Max Beckmann

Seine Bildnisse kommen schauspielerischen Inszenierungen mit zahlreichen psychologisierenden Varianten gleich. Kolorit wie die Gesamtkomposition und die Positionierung der einzelnen Figuren machen die menschliche Schmerz-, Qual- und Leidenssituation, ein Geworfensein zwischen Leben und Tod ausdrucksstark deutlich.

Max Beckmann wird am 12. Februar 1884 in Leipzig geboren. Die Kindheit verbringt Beckmann teils im pommerschen Falkenberg, teils in Braunschweig. Als 16-Jähriger besteht er 1900 die Aufnahmeprüfung an der Großherzoglichen Kunstschule in Weimar. Die Entscheidung für eine Ausbildung zum Maler fällt gegen den Willen der Familie. In Weimar besucht Beckmann die Klasse des norwegischen Landschaftsmalers und Porträtisten Carl Frithjof Smith, den er lebenslang als seinen einzigen Lehrer bezeichnet und dessen starke Konturierung er übernimmt. Das Studium beschließt Beckmann 1903. Zwischenzeitlich lernt er die Mitstudentin Minna Tube kennen, die er später heiratet, zugleich entsteht die Freundschaft zum Maler Ugi Battenberg und dessen Frau. Das erste gemalte Selbstbildnis entsteht bereits 1897, 1901 setzen Beckmanns Radierungen mit dem Selbstbildnis mit aufgerissenem Mund ein. Die Bildnisse kommen schauspielerischen Selbstinszenierungen mit zahlreichen psychologisierenden Varianten gleich. In den Jahren an der Weimarer Kunstschule entstehen überwiegend Landschaften und erste Strandmotive.

Nach seinem Abschluss reist Beckmann nach Paris und setzt sich dort v.a. mit dem Werk Cézannes auseinander, doch auch der Pointillismus interessiert ihn. Im gleichen Jahr besucht er Amsterdam, wo er Rembrandt, Terborch, Frans Hals und Vermeer im Original studiert. 1904 will Beckmann nach Italien, reist aber nur bis Genf, wo er Ferdinand Hodler trifft, mit dem er die damalige Maltechnik und die an Marées orientierte Aktdarstellung gemeinsam hat. Beckmann sieht in Colmar den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, dessen Farb- und Ausdrucksexpressivität ihm nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Gleichzeitig rezipiert er den aktuellen Jugendstil und den modernen Japonismus. Beide Einflüsse sind jedoch deutlich durch die Cézanne-Rezeption überlagert. Dies zeigen vor allem die frühen See- und Waldmotive. Beckmann lässt sich nun in Berlin-Schöneberg nieder, dort arbeiten zu dieser Zeit auch Künstler wie der alte Adolph Menzel, Max Liebermann und Lovis Corinth, dessen Malschule Minna Tube besucht. 1906 ist ein ereignisreiches Jahr für Beckmann: seine Mutter stirbt, er reagiert mit zwei Todesszenen, die das Werk Edvard Munchs zum Vorbild haben. Er erhält den »Ehrenpreis des Deutschen Künstlerbundes« für seine 1905 entstandene Komposition Junge Männer am Meer, dieser Preis ist mit einem Stipendium für die Villa Romana in Florenz verbunden, das er nach seiner Parisreise antritt.

