Lucian Freud

So uneitel die Modelle sich zeigen, häufig schlafend oder selbstvergessen, so pur gibt Freud sie wieder. Er scheint vom Menschen gleichermaßen fasziniert wie irritiert mit dem Fleisch zu ringen – und mit der Malerei. Ein pastoser, modellierender Farbauftrag, der Duktus, der den ineinander greifenden Formen des Körpers folgt, eine scheinbare symbiotische Korrespondenz von Figuren und Farbe werden zu Freuds Markenzeichen.

Lucian Freud wird 1922 in Berlin geboren. Seine jüdische Familie emigriert 1931 nach London, 1939 nimmt er die englische Staatsbürgerschaft an. Der Enkel Sigmund Freuds beginnt 1938 ein Kunststudium an der Central School of Arts and Crafts in London, das er von 1939 bis 1941 an der East Anglian School of Painting and Drawing in Dedham fortführt. Nach einem kurzen Einsatz bei der Handelsmarine studiert er von 1942 bis 1943 am Goldsmiths College in London. Von 1948 bis 1958 ist er Dozent an der Slade School of Fine Art in London.

Der junge Freud erarbeitet sich früh vor allem mit Porträtzeichnungen die Anerkennung seiner Künstlerkollegen. Hinzu kommen Garten- und Tierbilder sowie der Akt. Anfänglich bleiben seine Bilder der sachlichen Malerei der 1920er Jahre verhaftet: Es sind detailgetreue, flächige Wiedergaben der Motive, mit blassen Farben, betonter Linienführung und minutiösem Duktus. So sind in Girl with a white dog (1951) Haar und Haut, Stoffe, und das Fell des Hundes haptisch spürbar. Schon hier beweisen sich neben Freuds Bestreben zur realistischen Malerei auch die hohe sinnliche Ansprache des Betrachters und die emotionale Wirkung des Bildes.

Im Akt, seinem wichtigsten Thema, studiert Freud den Menschen in seiner fleischlichen Körperlichkeit. Er betrachtet ihn mit insistierendem Blick und gibt die Details ungeschönt wieder, ohne jemals entblößend zu sein. Prototypisch erscheint das großformatige Bild Big Sue (1996). So uneitel die Modelle sich zeigen, häufig schlafend oder selbstvergessen, so pur gibt Freud sie wieder. Er scheint vom Menschen gleichermaßen fasziniert wie irritiert mit dem Fleisch zu ringen – und mit der Malerei. Ein pastoser, modellierender Farbauftrag, der Duktus, der den ineinander greifenden Formen des Körpers folgt, eine scheinbare symbiotische Korrespondenz von Figuren und Farbe werden zu Freuds Markenzeichen. Auch Aufsichten, stürzende Linien, gekippte Perspektiven oder starke Nahsichten prägen diese Werke.

Wie die Akte sind auch die Porträts, darunter eine Vielzahl Selbstbildnisse, von ernstem oder melancholischem Ausdruck. Die Protagonisten sind niemals heiter; eher gezeichnet oder ergeben, mit geneigtem Kopf und geschlossenem Mund. Auch als Porträtist wichtiger Persönlichkeiten wählt Freud konzentrierte, verdichtete Kompositionen, selbst im kleinformatigen Bildnis der Queen Elisabeth II (2001). »Es zählt allein die Eindringlichkeit«, so Freud in einem Interview (mit William Feaver im Observer am 17.05.1998, zit. n. Sebastian Smee: Lucian Freud 1996 2005, München 2006, 5).

Freuds erste Ausstellung findet 1944 in der Lefevre Gallery in London statt. 1954 nimmt er an der Biennale in Venedig teil. 1988 tourt eine Retrospektive durch Washington, Paris, London und Berlin (West). Das Museum für Gegenwartskunst Siegen zeigt 1997 Freuds Radierungen und 2001 richtet das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/Main die Akt-Schau »Naked Portraits« aus. 2002 stellt die Tate Gallery das Frühwerk und das Spätwerk aus. Ebenfalls Retrospektiven zeigen unter anderem 2004 die Wallace Collection in London und die Scottish National Gallery of Modern Art in Edinburgh sowie parallel zur Biennale 2005 das Museo Correr in Venedig, 2007/2008 das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk (Dänemark), das Gemeentemuseum in Den Haag und 2010 das Centre Georges Pompidou in Paris.

Lucian Freud wird vielfach geehrt: 1951 erhält er den Arts Council Preis. 1983 wird er zum Companion of Honour ernannt und 1988 nimmt ihn die American Academy als Mitglied auf. 1994 bekommt er den Order of Merits, 1997 den Rubenspreis der Stadt Siegen und 2001 den Jerg Ratgeb Preis der HAP Grieshaber-Stiftung und der Stadt Reutlingen.

Lucian Freud stirbt 2011 in London.

Literaturauswahl

Lucian Freud. Porträts: Ausst.-Kat. National Portrait Gallery, London; Modern Art Museum of Fort Worth, Texas, München 2012

Smee, Sebastian: Lucian Freud 1996 2005, München 2006

Lucian Freud. Naked Portraits. Werke der 40er bis 90er Jahre: Ausst.-Kat. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, hg. v. Rolf Lauter, Ostfildern-Ruit 2001

Hughes, Robert: Lucian Freud Paintings, London 1987

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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