Man Ray

Die Idee zu den Ready-mades und Assemblagen, der ständigen mechanischen Wiederholung und Reproduktion wurzelt im modernen »Maschinenglauben« der Zeit, dem die Künstler im Umfeld von Futurismus, Dada und Surrealismus verpflichtet sind. Auch dem Medium der Fotografie, das neben dokumentarischen auch neue künstlerische Darstellungsmöglichkeiten jenseits der traditionellen künstlerischen Gattungen eröffnet, wendet sich Man Ray zu.

Ray Man wird 1890 als Michael Rudnitzky in Philadelphia/ Pennsylvania geboren. Die Schulzeit verbringt er mit seiner Familie in Brooklyn. Nach erstem technischem Zeichenunterricht beginnt er 1908 ein Kunststudium an der National Academy of Design und der Art Students League in New York, beendet es jedoch bald wieder. 1911 setzt er sein Studium an der Modern School of New Yorks Ferrer Center fort. Unter dem Namen »Man Ray« arbeitet er anschließend als Kalligraph und Landkartenzeichner für einen Verlag in Manhattan und nimmt am Kunst- und Ausstellungsgeschehen in der Stadt teil. Seine Interessen gelten jedoch vor allem der europäischen Gegenwartskunst, die in Museen und Ausstellungen präsent ist und an der sich Man Rays frühe Bilder stark ausrichten. 1913 zieht er in eine Künstlerkolonie in Ridgefield/ New Jersey, wo er der belgischen Dichterin Adon Lacroix, seiner späteren Frau, begegnet. Hier entstehen 1915 auch erste dadaistische Texte. Man Rays erste Einzelausstellung in der New Yorker Daniel Gallery bringen ihn auch mit Marcel Duchamp zusammen, dessen Arbeit ihn auch weiterhin stark beeinflusst.

Man Rays frühe technische Interessen spiegeln sich in den absurden Maschinen wider, die er seit 1915 aus Alltagsgegenständen baut und mit oft ironisch-hintersinnigen Titeln versieht. Die Idee zu den Ready-mades und Assemblagen, der ständigen mechanischen Wiederholung und Reproduktion wurzelt im modernen »Maschinenglauben« der Zeit, dem die Künstler im Umfeld von Futurismus, Dada und Surrealismus verpflichtet sind. Auch dem Medium der Fotografie, das neben dokumentarischen auch neue künstlerische Darstellungsmöglichkeiten jenseits der traditionellen künstlerischen Gattungen eröffnet, wendet sich Man Ray zu. Zunächst entstehen Fotogramme, kameralose direkte Belichtungen lichtempfindlicher Träger, über deren Veröffentlichung Man Ray zunehmend bekannt wird. Die Unmittelbarkeit des automatischen Verfahrens der Bildgewinnung in den von ihm so benannten »Rayogrammen« beeindruckt ihn ebenso wie die Möglichkeiten des Objektarrangements.

Erste Objekte Man Rays entstehen etwa zeitgleich seit den ausgehenden 1910er Jahren. Unter dem Titel Man und Woman formiert er 1918 beispielsweise zwei Objekte aus Alltagsgegenständen, die er zu hintersinnigen Geschlechterstereotypen umdeutet. Auch mit dem auf ähnliche Weise zweckentfremdeten Cadeau(Geschenk für Eric Satie), jenem bekannten, durch eine Reißnagelreihe auf der Unterseite unbrauchbar gemachten Bügeleisen aus dem Jahr 1921 hält er an den Objektumdeutungen, Neukontextualisierungen und Objekttransformationen fest. Bisweilen animieren ihn dazu auch literarische Vorlagen (The Riddle / The Enigma of Isidore Ducasse, 1920).

1920 gründet Man Ray mit Marcel Duchamp und Katherine Dreier zur Förderung moderner Kunst in Amerika die »Société Anonyme Inc.«, die bis 1950 besteht. Doch entschließen sich die Vertreter des New York Dada 1921, in der Kunstmetropole Paris weiterzuarbeiten, in der Man Ray schnell Teil der Kunstszene am Montparnasse wird. Er kann nun u.a. gemeinsam mit Max Ernst, Hans Arp, Marcel Duchamp oder Tristan Tzara ausstellen (Librairie Six, Paris; Galerie Flechtheim, Berlin). Nach verschiedenen Kontroversen und der Spaltung von Dadaisten und Surrealisten setzt Man Ray die Arbeit an fotografischen Porträts der Künstler aus seinem näheren Umfeld fort. Es entstehen Aufnahmen von Picasso, Georges Braque, Juan Gris oder Henri Matisse, bald auch Zeitzeugnisse von amerikanischen Schriftstellern, die er in den Pariser Salons kennenlernt. Unter diesen ist auch der berühmte surrealistische Rückenakt seiner Lebensgefährtin Kiki de Montparnasse als Cello (Le Violon d’Ingres, 1924) – erneut eine Sinnüberlagerung, hier des celloförmigen weiblichen Körpers.