Auch in Florenz entsteht 1907 ein kraftvolles Selbstporträt, das Beckmann im Alter von 23 Jahren bereits als Maler-Gentleman in frontaler Halbfigur mit schwarzem Anzug, weißem Vatermörder und lässiger Zigarette in seiner Rechten zeigt: Selbstbewusstsein, stilvolle Eleganz und Bestimmtheit prägen seinen Ausdruck. Zugleich buchstabiert er Themen seiner Malerei: das Stillleben (auf der Fensterbank) und die toskanische Landschaft mit einem angeschnittenen Blick auf die Dächer von Florenz. Zurück in Berlin, beziehen die Beckmanns das gemeinsam entworfene Atelierhaus in Berlin-Hermsdorf. In großformatigen, vielfigurigen Kompositionen wie Die Schlacht schafft Beckmann die ihm eigenen Katastrophen-Historien, zu denen die Sintflut von 1908, Szenen aus dem Untergang von Messina von 1909, die Amazonenschlacht von 1911 und letztlich der Untergang der Titanic des gleichen Jahres gehören. Auch biblische Historienbilder entstehen in diesen Jahren: Beweinung von 1908, Kreuzigung Christi und die Auferstehung, beide 1909 sowie die Kreuztragung von 1911. Diese vielfigurigen Kompositionen zeigen Beckmanns Kunst in der Auseinandersetzung mit Vorbildern von u.a. Tizian, Rubens und Rembrandt. Auch die religiösen Motive bei Adolph Menzel und Max Klinger zeigen Einfluss. Das Kolorit ist überwiegend fahl Braun mit schwarz durchmischten Grün- und Blautönen, ein sattes Rot setzt thematische Akzente. Auch dieses Kolorit wie die Gesamtkomposition und die Positionierung der einzelnen Figuren machen die menschliche Schmerz-, Qual- und Leidenssituation, ein Geworfensein zwischen Leben und Tod ausdrucksstark deutlich.

Auch Beckmanns Formen lasten wie erdenschwer auf der Leinwand. Sein Farbauftrag ist mehrfach geschichtet, der Pinselduktus übernimmt die mimetische Funktion der Maloberfläche. Bis 1914 erweitert er sein Motivrepertoire um Großstadtszenen, Stadtlandschaften, Gesellschaftsporträts, Stillleben und Motive zeitgemäßer Sportarten wie Radrennen und Ringkämpfe. Er experimentiert erkennbar mit dem Verhältnis von Figur zur Fläche. Die Figuren werden innerhalb des Formats größer und teilweise von den Bildrändern überschnitten und so regelrecht in der Bildfläche verspannt. Auch sein graphisches Werk verdichtet sich. Zugleich widmet er sich der Literatur, der Philosophie und der klassischen Musik, später auch dem Jazz. Im Jahr 1909 nimmt er zu seiner Kunst Stellung: »mein Herz schlägt nach einer rohen, gewöhnlicheren, vulgäreren Kunst, die nicht verträumte Märchenstimmungen lebt zwischen Poesien, sondern dem Furchtbaren, Gemeinen, Großartigen, Gewöhnlichen, Grotesk-banalen im Leben direkten Eingang gewährt. Eine Kunst die uns im Realsten des Lebens immer unmittelbar gegenwärtig sein kann.« (zit. n: Osterwold (Hg.), Max Beckmann. Traum des Lebens, Ostfildern 2006, 119). Hier nimmt Beckmann als Existenzialist zu seiner existenziell fundierten Malerei Stellung. Lebenslang ringt um Worte, die seiner Kunst sprachlich folgen. Zeugnis davon ist sein Briefwechsel, Aufsätze wie einzelne Stellungsnahmen. Obwohl 1910 kurz Vorstand der Berliner Sezession bleibt Beckmann allen zeitgleichen Künstlergruppierungen fern, distanziert sich in manchen Fällen deutlich von einzelnen künstlerischen Positionen (Franz Marc). Er pflegt gesellschaftlichen Umgang mit seinem Berliner Galeristen Israel Ber Neumann und dem Verleger Reinhard Piper. Die Einzelausstellung in der Galerie von Paul Cassirer 1913 zeugt von seinen ersten Erfolgen.

