Max Bill

Der Verzicht auf expressive Gestaltungsweisen zugunsten klarer Baustrukturen und Proportionen sowie einer maßvollen Synthese von Konstruktion, Material und Form werden zu Hauptkennzeichen seiner architektonischen Entwürfe. Max Bills künstlerisches Werk, das gleichermaßen die Arbeitsfelder Architektur, Kunst und Gestaltung umfasst, richtet sich von Beginn an auf grundlegende Ordnungs- und Konstruktionsprinzipen.

Max Bill wird 1908 in Winterthur geboren. 1924 — 27 macht er eine Lehre als Silberschmied an der Kunstgewerbeschule Zürich, begibt sich während dieser Zeit auf Studienreisen nach Paris und durch Italien. 1927/28 studiert Bill bei Josef Albers, Paul Klee, Lazlo Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer, vor allem bei Wassily Kandinsky am Dessauer Bauhaus, dessen theoretische Schriften einen wesentlichen Orientierungpunkt für ihn darstellen. Bill arbeitet anschließend zunächst als Architekt, später auch als Grafiker und Bildhauer, schließlich Publizist und Produktgestalter. Ab 1930 wirkt Bill am Zürcher Kabarett »Der Krater« mit, tritt dem Schweizer Werkbund bei und gehört neben Richard Paul Lohse, Verena Loewensberg und Camille Graeser zum inneren Kreis der »Züricher Konkreten«. 1933 vollendet er sein Wohn- und Atelierhaus in Zürich-Höngg, wendet sich dann aber auch ersten geometrischen Plastiken zu und orientiert sich nach Paris, wo er 1932 — 36 lebt. Hier lernt er den belgischen Maler, Bildhauer und Architekten Georges Vantongerloo kennen und schließt sich der von diesem sowie Theo van Doesburg, Antoine Pevsner, Naum Gabo und Auguste Herbin gegründeten Künstlervereinigung »Abstraction-Création« an.

1937 wird Bill Mitglied der Vereinigung moderner Schweizer Künstler »Allianz«, im Folgejahr tritt er dem »Congrès international d’architecture moderne« (CIAM) bei. Erste kunstheoretische Schriften über Kunst und Architektur, über elementare Formen, visuelle Rhythmik, Maß und Proportion entstehen – so die erste Fassung seines Textes »Konkrete Gestaltung« im Jahr 1936 oder die Schrift »Konkrete Kunst« (in: Werk, 8/1938), bevor er sich in seinen wegweisenden späteren Abhandlungen u.a. auch mit Produktdesign auseinandersetzt. 1941 gründet Bill den Allianz-Verlag, in dem er weitere Schriften publiziert. 1944 — 45 hat Bill einen Lehrauftrag für Formlehre an der Kunstgewerbeschule Zürich, 1951 ist er gemeinsam mit Inge Scholl und Otl Aicher an der Gründung der Ulmer Hochschule für Gestaltung beteiligt, deren erster Rektor er wird, und an der er ebenso Gebäude und Gebrauchsgegenstände entwirft wie ein bauhausorientiertes Ausbildungsprogramm entwickelt. Zahlreiche Reisen führen Bill in den 1950er Jahren u.a. nach Brasilien und in die USA. 1967 — 74 erhält Bill den Lehrstuhl für Umweltgestaltung an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, bekleidet in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Ämter in Kunstorganisationen und Politik.

Mit dem Schweizer Pavillon auf der Triennale di Milano 1936 übernimmt Bill einen der ersten öffentlichen Bauaufträge. Der Verzicht auf expressive Gestaltungsweisen zugunsten klarer Baustrukturen und Proportionen sowie einer maßvollen Synthese von Konstruktion, Material und Form werden zu Hauptkennzeichen seiner architektonischen Entwürfe (Hochschule für Gestaltung in Ulm, 1950 — 55; Studio- und Verwaltungsgebäude von Radio Zürich, 1964 — 74; Wohn- und Atelierhaus in Zumikon, 1967/68). Bills Interessen am funktionalen, »industrialisierten Bauen« richten sich dabei auch auf die Entwicklung und Verwendung vorgefertigter Baumodule, die er mit dem Betonvorfabrikationssystem bereits bei seinem ersten Zürcher Wohn- und Atelierhaus aufnimmt und u.a. als Chefarchitekt des Sektors »Bilden und Gestalten« auf der Landesausstellung in Lausanne (1964) mit dem Pavillonsystem – nicht nur für den Bereich der Architektur – weiterentwickelt.

