Max Ernst

Sein darstellerisches Ziel, ganz den Thesen des Surrealismus nachgeordnet, ist immer auf formale Erkenntnis des Unbewußten, Vorindividuellen und Triebhaften gerichtet. Zu seinen Lebzeiten ist er mehrfach auf der Documenta (1954, 1959, 1964) vertreten. Max Ernst erhält große Retrospektiven in den USA. Peter Schamoni dreht 1963 den Film »Max Ernst – Entdeckungsfahrten ins Unbewußte«.

Max Ernst wird am 2. April 1891 als drittes von neun Kindern in Brühl bei Bonn geboren. Sein Vater ist Taubstummenlehrer und Sonntagsmaler, der den Sohn Max auch einmal als Jesusknaben porträtiert. Der Beruf des Vaters und sein künstlerischer Dilettantismus prägen die Kunst von Max Ernst, der zunächst ab 1910 Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte an der Universität in Bonn studiert. 1912, angeregt durch die Begegnung mit August Macke, beginnt Ernst autodidaktisch, auf der Basis des Expressionismus zu malen. Er sieht in Köln Werke von Cézanne, Picasso, Munch und van Gogh und kann dort bereits 1912 seine eigenen Arbeiten zeigen.

Hans Arp begegnet Max Ernst 1913, sie bleiben lebenslang befreundet. Im August 1914 wird Ernst als Soldat eingezogen und er durchsteht den I. Weltkrieg. In diese Zeit fällt seine Begegnung mit den Berliner Dadaisten Georg Grosz und Wieland Herzfelde. Als Dadamax, dem Alter Ego für Max Ernst, gründet er zusammen mit Johannes Baargeld und Hans Arp 1919 die Kölner Dadagruppe »Zentrale W/3«. Im gleichen Jahr entdeckt Ernst Giorgio de Chiricos Pittura metafisica für sich. So erhält Ernsts Dadaismus zugleich eine surreale Ausrichtung, die sich in seinen skurrilen Collagen zeigt, in denen sich oft etwas vermeintlich Faktisches aus Technik, Natur oder Forschung zur Unsinn-Aussage verbindet. Nicht nur aus Tageszeitungen, Flugblättern und Magazinen entnimmt Ernst sein Collagematerial, er plündert auch Verkaufskataloge aller Art, Lehrbücher und illustrierte Kitschromane.

Auf Einladung von André Breton stellt Ernst 1921 erstmals in Paris aus. 1922 übersiedelt Ernst dorthin und lebt in Saint-Brice mit Gala und Paul Eluard in einermenage a trois in einem Haus zusammen, das er mit Wandbildern ausstattet, die formal und inhaltlich einen hermetischen Zyklus bilden und Ernsts Partizipation am Surrealismus belegen. Die Collagen weiterführend, entwickelt er im Laufe der 1920er und 30er Jahre in der Kunst vollkommen neue, maltechnische Prozesse, die die Darstellungsebenen subversiv vexieren. Ernst erhält durch die Frottage, dem Abrieb eines dem Blatt unterlegten, strukturierten Objekts, quasi natürliche, biomorphe aber mechanistisch erstellte Formen, die er kompositorisch akzentuiert. Diese graphische Automatisierung des Zeichnungsprozesses fasst Ernst 1926 zu seiner Histoire naturell, 34 collagierten Blätter zusammen. Mit den Grattagen überträgt Ernst seine Frottagen ins Malerische. Zwei dünnflüssige, übereinander liegende Farbschichten werden durch unterlegte Gegenstände durch schabenden, kratzenden Druck strukturiert. Wiederum entsteht so ein neues, mechanistisch erstelltes Farb- und Formmuster, das Ernst überwiegend naturräumlich, landschaftlich interpretiert. Als Liebhaber von C.D. Friedrichs weiten, menschenleeren Landschaftsräumen schafft Ernst so seine eigengesetzlich wuchernden Naturinseln, die wie die ontologische Fortschreibung der Toteninseln von Arnold Böcklin erscheinen.