Bei Kriegsausbruch 1914 meldet sich Beckmann als Freiwilliger zum Sanitätsdienst. Anfangs optimistisch (»meine Kunst kriegt hier zu fressen«), bricht er 1915 physisch und psychisch zusammen. Er siedelt mit Familie nach Frankfurt a.M. über, erneut dort den freundschaftlichen Kontakt zu den Battenbergs. Seine Kunst ändert sich nun völlig. Die Formate werden zunächst kleiner, Figur und Raum werden deformiert, der Kontur, besonders in Handzeichnung und Druckgraphik reißt nervös auf, wird eckig gebrochen und wie ungelenk geführt. Die Figuren, auch in seinen Selbstporträts erscheinen wie zynische Homunkuli unter dem Alb der Todesangst. In den Frankfurter Jahren werden seine Motive und Themen mystischer, mythischer und psychologisierend-traumhaft, transzendenter. Jetzt erst entsteht der eigentliche Circus Beckmann oder das Welttheater des Max Beckmann natürlich mit ihm als spiritus rector. Die gesamte Welt des Varietés und des Zirkus liefern Bildmotive, die mit der Beckmannschen Symbolik für Männliches (Fisch, Blasinstrumente, Clownskartätschen, Zigaretten, Zigarren und verschiedenste Kopfbedeckungen) und Weibliches (Schminke, Haarpracht, Dekolletés, Netzstrümpfe, enge, kurze Röcke und pralle Oberteile) in beengten, oft nachtdunklen Räumen inszeniert werden.

Beckmann verfasst 1920 ein Drama Das Hotel und 1923 die Komödie Ebbi, als reiche seine anschauliche Bildwelt für seine Erzählmanie nicht aus. Letztlich erreicht er durch seine private Entscheidung sich von Minna Tube zu trennen und 1925 Mathilde, Quappi von Kaulbach zu heiraten wieder eine gewisse Stabilisierung. Im gleichen Jahr erhält er den Ruf als Professor für Malerei an die Städel-Schule in Frankfurt. Ende der 20er Jahre stellen sich weitere Erfolge ein, die er 1927 mit seinem Selbstbildnis mit Smoking dokumetiert: 1928 zeigt Mannheim eine große Beckmann-Retrospektive, er erhält den »Reichsehrenpreis Deutscher Kunst«. Beckmann und Quappi führen nun europaweit ein mondän-elegantes Leben. 1929 bis 1932 sind sie mehrere Monate im Pariser Atelier, bereisen die Cotê Azur und immer wieder Italien, kuren in Baden-Baden. Wieder setzten die politischen Umstände eine Zäsur: 1933 wird Beckmann aus seiner Professur entlassen, er geht zunächst nach Berlin zurück, als er jedoch als »entartet« gebrandmarkt wird, geht die Familie nach Amsterdam ins Exil. Dort entsteht das erste von zehn Triptychen Beckmanns, das bezeichnenderweise den Titel Departure / Abreise trägt. In Amsterdam lebt Beckmann zurückgezogen, seine Privatsymbolik wird immer kryptischer. Thematischer Kern bleibt jedoch der bedrohte Mensch in einer apokalyptischen Welt.

1947 erhalten die Beckmanns Visa für die USA. Noch im gleichen Jahr tritt der Künstler eine Professur für Malerei an der Washington University in St. Louis an, hat dort 1948 eine große Retrospektive. Seit Ende 1949 hält er eine Professur an der Kunstschule des New Yorker Brooklyn Museums und die Beckmanns nehmen in New York wieder ihren gewohnten mondänen Lebensstil auf.

Am 27. Dezember 1950 stirbt Max Beckmann in New York.

Literaturauswahl

Schneede, U.M.: Max Beckmann. Der Maler seiner Zeit, München 2009

Reimertz, St.: Max Beckmann, Reinbek 1995, 5. Aufl. 2009

Max Beckmann. Exil in Amsterdam: Ausst.-Kat. Pinakothek der Moderne, hg. v. Ch. Lenz, Ostfildern 2007

Max Beckmann. Traum des Lebens: Ausst.-Kat. Zentrum Paul Klee Bern, hg. v. T. Osterwold, Ostfildern 2006

Spieler, R.: Max Beckmann 1884 — 1950. Der Weg zum Mythos, Köln 1994

Max Beckmann, Selbstbildnisse: Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle u.a.O., Ostfildern 1993

Max Beckmann, Frankfurt 1915 — 1933. Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut, Frankfurt/M. 1983

Max Beckmann. Die frühen Bilder: Ausst.-Kat. Bielefeld, hg. v. U. Weisner, K. Gallwitz, Frankfurt/M./ Bielefeld 1982

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat