Maxim Kantor

»Alle meine Bilder – obwohl sie sehr unterschiedliche Sujets haben – bilden einen einzigen Zyklus und knüpfen aneinander an. Das sind nicht einfach nur Lebensbilder, eine Chronik des Alltags, obgleich auch ein solcher Aspekt darin steckt« (Kantor 1992). Mit einer expressiven Malweise, intensiven Farben und ausdruckstarken Figuren konzentriert sich Maxim Kantor gleichermaßen auf die Orte, an denen die totalitären Strukturen deutlich werden, wie – in der Nahansicht – auf die innere Verfassung des Menschen.

Maxim Kantor wird 1957 in Moskau geboren. 1973 beginnt Kantors Beschäftigung mit der Malerei. 1975 wird er in das Polygrafische Institut Moskau aufgenommen, bezieht sein erstes Atelier und schließt 1980 sein Studium ab. Er arbeitet als Buchillustrator, verfolgt jedoch auch eigene künstlerische Vorhaben und nimmt 1982 erstmalig an einer Ausstellung teil. 1983 wird Kantor aus Krankheitsgründen vom Wehrdienst zurückgestellt und beginnt mit dem Roman »Stacionar«.

Früh entstehen kleinformatige Ölbilder und Zeichnungen, darunter Personenstudien, Selbstbildnisse, Moskauer Straßenszenen und Bildnisse seiner Familie, von denen nur wenige einen Atelierbrand im Jahr 1975 überleben. Kantor schreibt die expressiven Zeichnungen, mit denen er sich an Delacroix und van Gogh anlehnt, aber auch die farblich verdichteten Ölarbeiten (Mann in Rot, 1977) einer ersten »romantischen Perdiode« seiner Werke zu (Kantor 1992). An diese schließen in den 80er Jahren jene Fassadenbilder, Gefängnis- oder Kasernenarchitekturen an, die der Künstler als Symbole des totalitären Staates verstanden wissen will und mit dem Konzept des »roten Hauses« zusammenbringt. Für diesen Werkabschnitt der 80er Jahre nennt er damit zugleich den Titel der 1984 gemeinsam mit seinen Kollegen Šèerbinin, Tasenjuk, Sundukov gegründeten Künstlergruppe »Karskyj dom« (»Das rote Haus«), die sich gegen konzeptuelle Ansätze der Kabakov-Nachfolge positioniert.

Ein etwa gleichzeitig entstehender Werkbereich aus den 80er Jahren konzentriert sich in ganz ähnlicher Weise auf das Thema des Totalitarismus und verfolgt im Bildnis und über die Züge des Individuums die Repressionen des Systems. Kantor sieht die Serie der Familienbildnisse als Ausdruck des Konflikts »einer Persönlichkeit, einer Figur, die einen Lebenslauf, ein eigenes Gesicht, eine Schicksal besitzt« mit »einem gesichtslosen totalen Gesellschaftsmodell, das diese Individualität zu zerdrücken sucht« (Kantor 1992). Das System steht stets wie ein bedingender und relativierender Faktor neben den Bildthemen. So erschließen sich auch die Bahn- und Bistro-Bilder (Untergrundbahn, 1984) mit ihren Beobachtungen von »Durchgangsstationen« des gesellschaftlichen Lebens, die Krankenhaus- und Lagerbilder, in denen er Extremsituationen mit christlicher Ikonografie überlagert oder auch seine düsteren bildlichen Totalitarismus-Visionen als grundlegende Analysen der eigenen Gesellschaft und des Systems: »Alle meine Bilder – obwohl sie sehr unterschiedliche Sujets haben – bilden einen einzigen Zyklus und knüpfen aneinander an. Das sind nicht einfach nur Lebensbilder, eine Chronik des Alltags, obgleich auch ein solcher Aspekt darin steckt« (Kantor 1992). Mit einer expressiven Malweise, intensiven Farben und ausdruckstarken Figuren konzentriert sich der Künstler gleichermaßen auf die Orte, an denen die totalitären Strukturen deutlich werden, wie – in der Nahansicht – auf die innere Verfassung des Menschen.

1985 verfasst Kantor sein erstes Theaterstück, verfolgt aber wie bisher neben seiner literarischen vor allem die bildkünstlerische Arbeit und nimmt an der ersten Ausstellung der Künstlerguppe »Karskyj dom« in Moskau teil. Kantor kommt mit dem deutschen Verleger, Henri Nannen, in Kontakt und besucht ihn auf seiner ersten Europareise 1988. Auf die Reise folgen 1989 ein Arbeitsstipendium in Düsseldorf und eine Reise in die USA.

Kantors Werke werden in Ausstellungen in den USA, Dänemark und Deutschland gezeigt. 1992 widmet ihm das Museum Bochum eine Retrospektive, 1995 — 96 folgen weitere Ausstellungen u.a. in Luxemburg, Berlin und Moskau. Kantor ist 1997 auf der Biennale Venedig vertreten.

Seit 1990 lebt und arbeitet Maxim Kantor in Moskau, Amsterdam, Boston, Frankfurt/M. und Berlin.

Literaturauswahl

Maxim Kantor: Ausst.-Kat. Museum Bochum 1992

Maxim Kantor, Gemälde und Radierungen: Ausst.-Kat. Schirn-Kunsthalle, Crossman Gallery, Whitewater/Wis. u.a., Frankfurt/M. 1998

Schrecken und Hoffnung, Künstler sehen Frieden und Krieg: Ausst.-Kat. Kunsthalle Hamburg, Stadtmuseum München, Staatliche Gemäldegalerie Moskau, Erimitage Leningrad, Hamburg u.a. 1987

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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