Marina Abramovic

Kern ihres Kunstausdrucks ist die Performance. Erotik, der Ich- und Wirkonflikt, körperliche Gewalt und Ekstasen sind ihre Themen. In der Überschreitung körperlicher Grenzen, in der Selbstverletzung, dem Ritzen und Peitschen, sieht die Künstlerin Marina Abramovic eine Möglichkeit, sich von elementaren Ängsten zu befreien und zu einer geistigen Erweiterung, aber auch einem erweiterten körperlichen Bewusstseinszustand zu gelangen.

Marina Abramovic wird 1946 in Belgrad im ehemaligen Jugoslawien geboren. Ihre Eltern beziehen als Partisanen politisch Stellung. In den Jahren 1969 bis 1965 arbeitet Abramovic an Zeichnungen und Gemälden, an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad studiert sie ab 1965 Malerei. Ab 1968, mit den studentischen Revolten in Paris und Berlin und bis zu ihrem Studienende in Belgrad 1970 entstehen bereits handlungsbezogene Projekte, Texte und nach wie vor Zeichnungen. Abramovic setzt ihr Studium als Postgraduierte bis 1972 in Zagreb fort.
Dort experimentiert sie mit Klanginstallationen und nimmt an ihrer ersten Gruppenausstellung teil. In den Jahren 1973 bis 1975 unterrichtet sie an der Akademie der Bildenden Künste in Novi Sad.

Bereits 1971, als Marina Abramovic an einem Projekt von Hermann Nitsch teilnimmt, trifft sie den Fotografen und Künstler Ulay (F. Uwe Laysiepen, geb. 1943 in Solingen). Mit ihm tritt sie im gleichen Jahr in drastischen Performances auf, die auf Video festgehalten, gefilmt oder durch Standfotografien dokumentiert werden. Abramovic nimmt dabei auch bisweilen die abgründige Aktion ihres Publikums in Kauf, das im Rahmen der von ihr akribisch vorbereiteten und mit Requisiten bestückten Performances zur Bedrohung, ja zum Täter werden kann (Neapel 1974).
Bis in das Jahr ihrer Trennung – 1989 – thematisieren Marina Abramovic/Ulay alle Facetten einer Paarbeziehung. Es entstehen 80 Performances zu dieser Zweierbeziehung, die das Intime zum öffentlichen Akt machen. Erotik, der Ich- und Wirkonflikt, körperliche Gewalt und Ekstasen sind ihre Themen. Mit der Aktion The Great Wall Walk , die sie vom 30. April bis zum 22. Juni 1989 entlang der chinesischen Mauer ausführen, beenden Abramovic und Ulay ihre gemeinsame, künstlerische Arbeit wie auch ihre private Beziehung.

Die Performance, der kalkulierte, choreografierte Auftritt der Künstlerin in Zeit und Raum, der Abramovic oft an physische und psychische Grenzen bringt, diese Radikalveröffentlichung privaten Seins bleibt Kern ihres Kunstausdrucks. In der Überschreitung körperlicher Grenzen, in der Selbstverletzung, dem Ritzen und Peitschen, sieht die Künstlerin eine Möglichkeit, sich von elementaren Ängsten zu befreien und zu einer geistigen Erweiterung, aber auch einem erweiterten körperlichen Bewusstseinszustand zu gelangen. Mit der Performance Balcan Baroque und dem begleitenden Video Cleaning the House auf der 47. Biennale in Venedig quält sich Abramovic drei Nachmittage lang vor dem Publikum durch Berge tierischer Knochen, frischen Schlachtabfällen. Mit Wasser und einer Bürste reinigt sie die Knochen von Blut- und Fleischresten und gekappten Sehnen. Im weißen Kleid, das bald nass und blutig verfärbt ist und belästigt durch den süßlichen Gestank der Verwesung, erleidet Abramovic – wie eine Madonna auf einem Schemel im Berg der Knochen thronend – stellvertretend für ihre kriegsbelasteten Landsleute das Greuel des Schlachtens, des Sterbens und des Vergänglichen. Sie ist da eine wahre »Johanna der Schlachthöfe«. Das dazu eingespielte Video Cleaning the House kommentiert pseudopatriotisch die freiwillige Selbstqual der Künstlerin. Abramovic erhält für diese Arbeit den Goldene Löwen dieser Biennale.

Nach der Trennung von Ulay werden für Abramovic neben den Performances auch Halbedelsteine und deren mystisches Wirkfeld, ethnographische Fundstücke und ihr ritueller Zusammenhang und generell universalreligiöse Aspekte wichtig. Diese Relikte menschlicher Welt- und Heilsorientierung präsentiert sie sorgsam in Archivschränken und erstellt so ein weltumspannendes Seinsgedächtnis. Bereits 1971 mit Nitschs Rinderblutmalerei konfrontiert, greift Abramovic nun zu Schweineblut als Malmittel.

Immer wieder ist Abramovic in der Lehre tätig: 1990/91 hat sie eine Gastprofessur an der Académie des Beaux-Arts in Paris; 1992 — 96 lehrt sie an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und 1997 bis 2004 erfüllte sie die Professur für Performance an der Hochschule für Bildende Kunst in Braunschweig. Mittlerweile ist New York ihr Lebensmittelpunkt. Mit ihrer einmaligen Theateraufführung »The Biography«, die ihre Ausstellung »Public Body – Artist Body« im Kunstverein Hannover im Januar 2000 begleitet, zeigt Abramovic wie radikal sie sich dem Publikum öffnet und wie kompromiss- und distanzlos sie ihre Persönlichkeit zum Kunstwerk zu transformiert.

Marina Abramovic lebt und arbeitet in New York und Amsterdam.

Literaturauswahl

Bippus, E. (Hg.): Künstler in der Lehre, Abramovic, M.: About learning, Hamburg 2007

Abramovic, M. und Maranzano, A.: 7 easy pieces, Milano 2007

Abramovic, M, und Bulgari A. (Phot.): The biography of biographies, Milano 2004

Abramovic, M.: Student Body: Workshops 1979 — 2003, Performances 1973 — 2003, Milano 2003

Ulay – Abramovic, performances 1976 — 1988: Ausst.-Kat. Stedelijk Van Abbemuseum, Eindhoven 1997

 

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

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