kadishman sich gleichzeitig auch mit figürlichen Skulpturen, wobei er die aufwändige Technik des Metallschnittes nun zum gestisch wirkenden Ausdruck einsetzt. Scheinbar schwerelose Umrisslinien oder silhouettenhafte Ausschnitte in dünnem Eisen- oder Messingblech, deren zeichenhafter Charakter an die Scherenschnitte von Henri Matisse erinnert, erzeugen expressiv-bewegte und meist auf wenige Akteure reduzierte Körperchiffren. Hierbei werden Opfer- und Geburtsmotive aus dem Alten Testament zur narrativen Vorlage der meist monumentalen Arbeiten (Die Geburt 1980 — 1998; Die Opferung Isaacs (1982 — 85). Auch das Motiv der Schafe tritt hier wieder auf, in gruppierten Installationen flacher Stahlblechsilhouetten, die wie schwebend auf Trägern befestigt sind (Morgenlicht (Schafe und Schafe), 1991 — 99).

Zu Kadishmans jüngeren Arbeiten zählt die Installation Shalechet (Gefallenes Laub) (1997 — 99) im Jüdischen Museum in Berlin. Hier nutzt er die Symbolkraft des ungeschlacht wirkenden Metallschnittes zur Gestaltung von Leiden und Schmerz des Holocaust: Die begehbare Bodenskulptur besteht aus über 10.000 kreisförmigen Metallscheiben, in die zeichenhaft-verkürzt aufgerissene Münder und Augen geschnitten sind.

1971/72 stellt Kadishman seine Arbeiten im Museum Haus Lange in Krefeld aus. Seine Werke sind in den Folgejahren u.a. 1979 im Israel Museum in Jerusalem und im Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg zu sehen. Es folgen weitere Einzelausstellungen u.a. in der National Gallery Bangkok und im Jahr 1997 in der National Gallery Beijing. 1999 erhält er eine umfangreiche Ausstellung im Suermondt Ludwig Museum in Aachen.

Menashe Kadishman lebt und arbeitet in Tel Aviv.

Literaturauswahl

Menashe Kadishman, Shalechet, Häupter und Opfer: Ausst.-Kat. Suermondt Ludwig Museum Aachen, Mailand 1999

Myth Transformed, Painting and Monumental Sculpture of Menashe Kadishman: Ausst.-Kat. Tel Aviv Museum, hg. v. E.F. Fry, Tel Aviv, 1987

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat