Mario Merz

Kritik an den natur- und menschenfernen Interessen von Industrialisierung und Kapitalismus äußert sich besonders in Merz’ Iglus, die ab 1968 zu seinen Haupt-Motiven zählen. Sie werden als einfache Behausungsformen über einem verkleideten Metallskelett entwickelt. In ihnen findet Merz einen scheinbar zivilisationsfernen Prototyp, der den Gegensatz natürlicher und kulturell entwickelter Gestaltungszusammenhänge vor Augen führt.

Mario Merz wird 1925 in Mailand geboren. Er nimmt zunächst das Studium der Medizin auf. Während des Zweiten Weltkrieges wird er Mitglied der antifaschistischen Widerstandsgruppe »Giustizia e Libertà«. Seiner Verhaftung im Jahr 1945 folgt eine Zeit der Inhaftierung, in der erste Zeichnungen entstehen. Zwischen 1946 und 1949 unternimmt Merz Reisen nach Rom und Paris. 1950 beginnt er mit der Ölmalerei. Eine erste Ausstellung in der Galleria La Bussola in Turin zeigt Bilder, deren organische Metaphorik sich in abstrakter informeller Gestaltung äußert (Seme nel vento, 1953, Albero, 1953). Die Werkgruppe der Spiralbilder, die zwischen 1960 und 1965 entsteht, schließt sich an.

Ab 1966 erweitert Merz die Realitätsebene seiner Bilder: Objekte und ihre alltäglichen Ausdrucksformen geraten als Kulturträger sowie mögliche Sinnbilder von Natur in den Fokus. Insbesondere Neonröhren und Neonbeschriftungen, die auch der us-amerikanische Kollege Dan Flavin ab 1963 einsetzt, werden Merz zu sichtbaren Zeichen energiehafter Prozesse. Die Leuchtstäbe durchbohren Leinwände, Flaschen, Schirme und Regenmäntel. Merz wendet sich jedoch ebenso einfachen Naturmaterialien wie Reisig, Erde, Steine zu, deren werkhafte Formung und Speicherqualitäten er in Akten des Schichtens, Bündelns, Flechtens und Legens zum Ausdruck bringt. Diese elementaren Handlungen reproduziert Merz als künstlerische Werkprozesse, die den einfachsten Zusammenhang von Natur und Kultur erzeugen. Ab 1967 tritt Merz gemeinsam mit einer Gruppe von Künstlern auf, der u.a. auch Giovanni Anselmo, Jannis Kounellis und Giuseppe Penone angehören und die von Germano Celant mit der Bezeichnung »Arte Povera« belegt wird. Ebenso die Ablehnung etablierter Kunstgattungen wie eine besondere Sensibilität für Materialien und ihre schlichte, oftmals handwerksorientierte Gestaltung zeichnet diese in besonderer Weise aus.

Kritik an den natur- und menschenfernen Interessen von Industrialisierung und Kapitalismus äußert sich besonders in Merz’ Iglus, die ab 1968 zu seinen Haupt-Motiven zählen. Sie werden als einfache Behausungsformen über einem verkleideten Metallskelett entwickelt. In ihnen findet Merz einen scheinbar zivilisationsfernen Prototyp, der den Gegensatz natürlicher und kulturell entwickelter Gestaltungszusammenhänge vor Augen führt. Zu den Deckmaterialien der Iglus gehören Ton, Wachs, Schlamm und Zweige. Oftmals tragen sie politische Botschaften oder sind mit literarischen Zitaten in Neon beschriftet. Merz nimmt nun und in den Folgejahren an zahlreichen Ausstellung der Arte Povera und Minimal Art teil, u.a. an der bekannten, von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung der Kunsthalle Bern »When Attitude becomes Form« von 1968.

Ab 1970 setzt Merz die mathematische Reihe der Fibonacci-Zahlen in Zahlen- und Spiralanordnungen als Ordnungsmetapher seiner Werke ein. Die symbolische Überhöhung intendiert die Offenlegung mathematischer Muster in »natürlichen« Grundstrukturen. 1972 nimmt Merz an der Documenta 5 teil und stellt auch in den folgenden Jahren kontinuierlich dort aus. Gegen Ende der siebziger Jahre kehrt er zur Malerei zurück. Es entstehen u.a. mit Ninfee von 1978 komplexe Assemblagen mit expressiv-gestischem und figürlichem Formenrepertoire.

Mario Merz stirbt 2003 in Turin, wo er zeitlebens wohnte und arbeitete.

Literaturauswahl

Ducros, Françoise: Mario Merz, Paris 1999

Glas, Anke: »Ikonographie des Bewusststeins«. Zu den Motiven Natur und Kultur bei Mario Merz, Diss. München 1998

Mario Merz: Ausst.-Kat., Galleria Civica d’Arte Contemporanea Trient, hg. v. Danilo Eccher, Turin 1995

Mario Merz: Ausst.-Kat. Solomon R. Guggenheim Museum, hg. v. Germano Celant, New York 1989

Mario Merz: Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 2 Bde., hg. v. Harald Szeemann u.a., Zürich 1985

Mario Merz: Ausst.-Kat. Museum Folkwang Essen u.a. hg. v. Zdenek Felix u. Germano Celant, Essen 1979

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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