Bills künstlerisches Werk, das gleichermaßen die Arbeitsfelder Architektur, Kunst und Gestaltung umfasst, richtet sich von Beginn an auf grundlegende Ordnungs- und Konstruktionsprinzipen. »konkrete kunst nennen wir jene kunstwerke, die
aufgrund ihrer ureigenen mittel und gesetzmässigkeiten – ohne äusserliche anlehnung an naturerscheinungen oder deren transformierung, also nicht durch abstraktion – entstanden sind. (…) konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem mass und gesetz. sie ordnet systeme und gibt mit künstlerischen mitteln diesen ordnungen das leben.« (Bill, Konkrete Kunst, 1936). Die Lithografie-Serie 15 Variationen über ein Thema (1938), die Bill in Henri Matisses Druckerei in Paris drucken lässt, dokumentiert im Genre der Grafik seinen ebenso systematischen wie mathematisch-logischen Zugang zum inneren und äußeren Aufbau eines Kunstwerks. Die auf einer Grundidee aufbauenden Kompositions-Variationen geometrischer Formen offenbaren methodisch ausgerichtete künstlerische Verfahrensweisen, mit denen sich der Bauhaus-Schüler im kunsttheoretisch-konkreten Diskurs der Zeit positioniert, und die er in seinem gesamten breit angelegten theoretischen und künstlerischen Werk, ebenso in Grafik und Malerei wie in Objektgestaltung, Raumkunst und Architektur verfolgt.

In den plastischen Arbeiten, die Bill in nahezu über seine gesamte Schaffenszeit reichenden Variationen entwickelt, bleibt der Bezug zu den Grundprinzipen und Variationsmöglichkeiten bestimmendes Merkmal seiner auf Objektivität zielenden Gestaltungsmethoden (Unendliche Schleife, 1935 — 53; Familie von fünf halben Kugeln, 1966). Ab 1944 erweitert Bill diese – gemäß der Überzeugung »der unterschied zwischen den täglich sich stellenden gestaltungsproblemen und den werken der malerei und plastik ist lediglich ein gradueller, nicht ein prinzipieller« (Feststellungen, 1974 — 76) – auch in den Bereich der Gebrauchsgrafik, Typografie und der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen, für die er nun »Produktformen« entwickelt. Zu seinen Produktentwürfen zählen u.a. die Patria-Schreibmaschine (1944), der in Varianten entwickelte dreibeinstuhl (1949), die Junghans Küchenuhr (1951) oder der aus wenigen Einzelelementen gebaute ulmer hocker – hocker für zwei sitzhöhen, den Bill 1954 mit Hans Gugelot an der Ulmer Hochschule für Gestaltung als Mehrzweckmöbel entwift.

Seit den 1940er Jahren beteiligt sich Bill an zahlreichen Ausstellungen (»Konkrete Kunst«, 1947; »Die gute Form«, 1949; Werkbundausstellung Köln, 1949), die seine Arbeiten international bekannt machen. 1951 nimmt er an der Biennale in São Paulo teil, 1955, 1959 und 1964 ist er auf der Documenta I-III, 1971 auf der Plastik Biennale in Budapest vertreten. 1974 wandert eine große Einzelausstellung Bills durch die USA. Vielfach werden Bills Arbeiten seitdem in Ausstellungen gezeigt, von denen nur auf einige wenige Ausstellungen in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt (1987), in der Kunsthalle Bielefeld (1989) oder den Ausstellungen anlässlich Bills 100. Geburtstag 2008 im MARTa Herford Museum und dem Kunstmuseum Winterthur verwiesen sei.

Max Bill stirbt am 9.12.1994 in Berlin.

Literaturauswahl

Max Bill: Ohne Anfang ohne Ende. Eine Retrospektive zum 100. Geburtstag: Ausst.-Kat. MARTa Herford Museum, Zürich 2008

Thomas, A.: Mit subversivem Glanz. Max Bill und seine Zeit, Bd. 1, 1908 — 1939, Zürich 2008

Max Bill. Aspekte seines Werks: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Winterthur und Gewerbemuseum Winterthur, Sulgen 2008

Bill, J. (Hg.): Max Bill. Funktion und Funktionalismus: Schriften 1945 — 1988, Bern 2008

Bill, J.: Max Bill am Bauhaus, Bern 2008

Max Bill. Typografie, Reklame, Buchgestaltung: Ausst.-Kat. Kunsthalle Bielefeld u.a., Bielefeld 1998

Rüegg, A.: Das Atelierhaus Max Bill 1932/33, Heiden 1997

Bill, A. u. Th.: Max Bill. Die Grafischen Reihen, Osterfildern-Ruit 1995

Max Bill Retrospektive – Skulpturen, Gemälde, Graphik 1928 — 1987: Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle, Frankfurt/M. 1987

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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