Marcel Broodthaers

Er beginnt eine höchst eigenwillige künstlerische Produktion, die von konzeptuellen Überlegungen getragen ist. Im Werk von Marcel Broodthaers entstehen Arbeiten, die stets die Grenzen von künstlerischem Objekt und Alltagsgegenstand, die ästhetische Definitionsmacht von Museen, Galerien und Kunstkritik und vor allem die gesellschaftliche Praxis des Kunstbetriebes ausloten.

Marcel Broodthaers wird 1924 in Brüssel geboren. Sein frühes Engagement als Poet und Autor führt ihn mit René Magritte zusammen, den er bereits um 1940 kennenlernt. Bald findet er auch zur Gruppe der belgischen Surrealisten (Groupe Surréaliste révolutionaire). Erste Gedichte Broodthaers erscheinen im Jahr 1945, sie orientieren sich an Sprache und Motiven des Symbolismus und des Surrealismus. Diese Nähe unterstreicht der Autor selbst mit seiner Unterschrift unter das Manifest der belgischen Surrealisten von 1947.

Mit seiner ersten filmischen Arbeit stellt sich Broodthaers in die Tradition des deutschen Dada (»La Clef de l’Horloge – Un poème cinématographique en l’honneur de Kurt Schwitters«, 1957). Von 1962 bis 1963 lebt Broodthaers in Paris und arbeitet dort als freier Journalist. Mit Unterbrechungen lebt er dort auch in den folgenden Jahren, gerät nun zunehmend in den Einfluss künstlerischer Praxis. So lernt er u.a. den Künstlerkreis um den Nouveau Réalisme kennen, schreibt ab 1964 Ausstellungsrezensionen. Er beginnt schließlich eine höchst eigenwillige künstlerische Produktion, die von konzeptuellen Überlegungen getragen ist. Der Akt, eine Restauflage seines letzten Gedichtbandes »Pense Bête« einzugipsen und als Skulptur in der Galerie Saint-Laurent auszustellen, markiert im Jahr 1964 den Beginn seiner bild-künstlerischen Laufbahn. In der Folge entsteht eine Reihe von Arbeiten, die stets die Grenzen von künstlerischem Objekt und Alltagsgegenstand, die ästhetische Definitionsmacht von Museen, Galerien und Kunstkritik und vor allem die gesellschaftliche Praxis des Kunstbetriebes ausloten. Dabei nimmt der Zusammenhang von Wort und Bild, das ursprüngliche Anliegen seines Vorbildes René Magritte, entscheidenden Raum ein.

In seinen frühen Objekten von 1965 bis 1966 widmet Broodthaers sich vor allem den Kunstrichtungen Pop Art und Nouveau Réalisme. In diesem Zusammenhang stellt er auch 1965 erste Objekte unter dem Titel »Nationale Académie: Une Leçon de National Pop Art« in der Galerie Aujourd’hui aus, die dem Palais des Beaux-Arts in Brüssel angegliedert ist. Broodthaers sieht in der Pop Art Nachfahren des Surrealismus und versteht Magritte als deren wichtigsten Ideengeber. Seine Objekte fasst er als Darstellungen belgischer Alltags- und Lebenskunst, vergleichbar den Brillo-Boxes von Andy Warhol. Beliebte Elemente werden Eier- und Muschelschalen, die er in üppigen Assemblagen zu Bildern oder skulpturalen Gegenständen fügt (Un vase contenant des œufs, 1965; Toile noire avec des œufs blancs 1965 — 66; Moules Sauce Blanche 1966). Im Kontext der Wide White Space Gallery in Antwerpen findet Broodthaers 1967 erstmals Kontakt zu den Aktionen von Fluxus. Hier lernt er auch Joseph Beuys kennen, dessen gesellschaftskritische künstlerische Auffassung er ähnlich wie die befreundeten Künstler Robert Filliou und George Brecht teilt. Im selben Jahr erhält Broodthaers die große Einzelausstellung »Court Circuit« im Palais des Beaux-Arts in Brüssel. Er reflektiert mit der fotografischen Darstellung seiner Objekte die Verdoppelung der Kunst im Akt der medialen Vermittlung. Wieder beruft er sich auf Magritte und dessen Auseinandersetzung mit der Uneinholbarkeit der Realität im Bild: Wörter und Bilder gehören getrennten Wahrnehmunsgsystemen an, die stets nur als Stellvertreter auf eine Realität verweisen, diese jedoch nie selbst verkörpern können (Magritte, 1967). Broodthaers verfolgt diese Thematik in zahlreichen Collagen, Fotoarbeiten und Künstlerbüchern auch in den folgenden Jahren, so in der Ausstellung »Le Corbeau et le Renard« (1968).
Die Frage nach dem sozialen Gehalt medialer Vermittlung bringt Broodthaers – anders als Magritte – auch zur Reflexion über das Museum als einer öffentlichen Einrichtung. Welche Wege beschreitet das Museum, um seine Exponate überzeugend zu vermitteln, welche Vorstellungen und angebliche Wahrheiten werden hier erzeugt? Diese insbesondere um 1968 aktuellen Fragen beantwortet Broodthaers mit der Gründung eines eigenen (fiktiven) »Adler-Museums« (Musée d’Art Moderne, Département des Aigles, Section XIXe) in seiner Brüsseler Wohnung. Mit großem zeremoniellem Aufwand, offenen Briefen und Pamphleten begleitet er seine subversive Aktion, die 1972 nochmals eine Erweiterung in Düsseldorf erfährt, wo er ab 1970 wohnt, und die schließlich auf der Documenta 5 in Kassel präsentiert wird.

In der Folge widmet Broodthaers sich erneut der Thematik von Wort und Bild. Rebusartige Schriftbilder (Architect, 1973; Goya 1974) entstehen, die mit neunteiligen seriellen Entwürfen, den sogen. Peintures Littéraires von 1972/73 ihren Ausgang nehmen. Ebenso arbeitet er weiter an Objekten und Rauminstallationen. Überdies widmet Broodthaers sich nun in besonderem Maße auch dem Film, einem Medium das bereits frühe Ausstellungen begleitet (»Le Corbeau et le Renard«, 1967; »Un film de Ch. Baudelaire«, 1970; »Berlin oder ein Traum mit Sahne«, 1974;» La Bataille de Waterloo«, 1975).

Von 1974 bis 1976 ist Broodthaers in zahlreichen Museumsausstellungen vertreten. 1972 und 1974 im Palais des Beaux-Arts in Brüssel, 1972 ebenfalls in der Städtischen Kunsthalle in Düsseldorf, 1974 im Kunstmuseum Basel, 1975 in der Nationalgalerie in Berlin und im Centre Georges Pompidou in Paris und 1976 im Institute of Contemporary Arts in London.

Marcel Broodthaers stirbt 1976 in Köln. Posthum werden seine Werke u.a. 1995 in einer großen Ausstellung im Musée National d’Art moderne, Centre Georges Pompidou und 2003 in der Kunsthalle Wien gezeigt.

Literaturauswahl:

Marcel Broodthaers. Poétique politique, Ausst.-Kat. Kunsthalle, Wien 2003

Zwirner, Dorothea: Marcel Broodthaers. Die Bilder, die Worte, die Dinge, Köln 1997

Marcel Broodthaers. Editionen, Grafik und Bücher: Ausst.-Kat. Städtische Galerie, Göppingen 1996

Marcel Broodthaers. Conférences: Ausst.-Kat. Musée National d’Art moderne, Centre Georges Pompidou, hg. v. B. Buchloh, Paris 1995

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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