In Paris kann Man Ray auch durch Vermittlung Tristan Tzaras an frühere filmische Experimente anknüpfen. 1923 zeigt er seinen ersten 35mm-Stummfilm Retour à la raison, der auf sequenziell geschnittenen Rayographien und Schriftelementen Man Rays aufbaut. Ein umfangreiches, Rhythmik, Geschwindigkeit und Licht thematisierendes Filmprojekt im Auftrag eines amerikanischen Finanziers mündet in dem Film Emak Bakia (übers. Gib uns eine Pause), der 1926 in New York ausgestrahlt, aber kaum wahrgenommen wird. Weitere experimentelle, zum Teil surrealistische filmische Arbeiten (L’etoile de mer, 1928; Le Mystère du château de dés, 1929) folgen, bevor Man Ray sich in den 1930er Jahren wieder dem fotografischen Medium zuwendet. Nun entstehen auch Fotografien für Modezeitschriften wie Vogue oder Harper’s Bazaar, in denen Man Ray u.a. durch Doppelbelichtungen oder Sabattier-Effekte das Spektrum seiner fotografischen Verfahren noch einmal erweitert und surrealistisch-traumhafte Effekte erzielt. Erste Farbfotografien kann er in den 1930er Jahren veröffentlichen.

Aus der Zusammenarbeit mit seinen Modellen Lee Miller, schließlich Meret Oppenheim gehen in den folgenden Jahren surrealistische Arbeiten wie Object of Destruction (1932), das Ölbild A l»heure de l«observatoire – Les Amoureux (1932 — 34), das der Künstler immer wieder selbst zitiert, oder auch Fotografien wie Érotique voilée (1934) hervor, in denen Man Ray sich zunehmend erotischen Sujets, Sexualität und Obsession zuwendet. 1938 nimmt er letztmalig an der »Internationalen Surrealistischen Ausstellung« in der Galerie der Beaux Arts in Paris teil, darauf entsteht das Gemälde Le Beau Temps, in dem er seine Pariser Zeit resümmiert.
Mit der Flucht vor den Nationalsozialisten im Jahr 1940 und der Rückkehr in die USA, in die er nach fast 20 Jahren zurückkehrt, vollzieht sich eine Veränderung: Der in seinem Heimatland fast unbekannte Man Ray gibt die freie Fotografie fast ganz auf, wendet sich zeitweise wieder der Malerei zu und versucht bald im Filmgeschäft Hollywoods Fuß zu fassen. Trotz des Scheiterns der ursprünglichen Pläne, kann er dort zeitweise als Berater und Requisiteur arbeiten, hält Vorlesungen über Dadaismus und Surrealismus und bleibt schließlich 11 Jahre in Los Angeles, wo er auch 1946 in einer Doppelhochzeit zusammen mit Max Ernst und Dorothea Tanning Juliet Browner heiratet.

Mitte der 1940er Jahre entstehen auch wieder Objekte, die an frühere Arbeiten anknüpfen (Silent Harp, 1944). 1947 kann er seine zerstört geglaubten Werke aus Paris holen und gemeinsam mit den neuen, abstrakt-geometrischen Gemälden (Shakespearean Equations, u.a. King Lear, 1948), die zum Teil auf seinen früheren mathematischen Objekten aufbauen, aber auch erkennbare Verbindungen zu synthetischem Kubismus und Pittura metafisica aufweisen, ausstellen. Trotz des temporären Ausstellungserfolgs an der Westküste findet Man Ray dort nicht erwünschte Anerkennung und kehrt 1951 bis zu seinem Lebensende nach Paris zurück. Nun experimentiert er auch mit der Farbfotografie, verfolgt aber im wesentlichen die Porträtfotografie vor allem von KünstlerInnen und Schauspielern weiter. Zwischen 1957 und 1965 entstehen auch Acryl-Gemälde, die so genannten Natural Paintings, in denen Man Ray mit direkt aufgetragenen, zum Teil im Abdruckverfahren erstellten Farbspuren experimentiert und damit ebenso kaligrafischen Bildstrukturen wie dem Informel näher kommt (Natural Painting, 1958). Zugleich setzt er seine Arbeit im Filmgenre fort (Pierre Préverts Paris la belle), beteiligt sich auch weiterhin an Ausstellungen, die seine dadaistisches Œuvre dokumentieren (1958, Kunstverein Düsseldorf; Stedelijk Museum, Amsterdam; 1966 Musée National d’Art Moderne, Paris; Kunsthaus Zürich). 1966 wird Man Ray eine erste Retrospektive im Los Angeles County Museum of Art, 1974 anlässlich seines 85. Geburtstages eine große Einzelausstellung im New York Cultural Center gewidmet, die auch nach Europa wandert. Bis heute werden Man Rays Arbeiten regelmäßig weltweit gezeigt.

Man Ray stirbt am 18. November 1976 in Paris.

Literaturauswahl

Man Ray. Unbekümmert, aber nicht gleichgültig: Ausst.-Kat. Martin-Gropius-Bau, Berlin 2008

Duchamp, Man Ray, Picabia: Ausst.-Kat. Tate Modern u.a.O., hg. v. J. Mundy, London 2008

Marcel Duchamp – Man Ray: 50 Years of Alchemy: Ausst.-Kat. New York 2004

Man Ray: Ausst.-Kat. Galerie der Stadt Stuttgart, Wilhelm Lehmbruck Museum u.a., hg. v. J.-K. Brockhaus; C. und V. Loers, Ostfildern 1998

L’Ecotais, E. de; Sayag, A. (Hg.), Man Ray. Das photographische Werk, München 1998

Ray, Man: Selbstportrait. Eine illustrierte Autobiographie, München, Neuaufl. 1998

Man Ray 1890 — 1976. Sein Gesamtwerk, hg. v. M. Foresta u.a., Schaffhausen, 1989

Man Ray. Photographien, Filme, frühe Objekte (Ausst.-Kat.), Kunsthalle, Zürich 1988

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