Auch mit der Decalcomanie, zwei dünnflüssige Farbschichten werden hier mittels einer Glasplatte oder eines glatten Kartons gegeneinander verschoben, erzielt Ernst automatisierte Farbmuster. Er kombiniert die Decalcomanien mit Empreintevorgängen, in dem er in die nasse Farbschicht Schnüre, Kordeln oder Gewebe drückt und so eine Art negatives, spurenartiges Trompe l’œil entsteht. Letztlich experimentiert Ernst mit am Boden liegenden Leinwänden, über die er Dosen an Fäden schwenkt, die durch ein Loch Farbe auf die Leinwand tropfen. Um das Kolorit zu beeinflussen, räuchert (Fumage) Ernst mitunter seine Farboberflächen. Sein darstellerisches Ziel, ganz den Thesen des Surrealismus nachgeordnet, ist immer auf formale Erkenntnis des Unbewußten, Vorindividuellen und Triebhaften gerichtet. Neben der Malerei widmet er sich seit 1929/30 auch der Bildhauerei. Aus Dadamax ist mittlerweile Lop Lop geworden, dieses Vogelmenschwesen ist in Malerei und Skulptur das Alter Ego für den Surrealisten Max Ernst. Vielseitig talentiert veröffentlicht Ernst 1929 seinen Collage-Roman La femme 100 têtes und spielt 1930 den Räuberhauptmann im Film »L’Age d’Or« von Luis Bunuel. 1931 stellt er erstmals in New York aus und ist dort 1936 auf der Ausstellung »Fantastic Art, Dada, Surrealism« vertreten. Unterstützt von Peggy Guggenheim, emigriert Max Ernst 1941 nach mehrfacher Internierung in Frankreich in die USA. Ernst setzt sich in dieser Zeit mit den Skulpturen und Masken der Hopi-Indianer auseinander, wird in seinen landschaftlichen Kompositionen durch die Wüste Arizonas beeinflusst.

1953 kehrt Ernst nach Europa zurück und lässt sich in Frankreich nieder. Zu seinen Lebzeiten ist er mehrfach auf der Documenta (1954, 1959, 1964) vertreten. Er erhält große Retrospektiven in den USA. Peter Schamoni dreht 1963 den Film »Max Ernst – Entdeckungsfahrten ins Unbewußte«. 1971 ehrt ihn seine Geburtsstadt Brühl mit einem Max Ernst-Brunnen. 1975 reist Ernst zur Eröffnung seiner Ausstellung im Solomon Guggenheim Museum nach New York und im gleichen Jahr hat er eine große Retrospektive in Paris.

Am 1. April 1976, einen Tag vor seinem 85. Geburtstag, stirbt Max Ernst in Paris.

Literaturauswahl

Parkinson, G.: Surrealism, Art and Modern Science. Relativity, Quantum Mechanics, Epistemology, New Haven 2008

Pech, J.: Max Klinger, Max Ernst und die Prismatisierung der Wahrnehmung, in: Liebe: Max Klinger und die Folgen, Ausst.-Kat. Museum der Künste, Leipzig, hg. v. Schmidt, H.W., Bielefeld 2007

Spies, W. (Hg.): Max Ernst: im Garten der Nymphe Ancolie, Ostfildern-Ruit 2007

Hille, K.: Gefährliche Musen: Frauen um Max Ernst, Berlin 2007

In Augenhöhe: Paul Klee, frühe Werke im Blick auf Max Ernst, Ausst.-Kat. Max Ernst Museum, Brühl, hg. von Sommer, A., Köln 2006

Kavky, S.: Authorship and Identity in Max Ernst’s Loplop, in: Art History, 28, 2005

Max Ernst. A Retrospective: Ausst.-Kat. Metropolitan Museum of Art N.Y., hg. v. W. Spies, S. Rewald, New Haven 2005

Spies, W. (Hg.): Max Ernst. Leben und Werk, Köln 2005

Spies, W.: Max Ernst, Oeuvre Katalog, 6 Bde., Köln 1999

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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